Spiritualität
Zwischen Kappes, Kirche und Kohle

Pilgern im Pott – eine ganz andere Erfahrung, das Ruhrgebiet zu entdecken. Nun soll dieses Pilgern Teil des evangelischen Angebotes für die Kulturhauptstadt Europas 2010 werden. Foto: Evangelisches Erwachsenenbildungswerk
»Pilgern im Pott« – die evangelische Kirche sieht hier eine neue Chance der Öffnung. Bis Herbst 2009 soll ein Pilgerführer entstehen.
„Ich bin dann mal weg“ – ein Buch, das über Nacht zum Verkaufserfolg wurde. Über 100 Wochen steht das Selbstfindungsbuch, auch als Hörbuch, auf den Bestsellerlisten von „Spiegel“ und „Focus“. Seit Erscheinen des Buches haben sich Tausende auf den Weg, den camino, gemacht. Zwölf Prozent von denen, die am Pilgerziel in Santiago ankommen, sind Deutsche. Strapazen in verschwitzten Wanderklamotten, mit Blasen an den Füßen, unter sengender Sonne, bei peitschendem Regen und in muffigen Unterkünften – alles egal. Der Weg ist das Ziel.
Das Pilgerfieber hat selbst Atheisten gepackt
Dank Kerkeling hat das Pilgerfieber selbst bekennende Atheisten gepackt. Pilgernde machen sich auf, suchen sich selbst, suchen Andere(s), hoffen vielleicht auf ein spirituelles Erleben, haben etwas zu bewältigen, möchten ihren Alltag entschleunigen, oder eine Leere füllen … . Die Motive zum Pilgern sind so vielfältig wie die Menschen, die aufbrechen.
Schon längst setzt man diesen Pilgertrend auch auf deutschem Boden um und sucht und beschildert die traditionellen Jakobswege und Wegekirchen in Deutschland hin zu dem camino.
Pilgern - eine uralte christliche Tradition
Schön bleibt dabei, dass mit der Popularität des Pilgerns eine uralte christliche Tradition aufgenommen wird und das Pilgern den Menschen zu einer Form von Traditionsbewusstsein verhilft. Das Volk ist unterwegs.
Jenseits der alten Pilgerwege entsteht im Raum der evangelischen Kirche von Westfalen seit drei Jahren eine neue Suchbewegung: Das Pilgern im Pott, eine Idee entstanden in der Zusammenarbeit zwischen dem Frauenreferat des Kirchenkreises Bochum und dem Evangelischen Erwachsenenbildungswerk für Westfalen und Lippe e.V..
Im Mittelpunkt steht das traditionelle Pilgern zwischen evangelischen Kirchen(gemeinden) im Ruhrgebiet. Zwischen Kappes und Kohle brechen wir auf, um unsere evangelischen Kirchen zu entdecken. Wir machen unsere kleinen und großen Ruhrgebietskirchen zu Wallfahrtskirchen.
Von einem Kirchenkreis in den nächsten
Wir erfahren sie als Orte, die einladen zum still werden, beten, singen und Lokalgeschichte sehen und hören. Ohne viel Aufwand gehen wir von einer gastfreundlichen Gemeinde in die nächste, von einem Kirchenkreis in den nächsten. Wir leben Spiritualität in ihrer einfachsten Form, mitten an alltäglichen Orten und dann wieder an heiligen Orten.
Zum Beispiel sind wir schweigend durch den Bochumer Ruhrpark (hinter diesem wohlklingenden Wort verbirgt sich ein Einkaufszentrum) gegangen. Nichts wollend und zugleich Teil der Konsumgesellschaft. Oder kamen abends in einer kleinen Gemeinde in Garenfeld an und wurden dort von Gemeindegliedern mit diversen Speisen zum Abendessen erwartet, grillten zusammen mit dem Pfarrer und rollten zur Nacht die Isomatten im Gemeindezentrum aus. Beides Erfahrungen, die unvergesslich bleiben. Weil wir sie selbst gemacht und geteilt haben.
Gemeinden mit den Füßen vernetzen
Gerade hier liegt die große Chance für die Gemeinden: aufzubrechen, ohne Bus und Fluganreise, sondern ganz nah. Gemeindeübergreifend mit den Füßen der Gemeinde beten und vernetzen. Über eine kleine oder große Distanz, mit Jugendlichen, mit 30plus, mit 55plus, oder mit 60plus, mit Familien, mit Singles, mit Frauen, mit Männern, mit Kirchennahen und -fernen, einen ganzen Tag, einen halben Tag, mit den Gottesdienstbesucherinnen, mit Übernachtung, ohne Übernachtung … .
Vorarbeit ist nötig. Eine Unterstützung dazu kann eine Fortbildung zur Pilgerbegleitung sein, die das Evangelische Erwachsenenbildungswerk Westfalen und Lippe e.V. im kommenden Jahr anbietet.
Das Ruhrgebiet ist 2010 Kulturhauptstadt Europas. Religion als Teil der Kultur darf da nicht fehlen.
Großer Pilgerweg entlang der Emscher
Viele Projekte sind bereits angedacht und in Planung. Unter der Federführung von Monica Hirsch Reinshagen und Eva Maria Ranft vom Evangelischen Erwachsenenbildungswerk wird in Zusammenarbeit mit Andreas Isenburg vom Evangelischen Kulturbüro Ruhr 2010 ein großes Pilger-Projekt entwickelt, das über das Kulturhauptstadtjahr hinaus wirken soll.
Entlang des ehemaligen Abflusskanals, der Emscher, entsteht von der Emschermündung bis zu deren Quelle ein großer Pilgerweg. Er geht bewusst von West nach Ost, von Dinslaken bis Holzwickede, der Sonne, Ostern entgegen. Hauptziele sind wiederum evangelische Kirchen, die als verlässlich geöffnete Kirchen gekennzeichnet sind.
Über 20 Gemeinden aus dem Rheinland und aus Westfalen sind an diesem Projekt beteiligt. Sie sammeln Ideen zu Begegnungen mit den Pilgernden, überarbeiten ihre Konzepte der Offenen Kirche, überbrücken Grenzen und stellen Material ihrer Kirche und Gemeinde zur Verfügung.
Spirituelle Anregungen
Bis Herbst 2009 soll ein Pilgerführer entstehen, mit dem Einzelpersonen und Gruppen aus nah und fern den Weg nachgehen und die ebenfalls darin enthaltenen spirituellen Anregungen aufnehmen können.
Beim Erkunden der Wege wird nach dieser oder jener Evangelischen Kirche gefragt. Nicht jede und jeder Ortsansässige konnte beschreiben, wo sie liegt, wie sie heißt, oder ob jenes Kirchengebäude vielleicht doch die katholische Kirche ist.
Die Verantwortlichen des Pilger-Projekts hoffen, dass das pilgernde Suchen und Fragen neben seinem spirituellen Gewinn auch zu einer stärkeren gesellschaftlichen Wahrnehmung von evangelischer Kirche beitragen kann.
Autorin: Monica Hirsch Reinshagen
Weitere Informationen: Evangelisches Erwachsenenbildungswerk Westfalen und Lippe e.V., Monica Hirsch Reinshagen, Olpe 35, 44135 Dortmund, (0 231) 54 09 48. E-Mail: monica.hirsch-reinshagen@ebwwest.de
Dieser Beitrag wurde am 12.9.2008 um 08.38 Uhr veröffentlicht.
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