Kinder und Religionen
»Ist Allah auch der liebe Gott?«

Gemeinsam lachen, spielen, aufwachsen. Die andere Religion sollten dabei nicht außen vor bleiben. Evangelische Kitas sollten die Kultur der Gastfreundschaft einüben. Foto: Archiv
Interreligiöse Bildung in evangelischen Tageseinrichtungen für Kinder. Was kann geleistet werden, ohne die christlichen Grundlagen zu verlassen? Das Leben von Gastfreundschaft eröffnet neue Möglichkeiten.
In den evangelischen Tageseinrichtungen für Kinder (Kitas) und Familienzentren leben und lernen nicht nur christliche Kinder von- und miteinander. Auch viele muslimische Eltern wählen eine Einrichtung in kirchlicher Trägerschaft, weil ihnen die religiöse Dimension von Erziehung und Wertebildung am Herzen liegt.
Doch für die muslimischen Kinder bedeutet das nicht automatisch, dass auf ihren religiösen Hintergrund angemessen reagiert werden kann.
Taufe viel Beachtung geschenkt
Als der fünfjährige Wilm während seiner Kita-Zeit getauft wurde, wurde diesem Ereignis seitens der Kita viel Bedeutung beigemessen: Er wurde beglückwünscht – er bekam eine Taufkerze geschenkt – er durfte im Morgenkreis von der Feier erzählen und außerdem war seine Taufe auch der Anlass, den Taufstein in der Kirche zu besichtigen und über die Bedeutung der Taufe zu sprechen.
Als hingegen der sechsjährige Mustafa wenig später Beschneidungsfest hatte, wurde dieses in der Kita kaum beachtet. Mustafa kam einige Tage nicht in die Einrichtung und seine jüngere Schwester erzählte derweil den anderen Kindern, weshalb Mustafa jetzt zuhause blieb.
Anatomische Missverständnisse...
Sie produzierte dabei allerlei anatomische Missverständnisse, die bei den christlichen Kindern, die das Ritual nicht kannten, den Eindruck erweckten, Mustafa sei nicht nur die Vorhaut entfernt, sondern der ganze Penis abgeschnitten worden.
Als Mustafa einige Tage später wieder in die Kita kam, wurde ihm nicht gratuliert, sondern seine christlichen Spielgefährten empfingen ihn mit mitleidigen Blicken. Kein Geschenk, kein Lied für Mustafa – auch kein Erzählen vom Beschneidungsfest.
»Wir wissen zu wenig vom Islam und seinen Bräuchen«
„Wir wissen“, sagt Mustafas evangelische Erzieherin „viel zu wenig vom Islam und seinen Bräuchen. Aus Sorge, etwas falsch zu machen, tun wir dann meistens gar nichts, wenn islamische Feste gefeiert werden. Aber wir merken, dass es für die Kinder nicht gut ist, wenn sie mit ihrer Religion in der Gruppe nicht präsent sein können. Das schafft so ein Ungleichgewicht und die Kinder fühlen sich benachteiligt.“
„Ähnlich ist das auch“, berichtet eine andere Erzieherin „wenn manche muslimischen Eltern aus religiösen Gründen nicht möchten, dass wir den Geburtstag ihrer Kinder hier in der Kita feiern. Die Kinder können das schlecht akzeptieren. Sie fragen uns dann, wann sie Geburtstag haben und wann wir ihr Fest hier feiern und wir tun uns dann schwer, eine Lösung für das Kind zu finden!“
Ein Gefühl von Ausgegrenztheit
Was die Erzieherinnen hier beschreiben, ist nicht nur das Erleben von Fremdheit, sondern das Gefühl von Ausgegrenztheit, das viele Minderheiten in einer Umgebung haben, in der die Gesprächsthemen, Alltagsbräuche und religiösen Feste auf die Mehrheit abgestimmt sind.
Auf dem Hintergrund solcher Erfahrungen geraten die Kinder leicht in einen inneren Zwiespalt: Sie möchten ein gleichberechtigtes Mitglied der Gruppe sein und an dem teilhaben, was für die meisten anderen Kinder gilt.
Gleichzeitig spüren sie aber auch die anders gearteten religiösen Vorstellungen und Bräuche in ihrem Elternhaus und fühlen sich denen verpflichtet. Diese Zwiespältigkeiten bringen die Kinder in innere Not. Sie sind dann oftmals der Anlass zu Aggressionen gegen die eine oder andere Seite oder aber auch der Auftakt zu Heimlichkeiten.
Kaum Arbeitshilfen verfügbar
Wer als evangelische Erzieherin nach Möglichkeiten sucht, wie man die muslimischen Kinder in einer evangelischen Kita religionssensibel begleiten kann, muss die Erfahrung machen, dass es hierfür kaum Arbeitshilfen gibt.
Einer der wenigen, der sich der Problematik angenommen hat, ist der Erlanger Religionspädagoge Frieder Harz. Er geht der Frage nach, was evangelische Kitas den muslimischen Kindern anbieten können, damit diese sich religiös geachtet fühlen können.
Seine Antwort lautet: Religiöse Gastfreundschaft! Wer Gäste hat, möchte, dass sie sich wohl fühlen. Man erwartet nicht, dass sie sich einfach und ohne Hilfe zurechtfinden, sondern man erklärt ihnen, was gerade vor sich geht.
Gäste einladen!
Man lädt sie ein, bei dem, was man selbst tut, mitzumachen, findet es aber auch in Ordnung, wenn sie darauf nicht eingehen und sich mit der Rolle des Zuschauenden begnügen. Umgekehrt gibt man religiösen Gästen aber auch die Möglichkeit sich bekannt zu machen; man lädt sie ein, von sich und ihrer Religion und ihren Festen zu erzählen.
Die Pflege religiöser Gastfreundschaft kommt dabei sowohl den „Gästen“ als auch den „Gastgebern“ zugute, denn sie ist die Voraussetzung dafür, dass interreligiöse Begegnung und damit interreligiöses Lernen in der Kita möglich wird.
Religiöse Gastfreundschaft – so Frieder Harz – wird ohne vertrauensbildende Maßnahmen nicht möglich sein. Möglichst schon beim Anmeldegespräch sollte das religiöse Profil der evangelischen Kita erläutert werden.
Mit den muslimischen Eltern sprechen
Mit den muslimischen Eltern sollten die Erzieherinnen darüber sprechen, ob oder wie ihr Kind als religiöser Gast an christlich-religiöser Bildung sowie an christlichen Festen und Feiern teilnehmen kann. Auch die Wünsche der muslimischen Eltern im Blick auf das Einhalten von Speisevorschriften sollten abgeklärt werden.
Schön wäre es auch, wenn im Laufe der Zeit muslimische Eltern dafür gewonnen werden könnten, den christlichen Kindern Elemente ihres Glaubens zu erklären oder erfahrbar zu machen.
Dieses wichtige Thema aufgreifend, bot die Evangelische Erwachsenenbildung Westfalen und Lippe e.V. im Herbst 2008 eine neu konzipierte Fortbildung für Erzieherinnen an. „Ist Allah auch der liebe Gott?“ lautete ihr Titel.
Stadt nachgefragte Fortbildung
Mit einer muslimischen Theologin und evangelischen Religionspädagoginnen konnten die Erzieherinnen viele ihrer Probleme durchsprechen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Wegen der hohen Nachfrage wird die Fortbildung erneut angeboten
Autorin: Christa Behrens
Dieser Beitrag wurde am 24.11.2008 um 04.53 Uhr veröffentlicht.
| Fortbildungsangebote |
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Anmeldungen für die Fortbildung am 28. und 29. April 2009, 9.30 – 17 Uhr, sind bereits jetzt möglich beim Ev. Erwachsenenbildungswerk Westfalen und Lippe e.V., Olpe 35, 44135 Dortmund, Telefon (0231) 54 09 42/13: E-Mail: christa.behrens@ebwwest.de |
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