Sola scriptura
Neue Schriften für die Bibel?

Ist die Bibel schon zu Ende geschrieben, oder gibt es nicht ganz neue Erkenntnisse die hineingehören? Foto: PhotoGL
Frage an Harald (ohne Namensnennung): »Wie lässt sich die evangelische Überzeugung 'sola scriptura' logisch erklären? Schließlich wurden die ersten Evangelien deutlich später aufgezeichnet (etwa 70 bis 100 n.Chr.). Folglich konnte man es den Menschen früher zumuten, Glaubensinhalte richtig zu überliefern.
Warum sollte das heute nicht mehr möglich sein? Wenn die Evangelisten damals von dem Heiligen Geist inspiriert wurden, warum sollte das heute nicht mehr so sein?
Unterstützt finde ich mich hierbei von einer Stelle des Johannesevangeliums (Du wist sie sicherlich kennen), in der es heißt, dass noch viel mehr Wunder geschehen sind, die der Evangelist jedoch nicht alle aufzeichnen konnte und wollte. So kann die Schrift doch nicht das einzig Wahre sein.
Desweiteren haben sich die Menschen bereits bei der Entscheidung, welche der als echt befundenen Quellschriften in den Kanon der heiligen Texte aufgenommen wurden, über die Schrift als alleinige Instanz hinwegversetzt. Sonst dürfte es doch gar keine Apokryphen geben.
Aus diesen Gründen fällt es mir schwer, die Ausschließlichkeit dieser Auffassung nachzuvollziehen. Vielleicht kannst du mir dabei helfen.«
Harald meint dazu: Es ist richtig, dass die Frohe Botschaft zunächst mündlich weiter gegeben wurde. Es gab dann etwa ab der Hälfte des ersten Jahrhunderts vor allem drei Gründe, die Kunde vom Reich Gottes schriftlich festzuhalten. Einmal weitete sich die Gemeinde weit über die Grenzen des alten Palästina. Paulus musste weite Wege überwinden, um nach Rom und Spanien zu kommen, aber auch Philippus nach Süden in die Mitte Afrikas.
Zum anderen starben die Augenzeugen. Und weil die schnelle Wiederkehr Christi ausblieb, wollten diese die Erinnerungen lebendig erhalten (z.B. die Evangelien als Lebensbeschreibungen Jesu). Nicht zuletzt kam es zu schweren Auseinandersetzungen mit dem römischen Weltreich (Zerstörung Jerusalems im Jahr 77 nach Christus und die Verfolgungen).
In der Tat kam es zu einem weit gefächerten, zahlreichen christlichen Schrifttum. Um 144 jedoch stellte der später »Erzketzer« genannte Marcion in Rom das Lukasevangelium und zehn Paulusbriefe in einer verkürzten Bearbeitung zusammen und gab damit der Gemeinde den Anlass, gewissermaßen nach innen zu klären, was denn nun die für den Glauben und die Kirche verbindlichen Schriften sind.
Dieser Vorgang der allmählichen Kanonbildung ist also ein Klärungsprozess nach innen und erst danach auch gegen Angriffe von aussen. Der Kanon ist als verbindliche und gültige »Messlatte« gemeint, an der sich alles andere messen lassen muss.
Selbstverständlich wirkt der Heilige Geist auch darüberhinaus, damals in den Apokryphen, aber auch später, ja bis heute, aber niemals im Widerspruch oder Gegensatz zu den festgelegten Schriften. In ihnen ist auch - wie in einem Samenkorn oder einer Blüte - alles enthalten. Nichts braucht hinzugefügt zu werden, nur entfaltet, um dann Frucht zu bringen.
Sicher geschehen auch heute noch viele andere Wunder und Wirkungen Gottes, aber sie sind zu erkennen und notfalls zu prüfen an dieser Messlatte, die erst nach diesen schweren Anfangserfahrungen gefunden wurde." hama/schroe
Dieser Beitrag wurde am 9.9.2010 um 12.41 Uhr veröffentlicht.
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