Geistliches Leben
Beim Beten niederknien?
Frage: Sich beim Beten niederzuknien, werden viele evangelisch geprägte Menschen als eher katholisch einordnen. Aber machen sie es sich damit nicht zu einfach? Und kann diese Gebetshaltung nicht auch Evangelischen gut tun, weil sie körperlich das ausdrückt, was Menschen innerlich empfinden?
Harald meint: So unbekannt ist das Knien auch im evangelischen Raum gar nicht. Es gibt manche Situationen, wo es sogar fester Bestandteil einer gottesdienstlichen Feier ist, z.B. bei der kirchlichen Trauung. Das Brautpaar kniet zum Empfang des Trausegens in der Regel nieder. Manchmal macht der Zuschnitt des Brautkleides (zu eng, zu bauschig) das allerdings unmöglich. Kniekissen stehen zur Verfügung, damit der Ritus auf den Altarstufen nicht zur Marter wird.
Auch Konfirmandinnen und Konfirmanden nehmen zum Konfirmationssegen eine kniende Haltung ein. Das wird sogar im Vorfeld geübt, damit eine gewisse Sicherheit da ist. Schließlich sind wir es ja nicht mehr gewohnt die „Knie zu beugen“.
Beobachten kann man das Niederknien auch bei Amtseinführungen von Pfarrern oder kirchlichen Mitarbeitern.
Doch manche werden nun einwenden: Ja, das sind aber keine Gebete sondern Segenshandlungen. Und beim Segen, der mir zugesprochen wird, ist es eben angemessen, sich in eine demütige, empfangende Körperhaltung zu begeben – eben durch das Hinknien.
In beiden Fällen, beim Empfang des Segens und beim Beten geht es um Kommunikation zwischen Gott und Mensch. Obwohl Menschen die Freiheit haben, Gott auch aufrechten Hauptes anzureden (es gibt keine zwingende Anweisung dafür), haben manche Christen eine Sehnsucht danach, diesen unendlichen Unterschied zwischen dem Schöpfer und sich, dem Geschöpf, nicht aufzuheben. Obwohl wir mit Gott per Du sein dürfen (Unser Vater im Himmel), ist es doch keine Kumpelei. Wir bleiben das Geschöpf, das staunend zu dem blickt, der es zuerst angesprochen hat. Und wir reagieren, wir finden Worte, um ihm zu antworten.
Evangelische Freiheit lässt es offen, ob Menschen im Knien beten oder nicht. In lutherischen Landeskirchen hat das Knien noch Tradition. Besonders beim Empfang des Heiligen Abendmahls nehmen Menschen am Altar eine vor Gott gebeugte Haltung ein. Ist es Ehrerbieten gegenüber dem Höchsten, ist es Dank, ist es Demut wegen meines Versagens, ist es Anbetung des Geheimnisses – unterschiedliche Motive mögen hier zusammenfinden. Wichtig erscheint mir, den Reichtum der Ausdrucksformen für die Begegnung mit dem Heiligen zu entdecken und auszuleben. Warum nicht durch Hände, die sich zum Lob in die Höhe strecken und durch Knie, die sich für einige Momente beugen.
Für die meditative Stille praktizieren Kommunitäten schon seit langem das Knien mit Hilfe eines Holzbänkchens, auf das man sich kniend setzen kann, um die Körperhaltung zu entlasten.
Es ist übrigens sehr interessant zu beobachten, mit welchen Körperhaltungen andere Religionen ihre Gottesverehrung zum Ausdruck bringen. Das sich vor Gott Verbeugen oder Knien kommt in wohl allen vor.
Dieser Beitrag wurde am 10.11.2010 um 13.32 Uhr veröffentlicht.
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