Christoph Hartlieb
Wer älter wird...

Christoph Hartlieb: Wer älter wird...
Irgendwann, bei dem einen früher, dem anderen später, lässt es sich nicht mehr leugnen: Wir werden älter.
Was einem dabei so alles passieren kann, hat der frühere Mindener Pfarrer Christoph Hartlieb in humorvolle Reime gefasst. „Wer älter wird, was weder Mann / noch Frau noch Kind vermeiden kann, / braucht oft Jahrzehnte, eh’ er spürt, / wohin das Älterwerden führt.“ Augenzwinkernd nimmt Hartlieb all die kleinen und größeren Schwächen und Gebrechen aufs Korn, die der angehende Senior oder die Seniorin wohl bei anderen bemerkt, bei sich selbst meist aber erst relativ spät. Im Shop bestellen
Dann aber kommt die Erkenntnis oft blitzartig: „Doch irgendwann an einem Tag / trifft ihn die Einsicht wie ein Schlag. / Verrostet ist der alte Glanz, / verwelkt der grüne Siegerkranz.“
Brille, Gebiss, Vergesslichkeit und Hexenschuss – all diese Erscheinungsformen des Älterwerdens sind Themen der Gedichte, die stark an Verse von Eugen Roth und Joachim Ringelnatz erinnern. Beide gehören neben Wilhelm Busch, Erich Kästner und Kurt Tucholsky auch zu den Lieblingsdichtern des Verfassers. Neben Homer natürlich.
Denn in jüngeren Jahren war er Oberstudienrat für Griechisch, Latein und Religion am Ev. Stift. Gymnasium in Gütersloh, später an den deutschen Schulen Den Haag, Stockholm und Mailand.
Am ESG Gütersloh war Hartlieb auch mein Latein- und Religionslehrer. Wie sehr wir damals seine freundliche und zugewandte Art geschätzt haben, konnten wir ihm als 15-jährige, die damals gegen alle Autoritäten aufbegehrten, leider nicht sagen. Heute weiß ich, dass ich Lehrern wie ihm, die uns die Sprache der Antike und der Bibel nahe gebracht haben, viel verdanken.
Als seit den 1970er Jahren die alten Sprachen immer mehr in Frage gestellt wurden, unternahm Christoph Hartlieb einen Neuanfang. Er wurde Pfarrer.
Auch als solcher ist er viel herumgekommen: In Deutschland, Österreich, Holland, Schweden, Italien und auf Mallorca war er tätig. Seit seiner Pensionierung als Pfarrer von St. Simeonis Minden lebt er seit 1997 in Stockholm.
Schon als kleines Kind soll ihm sein Vater die Geschichten von Odysseus erzählt haben, der in immer neue unbekannte Fernen aufbrach.
Das muss Christoph Hartlieb wohl geprägt haben.
Denn er war zeitlebens unterwegs und öffnete sich notwendigen Veränderungen. Odysseus ist neben Diogenes und Sokrates auch sein liebstes Vorbild. Ebenso prägend waren für ihn Abraham, der den Auftrag bekam, seine Heimat zu verlassen - und vor allem Jesus.
War er es doch, der auf die Spatzen hinwies, die nicht säen und ernten und doch fröhlich ihr Leben genießen.
Glaubensheiterkeit durchzieht alle Gedichte und mildert so auf angenehme Weise die Wucht der gesammelten Altersweisheit. So tropft kein Moralin und es bleibt ein schieres Vergnügen, das kleine Buch zu lesen.
Sicherlich eignet es sich genauso gut zum Vorlesen in Gruppen – auch Betroffene werden darüber schmunzeln können.
Christoph Hartlieb: Wer älter wird... Deutscher Literaturverlag, Berlin 2009. ISBN 978-3-940490-69-8. Euro 9,80
Wolfgang Riewe
Dieser Beitrag wurde am 7.3.2010 um 07.44 Uhr veröffentlicht.
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