Andrea von Treuenfeld
In Deutschland eine Jüdin, eine Jeckete in Israel

Andrea von Treuenfeld: In Deutschland eine Jüdin, eine Jeckete in Israel
Sie kamen – oft auf den abenteuerlichsten Wegen – nach Palästina und wurden hier als „Jeckes“ verspottet und abgelehnt: Mädchen und junge Frauen, die vor den Nazis flohen.
Die Hamburger Journalistin Andrea von Treuenfeld porträtiert 16 dieser Frauen, die dank ihrer Disziplin, Bildung und Tatkraft Israel wie keine andere Einwanderungsgruppe prägten. Im Shop bestellen
Jetzt, im Alter, kommen die Erinnerungen an Vergangenes und Verdrängtes zurück und durchbrechen die jahrzehntelange Sprachlosigkeit.
Mit ihren sehr persönlichen Geschichten geben Lore Wolf, Elli Freund, Sarah Singer und andere, die dem Naziregime entkamen, Auskunft über ihr Leben. Sie erzählen von einer fröhlichen Kindheit, die mit Demütigungen und Verboten, verhafteten Vätern und verschwundenen Familien abrupt endete.
Die 16 Jüdinnen berichten von ihrem Weg nach Palästina, legal mit „Kapitalisten-Zertifikat“ reisend, oder illegal in der Nacht an Land schwimmend.
Nach ihrer Ankunft haben sie als Putzfrau arbeiten müssen oder sind später Diplomatin geworden, haben Kibbuzim aufgebaut oder im orthodoxen Viertel in Jerusalem gelebt.
Obwohl sie seit Jahrzehnten Israelinnen sind, fühlen sich diese Frauen der deutschen Kultur noch heute verbunden.
In ihren Regalen stehen neben hebräischen und englischen auch deutsche Bücher. Im Fernsehen sehen sie Günther Jauchs Sendung „Wer wird Millionär?“. Und ihre Lebensgeschichten haben sie, ob 78-jährig oder 100-jährig, auf Deutsch erzählt – dem Deutsch der dreißiger Jahre.
In ihrem Buch bietet die Autorin neben den Berichten der Frauen Informationen zum jüdischen Leben in den Städten und Regionen, in denen sie ihre ersten Lebensjahre verbrachten, zahlreiche Fotos, ein umfangreiches Glossar, eine Zeittafel sowie ein Vorwort von Günther Jauch. Gut, dass die Autorin diese Frauen selber zu Wort kommen lässt.
Auch wenn man der nachfolgenden Generation angehört, spürt man beim Lesen der Lebenserinnerungen Trauer und Beschämung.
Diese Frauen haben sich als Deutsche gefühlt und waren plötzlich nur noch „die Juden“. In Israel waren sie die „Jecketen“ und galten als nicht ganz zuverlässig, weil sie die Sprache der Mörder beherrschten.
Andrea von Treuenfeld ist ein bewegendes und berührendes Buch gelungen, das auch jüngere Menschen mit viel Gewinn lesen dürften.
Andrea von Treuenfeld: In Deutschland eine Jüdin, eine Jeckete in Israel. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011. 240 Seiten. 22,99 Euro.
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Dieser Beitrag wurde am 12.11.2011 um 00.00 Uhr veröffentlicht.
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