Ab 4. Februar im Kino
Up in the Air
Er ist ein bindungsloser Vielflieger: George Clooney überzeugt in Jason Reitmans neuer Komödie „Up in the Air“ und hat mit sechs Nominierungen – darunter Bester Film und Bester Hauptdarsteller – durchaus Oscar-Chancen.
Ryan Binghams Job ist es, andere zu entlassen. In Krisenzeiten wie jetzt, wenn Entlassungen – euphemistisch „Freistellungen“ genannt – zum Sanierungsprogramm der Firmen werden, hat er Hochkonjunktur. 322 Tage im Jahr jettet er von Ort zu Ort, um im Auftrag einer Consulting-Firma die Entlassungsgespräche für Fremdunternehmen zu führen. Der Witz ist: Ryan liebt seinen Terminatorjob, weil er den anonymen, abgehobenen Vielfliegerlebensstil, der damit verbunden ist, liebt.
Er bewohnt zwar – 42 Tage im Jahr – irgendwo in Omaha im US-Bundesstaat Nebraska ein aseptisches Apartment, aber zu Hause fühlt er sich im First-Class-Abteil eines Flugzeugs. Er zieht sein Handgepäckköfferchen hinter sich her, ist glücklich damit, hält sogar Vorträge bei Selbsthilfeseminaren, in denen er erklärt, wie und warum man „den Rucksack seines Lebens“ möglichst leichtgewichtig halten sollte. Er ist der total mobile Angestellte, der seine businesskonforme Bindungslosigkeit als Lebensideal predigt.
Ryan beginnt ein lockeres Verhältnis mit der gleichgesinnten Alex (Vera Farmiga), die er auf seinen Flugreisen trifft. Er steigt mit ihr ins Bett, aber so etwas wie eine feste Beziehung darf daraus nicht entstehen. Der „menschliche Kontakt“ bleibt auf dem One-Night-Stand-Level.
George Clooney spielt den ultimativen Zyniker Ryan mit solch hinreißender Lässigkeit und Präzision, dass er beinahe sympathisch wird. Clooney zeigt sich in Bestform, und Regisseur Jason Reitman legt mit seinem dritten Spielfilm – nach seiner pfiffigen Komödie über einen Lobbyisten der Zigarettenindustrie „Thank you for smoking“ und dem Überraschungshit „Juno“ – hier seine gelungenste Arbeit vor.
Aus der Romanvorlage, dem Bestseller „Der Vielflieger“ von Walter Kirn, formt Reitman eine Komödie, die mit pointiertestem Dialogwitz aufwartet, bei der es aber die in Hollywoodkomödien üblichen Versöhnungsstrategien und Sentimentalitäten nicht gibt. Bei der es auch eigentlich nichts zu lachen gibt. Wie kann man über jemanden lachen, der dabei hilft, Existenzen zu vernichten? Für einige der Entlassungsgespräche hat Reitman Laien engagiert, die real aus ihren Jobs geflogen sind. Das führt zu Momenten einer beklemmenden, unter die Haut gehenden Direktheit.
Es kommt der Augenblick, in dem Ryans Job in Gefahr gerät. Die 23-jährige, ehrgeizige Natalie (Anna Kendrick) wird von Ryans Chef (Jason Bateman) engagiert, um einige Neuerungen durchzusetzen. Könnte man nicht die Entlassungsgespräche per Videokonferenzschaltung führen? Das würde die kostspieligen Flugreisen überflüssig machen. Ryan erschrickt, darf aber zuerst noch die junge Kollegin auf einige Flüge mitnehmen und ihr stolz seine Routine vorführen. Beim Einchecken im Terminal und bei den Entlassungsgesprächen, die er versiert mit Trostformeln wie „Betrachten Sie Ihre Entlassung nicht als Tragödie, sondern als Chance“ garniert.
Natalie gerät mit ihren Karriereambitionen ins Taumeln, als sie erkennt, welches Leben Ryan führt: „Sie haben Ihr Leben so arrangiert, dass es unmöglich für Sie ist, irgendwelche menschlichen Bindungen zu haben.“ „Up in the Air“ ist eine Komödie, die es wagt, den Blick auf den peinigendsten Aspekt der gegenwärtigen ökonomischen Krise zu richten. Ausgezeichnet mit einem „Golden Globe“ für das beste Drehbuch darf sich „Up in the Air“ zu Recht auch bei den Oscars einige Chancen ausrechnen.
Autor: Rainer Gansera
Dieser Beitrag wurde am 5.2.2010 um 14.21 Uhr veröffentlicht.
| Im Kino |
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Up in the Air. USA 2009. Regie: Jason Reitman. Buch: Jason Reitman, Sheldon Turner (nach dem Roman von Walter Kirn). Mit: George Clooney, Vera Farmiga, Anna Kendrick, Craig Gregory. 109 Minuten. FSK: ohne Altersbeschränkung |
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