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The Tree of Life

Mr. O'Brien (Brad Pitt) mit einem seiner drei Söhne. Foto: Verleih

Mr. O'Brien (Brad Pitt) mit einem seiner drei Söhne. Foto: Verleih

Kindheit und Kosmos – Terrence Malicks neuer Film „The Tree of Life“ beschäftigt sich mit den großen Fragen des Lebens.

Der Regisseur Terrence Malick gehört zu den rätselhaftesten Figuren der neueren Filmgeschichte. Fünf Filme drehte er in den vergangenen vier Jahrzehnten, das bislang letzte offizielle Bild von ihm stammt aus den 90er Jahren. Er tritt so gut wie nie öffentlich auf. Auch sein neuester Film „The Tree of Life“ ist ein einziges Rätsel, eine impressionistische Kindheitserinnerung, eine bombastische Schöpfungsgeschichte, voll mit Philosophie und Religion, und in jedem Fall: eine außergewöhnliche kinematografische Erfahrung.

Mrs. O'Brien (Jessica Chastain) mit ihren Söhnen Jack (Hunter McCracken, vorne) und Steve (Tye Sheridan). Foto: Verleih

Mrs. O'Brien (Jessica Chastain) mit ihren Söhnen Jack (Hunter McCracken, vorne) und Steve (Tye Sheridan). Foto: Verleih

Der Film, der in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, ist in vier Teile untergliedert wie eine Symphonie. „Malick, die 5.“ titelte denn auch eine französische Tageszeitung. Der erste Teil setzt die Handlungsfäden des Films zusammen. Wir sehen eine Familie in einer amerikanischen Vorstadt in den 50er Jahren, die mit einem Verlust konfrontiert ist: ein Telegramm kommt an, das den Tod des 19-jährigen Sohns anzeigt. Über die Umstände erfahren wir nichts, die Art der Übermittlung legt aber nahe, dass dieser Sohn bei einer militärischen Operation – Koreakrieg? – ums Leben gekommen ist.

Ein Schnitt führt ins Hier und Jetzt, in die cool designte Wohnung eines Architekten (Sean Penn, der in diesem Film leider etwas zu kurz kommt) und in den Hochhausturm, in dem er arbeitet. Langsam setzt sich ohne große Dialoge die Ahnung zusammen: Der Architekt ist ein weiterer Sohn dieser Familie, der Film ist so etwas wie seine Erinnerung, sein Trauma, sein Leid.

Mr. O'Brien (Brad Pitt) diskutiert mit seinen Söhnen. Foto: Verleih

Mr. O'Brien (Brad Pitt) diskutiert mit seinen Söhnen. Foto: Verleih

Es folgt eine bildgewaltige Genesis unseres Planeten und des Universums: da finden Gasmassen zusammen, da brodelt Magma, da schwimmen Quallen so anmutig durchs Meer wie Hammerhaie. Einmal hält Malick in diesem ersten, fast 20-minütigen Bilderstrom inne, um zwei Dinosaurier zu zeigen, ein unfreiwillig komisches Erlebnis; später wird er die eigentliche Geschichte mit seinem Bilderstrom wieder unterbrechen.

Malick hat den Fluss der Bilder mit klassischer Musik unterlegt, von Bach über Mahler bis hin zu Berlioz und Gorecki. Erinnerungen an Kubricks Lichttunnel in „2001“ werden wach. Wie in „2001: Odyssee im Weltraum“ arbeitete auch in „The Tree of Life“ Special-Effects Veteran Douglas mit. Je länger dieser Bilderstrom anhält – insgesamt eine Dreiviertelstunde -, desto mehr drängt sich das Gefühl auf, dass es sich auch um kinematografischen Schwulst handelt.

Die Familie O'Brien auf dem Weg in ihr Haus. Foto: Verleih

Die Familie O'Brien auf dem Weg in ihr Haus. Foto: Verleih

Seinem Film stellte Malick ein Zitat aus der Bibel voran, aus dem Buch Hiob 38,4: „Wo warst du, als ich die Erde gegründet? / Sag es denn, wenn du Bescheid weißt“. Das Buch erzählt von den Prüfungen eines Menschen durch Schicksalsschläge und den Antworten, die Gott durch die Offenbarung der Wunder seiner Schöpfung gibt. Die Brüder Coen haben mit „A Serious Man“ einen wesentlich geerdeteren Film über die Hiobsfigur gedreht.

Doch schon in Malicks früheren Filmen hat es metaphysisch geraunt. In „In der Glut des Südens“ (1978) beschwor er biblische Plagen, in „Der schmale Grat“ (1998) und „The New World“ (2005) war es ein dick aufgetragener Naturmystizismus.

Mr. O'Brien (Brad Pitt) mit seinen Söhnen Steve, Jack und R.L. (von links nach rechts: Tye Sheridan, Hunter McCracken und Laramie Eppler). Foto: Verleih

Mr. O'Brien (Brad Pitt) mit seinen Söhnen Steve, Jack und R.L. (von links nach rechts: Tye Sheridan, Hunter McCracken und Laramie Eppler). Foto: Verleih

Aber im Zentrum von „The Tree of Life“, zu dem der Film erst etwa nach einer Stunde findet, steht das Leiden an der Kindheit, ein autoritärer Vater, eine religiöse, in den Grenzen der Zeit gefangene Mutter. Dieser Teil kommt ganz anders daher als Malicks rauschhafte Genesis: verhalten, andeutend, doppeldeutig. Brad Pitt spielt den Army-Veteranen Mr. O Brien in seiner ganzen Ambivalenz.

Der Vater ist schon vom Aussehen her der Inbegriff der 50er Jahre, ein Mann, der seine Kinder Härte lehrt und doch fast zärtlich Klavier spielt, ein Ingenieur, der mit Raumfahrtpatenten den amerikanischen Traum träumt und am Ende an den Verhältnissen scheitert, ein Familienoberhaupt voller Liebe und Hass. Gegen diesen Mann beginnt der kleine Jack zu rebellieren. Immer ist die Kamera (Emmanuel Lubezki) in Bewegung in diesem Teil, bis sie kurz zum Stehen kommt, als wolle sie Erinnerungsfetzen festhalten.

 Foto: Verleih

Foto: Verleih

Der Mensch müsse sich entscheiden zwischen der Natur und der Gnade, heißt es einmal aus dem Off. Malick geht es in „The Tree of Life“ um die letzten, wichtigen Fragen, nach dem Sinn von Leiden, dem Sinn der menschlichen Existenz. Aber, das muss man ihm zugute halten, er gibt auch keine allzu einfachen Antworten.

Autor: Rudolf Worschech

Dieser Beitrag wurde am 17.6.2011 um 14.31 Uhr veröffentlicht.

Im Kino

The Tree of Life . R, B: Terrence Malick. Mit: Brad Pitt, Sean Penn, Jessica Chastian, Dalip Singh. L: 138 Min.

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