Ab 26. November im Kino
New Moon
Vampire in der Krise: Im zweiten Teil der „Twilight“-Serie, „New Moon – Biss zur Mittagsstunde“ verkracht sich Bella mit ihrem Vampir-Liebhaber.
Was waren das noch für Zeiten als Vampire tranken, was sie bekommen konnten! Natürlich am liebsten Jungfrauenblut. An dieser Vorliebe hat sich auch bis heute nichts geändert. Aber wenn die Nosferatus aus früheren Kinozeiten in die Gemächer ihrer Beute traten, fackelten sie in der Regel nicht lange und bissen zu. Gierig saufend, schmatzend, stöhnend, bis auch die letzten Zweifler begreifen mussten, dass hier Todeskampf und Liebesakt ineinander übergingen und dass das, was sich da auf der Leinwand abspielte, in jeder Hinsicht ungehörig war.
„Bram Stoker s Dracula“ (1992) von Coppola wird diese sexuelle Aufladung noch auf eine groteske Spitze treiben. Davor jedoch hatte bereits Klaus Kinski unter der Regie von Werner Herzog 1979 eine neue Eitelkeit und Melancholie ins Genre hineingetragen. Rund 20 Jahre später versucht Brad Pitt seine Vampirnatur in „Interview with a Vampire“ (1994) von Neil Jordan sich überwiegend mordfrei und mit Ratten über Wasser zu halten. Und auch der blutsaugende Priester in Park Chan-Wooks „Durst“ stillt unlängst sein Verlangen aus lauter Skrupeln zunächst mit Blutkonserven aus Krankenhäusern.
Die neue Generation der Blutsauger jedoch stellt den Protestantismus ihrer zaudernden Kollegen weit in den Schatten. Die anämischen Protagonisten der „Twilight“-Trilogie sind von einer solch stählernen Moral, wie man das nur aus Rauch-Entwöhnungsgruppen kennt. Wie er das denn geschafft habe, seiner Lust nach Menschenblut zu widerstehen, will die Heldin Bella (Kristen Stewart) einmal von einem Vampir wissen. „Mit reiner Willenskraft“, lautet die Antwort „und vielen Jahren Training“. Mit Max Schrecks Zwangshandlungen und Bela Lugosis und Christopher Lees Enthemmungen hat das nichts mehr gemein.
Im zweiten Teil der Trilogie „New Moon – Biss zur Mittagstunde“ nach den vierbändigen „Twilight“-Bestsellern der Mormonin Stephenie Meyer wächst diese Prüderie buchstäblich ins Monströse aus. Immer wieder bietet sich die Heldin Bella ihrer großen Liebe an. Doch der Vampir Edward gibt seinem Menschenmädchen einen Korb. Er entsagt, wie das moralische Helden so tun, stößt sie von sich, um sie zu retten. In den Armen des Öko-Indianers Jacob Black (Taylor Lautner) findet sie Trost. Bis sich dieser als ein Werwolf herausstellt und damit als die einzige Figur, die Bellas Vampir gefährlich werden kann.
Aus dem romantischen Grundmuster – Vampirismus und Unsterblichkeit retten eine Teenagerliebe in die Ewigkeit – ist ein handzahmer „gothic“-Themenpark geworden. Ein Kulissenstädtchen, hinter dessen Fensterläden eine höchst fragwürdige bürgerliche Idylle wohnt. Die Unbedingtheit, mit der jedes Hybrid-Geschöpf hier die Jungfräulichkeit zu schützen versucht, trägt durchaus Züge einer fundamentalistischen Moral. Umgekehrt lässt dieses Keuschheitsgelübde natürlich nur den Schluss zu, dass die bösen Menschenblut trinkende Vampire eine Horde charakterschwache Konsumgeier sind.
Was ist denn nun zu halten von Draculas-Enkeln wie Edward, einem durchsichtig schimmernden Dandy in Designer-Röhren-Jeans und mit Trend-Frisur? Einem Schnösel, der morgens aus seinem SUV steigt, zu seiner Freundin über den Campus schwebt und nur äußerlich dem Glamour eines heroinsüchtigen Popstars nacheifert, innerlich aber längst zum republikanischen Sittenwächter mutiert ist? Wie soll man einen Vampir finden, der seinen Job nicht mehr macht und sich nur noch über Accessoires zu seiner Gattung bekennt?
Psychologisch gesehen steckt nicht nur der Vampir, sondern mit ihm auch die männlichen Protagonisten der Teenie- und Dating Movies in einer tiefen Männlichkeitskrise. Einer wie der andere instabile Charaktere, überzivilisiert, verklemmt, depressiv. Man könnte meinen, die ironischen, garstigen und bösen Teen-Slasher der neunziger Jahre, von „Scream“ bis „Scary Movie“, mit ihren kriminell enthemmten Serienmördern, hätten dieses Burn-out herauf beschworen.
Autorin: Birgit Glombitza
Dieser Beitrag wurde am 27.11.2009 um 15.28 Uhr veröffentlicht.
| Im Kino |
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Blue Moon – Biss zur Mittagsstunde. Regie: Chris Weitz. Buch: Melissa Rosenberg (nach dem gleichnamigen Roman von Stephenie Meyer). Mit Christen Steward, Christina Jastrzembska, Robert Pattinson, Billy Burke, Anna Kendrick, Michael Welch. 131 Minuten. FSK: 12, ff. |
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