Ab 8. Juli im Kino
Mahler auf der Couch

Sigmund Freud (Karl Markovics, r.) und Gustav Mahler (Johannes Silberschneider, l.) analysieren Mahlers Eheprobleme. Foto: Verleih
Gustav Mahler ist am Ende. Seine Frau Alma betrügt ihn. In Percy Adlons Film trifft der große Komponist den Vater der Psychoanalyse.
Ein hypernervöser alter Mann ist der Komponist Gustav Mahler, als er im Sommer 1910 ins holländische Leyden reist. Er will den Psychoanalytiker Sigmund Freud konsultieren, der dort Urlaub macht. In enger Zusammenarbeit mit seinem Sohn Felix hat der Regisseur Percy Adlon („Out of Rosenheim“), von dem man lange nichts gehört hatte, jetzt wieder ein größeres Projekt verwirklicht: einen Film über eine Begegnung zwischen Gustav Mahler und Sigmund Freud.

Alma Mahler (Barbara Romaner) nimmt den Heiratsantrag von Gustav Mahler (Johannes Silberschneider) an. Foto: Verleih
Und es macht Spaß, die beiden schrägen Vögel zu beobachten, wie sie grüblerisch, aber auch verzweifelt durch die Gassen von Leyden wandeln, die einem Seelenlabyrinth gleichen. Der Gegenstand ihres fiebrigen Räsonierens ist ein unergründliches Wesen: Alma, Mahlers junge Ehefrau, die ihn gerade mit keinem Geringeren als dem großen Architekten Walter Gropius betrogen hat.
Alma ist der heimliche Star der Wiener Secession. Sie lebt die Moderne, mehr als Mahler und Freud, die sie eher beschreiben und künstlerisch erfassen. Barbara Romaner als Alma ist ganz rebellische Sensualität. Ekstase, Passion, Schweiß: beinahe veranstalten die Adlons mit Alma einen Sinnlichkeits-Overkill.

Alma Mahler (Barbara Romaner) lernt während ihrer Kur in Tobelbad den jungen Architekten Walter Gropius (Friedrich Mücke) kennen. Foto: Verleih
Aber in Romaners Spiel dringt doch durch, wie sie ihre eigenen künstlerischen Ambitionen zurückstellen muss, weil Mahler ein „Weibsbild“ will und keine Kollegin. Im Kern der Mahler-Ehe aber steht ein Melodram: der Diphterie-Tod der älteren Tochter von Gustav und Alma. Hier ist der Film der Adlons schmerzlich und berührend, hier geht Freuds Analyse in Mahlers Musik auf.
Mit leidenschaftlichem Impetus und in prächtigen, von Benedict Neuenfels gestalteten Bildern zeigt der Film den Beginn der Moderne: als tragikomische Eheberatung, als Nachdenken über eine große, düstere Liebesgeschichte. Johannes Silberschneider als Mahler und Karl Markovics als Freud sehen mit ihren markanten Gesichtszügen beinahe wie Figuren aus einem Spitzweg-Gemälde aus – oder wie Comicfiguren.
Mahler ist also gleichsam ein perfekter Filmkomponist, der Schöpfer erotisch-melodramatischer Stimmungslagen, wie die Adlons mit ihrem eigenen Mahler-Soundtrack beweisen. Freud dagegen erscheint als mürrischer Verbalerotiker, ein moderner Beichtvater, dem es durchaus Freude bereitet, den phlegmatischen Egozentriker Mahler zu disziplinieren.
Autor: Hans Schifferle
Dieser Beitrag wurde am 9.7.2010 um 13.48 Uhr veröffentlicht.
| Im Kino |
|---|
Mahler auf der Couch. Deutschland/Österreich 2010. Regie, Buch: Percy und Felix Adlon. |
| Kommentare lesen |
|---|
| Eigenen Kommentar schreiben |
|---|
| Sie müssen eingeloggt sein, um Kommentare verfassen zu können. Loggen Sie sich hier ein, falls Sie schon einen Account haben Melden Sie sich hier kostenlos an |
| Evangelisch in Westfalen und Lippe |
|---|
| Informationen aus den Kirchenkreisen der EKvW und aus der Lippischen Landeskirche auf den jeweiligen Seiten (klicken Sie auf den gewünschten Bereich). |
|











