Ab 12. Mai im Kino
Geliebtes Leben
Die Fassade bröckelt: Der Film „Geliebtes Leben“ bringt das Thema Aids in Südafrika wieder in die Kinos.
„Du weißt, dass sie an der Grippe gestorben ist“, wird der zwölfjährigen Chanda nach dem Tod ihrer einjährigen Schwester eingeschärft. Ihr Vater trägt das Geld für die Beerdigung in die Kneipe. Ihre Mutter, ebenfalls schwer krank, verlässt Chanda, um in ihrem Heimatdorf dahinzuvegetieren. Das Mädchen muss in Südafrika allein einen Weg gegen Sprachlosigkeit und Ausgrenzung finden – und ein Tabuthema ansprechen: Aids.
Chanda ist eine Figur in dem Film „Geliebtes Leben“ des in Berlin ansässigen südafrikanischen Regisseurs Oliver Schmitz, der am 12. Mai in Deutschland anläuft. Das Mädchen steht zugleich für die rund 1,2 Millionen Aids-Waisen in Südafrika, die unter ähnlichen Umständen leben. Er hoffe, dass einige von ihnen den Film sehen könnten, sagte Schmitz dem epd – und als Bestätigung empfinden, dass sie wahrgenommen würden.
„Geliebtes Leben“ ist „Film des Monats“ der Jury der Evangelischen Filmarbeit im Mai. Er war in der Runde der letzten neun Anwärter für den Oscar für den besten ausländischen Film, erhielt in Cannes den „Prix françois chalais“ und räumte im Februar sieben Preise bei den „South Africa Film & Television Awards“ ab. Er hat damit auch gute Chancen, das Thema Aids wieder in die öffentliche Diskussion zu bringen.
„Aids macht die Strukturen der Gesellschaft kaputt“, sagt der 50-jährige Regisseur, der für Arbeiten an TV-Serienkomödien wie „Doctor's Diary“ und „Türkisch für Anfänger“ bekannt ist. Viele Szenen im Film zeigen, wie manisch ein bestimmtes Gesellschaftsbild aufrechterhalten werden soll, obwohl die Fassade so offensichtlich bröckelt. Über Aids wird so gut wie nicht gesprochen. Ein Quacksalber prahlt mit windigen Diplomen und sinnlosen Behandlungsmethoden. Als das Mädchen seine sterbende Mutter im Krankenwagen nach Hause bringen lässt, droht sogar ein Mob über sie herzufallen. Neben überschwänglichem Lob gab es in Südafrika auch Kritik an diesen Szenen – sie schienen manchen zu stereotyp und unzeitgemäß.
„Ich glaube kaum, dass es jemand in Südafrika gibt, der nicht über Aids Bescheid weiß“, sagt Schmitz dazu. „Aber es gibt trotzdem das öffentliche Gesicht zum Thema und das private.“ Wissen paare sich mit Angst, die oft so groß werde, dass die Krankheit als Fluch empfunden wird. Nicht überall entlade sich die Angst so drastisch wie im Film, sagt er: „Aber es ist eine angespannte Situation.“
2010 starben 194.000 Südafrikaner an den Folgen von Aids – rund 60.000 weniger als 2005. Ein Zeichen, dass mehr Menschen die lebensverlängernden antiretroviralen Medikamente erhalten. Doch obwohl es eine leichte Besserung gibt, zählt Südafrika nach wie vor zu dem Land mit den meisten HIV-Infektionen. Rund 5,5 Millionen Menschen sind derzeit nach jüngsten Schätzungen mit dem Virus infiziert, etwa 10,9 Prozent der Gesamtbevölkerung.
Dass „Geliebtes Leben“ nicht in einen „Gutmenschenfilm“ abrutscht, hat er auch der jungen Hauptdarstellerin Khomotso Manyaka zu verdanken, die für den Film erstmals vor der Kamera stand. Die Kraft und Ruhe, die sie ausstrahlt, verliehen dem Film „eine unheimliche Stärke“, findet Schmitz. Er hat dazu bewusst eine langsame, unsentimentale Erzählweise gewählt, statt den Film etwa mit Musik zu überfrachten. So könne der Zuschauer die Handlung unmittelbar mit dem jungen Mädchen miterleben, erklärt der Regisseur: „Auf eine ganz ruhige Art“ könne man so in Chandas Welt eintauchen.

Mrs. Tafa (Harriet Manamela), Lillian (Lerato Mvelase) und Chanda (Khomotso Manyaka) beim Singen in der Kirche. Foto: Verleih
In Elandsdoorn, wo der Film an Originalschauplätzen mit einigen Profis und vielen Laiendarstellern gedreht wurde, waren alle begeistert von „Geliebtes Leben“, erzählt Schmitz. Für die beiden jugendlichen Hauptdarstellerinnen hat die Geschichte bereits ein Happy End. Das Mädchen Manyaka und Keaobaka Makanyane, die ihre Freundin Esther spielt, gehen jetzt auf eine Kunstschule in Johannesburg. Sie machen dort ihren Schulabschluss und studieren zugleich Schauspiel.
Autorin: Kathrin Sost
Dieser Beitrag wurde am 13.5.2011 um 17.38 Uhr veröffentlicht.
| Im Kino |
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Geliebtes Leben. Deutschland/Südafrika 2010. R: Oliver Schmitz. B: Dennis Foon, Oliver Schmitz (nach dem Roman „Worüber keiner spricht“ von Allan Stratton). Mit: Khomotso Manyaka, Keaobaka Makanyane, Lerato Mvelase, Harriet Manamela. L: 106 Min. FSK: ab 12, ff. FBW: besonders wertvoll. |
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