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Ab 26. März im Kino

Deutschland 09

Szene aus dem Film

Szene aus dem Film

Entstanden nach einer Idee von Tom Tykwer, sollen in „Deutschland 09“ Filmemacher Aussagen über das heutige Deutschland treffen.

Wie so oft bei solchen Episodenfilmen besteht die Stärke als auch die Schwäche in ihrer Heterogenität. Der Film will ein Mosaik sein, ein Kaleidoskop, in dem sich ganz unterschiedliche Statements und Sichtweisen treffen. Da steht eine Groteske neben einem melancholischen Reisefilm, Misslungenes neben Großartigem, Dokumentarisches neben Inszeniertem, Satire neben Essay.

Interessant ist, dass gerade die satirischen Versuche seltsam leerlaufen. In „Krankes Haus“, dem aufwändigsten unter den 13 Beiträgen, konstruiert sich Wolfgang Becker die „Deutschlandklinik“ und mixt den medizinischen mit dem ökonomischen Jargon. Es geht um den Sozialinfarkt ebenso wie um eine geplatzte Subventionsblase, und dabei merkt man den Dialogen wie dem Film überhaupt die Überambitioniertheit an.

Das geänderte Layaout der Frankfurter Allgemeinen sorgt in dem Film „Fraktur“ für Verwirrung. Foto: Verleih

Das geänderte Layaout der Frankfurter Allgemeinen sorgt in dem Film „Fraktur“ für Verwirrung. Foto: Verleih

Am gelungensten sind die konzentrierten, pointierten Beiträge. Dominik Graf hat mit „Der Weg, den wir nicht zusammen gehen“ einen mit Super-8-Material realisierten Essayfilm über Bauten und den öffentlichen Raum gedreht, der fast liebevoll zum Abbruch bestimmte Häuser in München, Berlin, Frankfurt oder Duisburg aufspürt. Wenn diese Häuser nicht mehr stehen, so suggeriert dieser Film, wird uns etwas fehlen: Geschichte.

Der Verlust treibt auch Hans Steinbichler und seinen Helden in „Fraktur“ um: Da flippt ein Speditionsunternehmer, dargestellt von Josef Bierbichler, wegen der typografischen Umstellung der FAZ aus. Er kauft kurzerhand die Auflage auf, lässt sie vor das Verlagsgebäude kippen und läuft in der Redaktion Amok. Das geht weniger gegen das neue Layout der Zeitung als gegen die Uniformität in der globalisierten Welt.

„Die Unvollendete“ zeigt einen Dialog zwischen Susan Sontag, Ulrike Meinhof und Helene Hegemann. Foto: Verleih

„Die Unvollendete“ zeigt einen Dialog zwischen Susan Sontag, Ulrike Meinhof und Helene Hegemann. Foto: Verleih

Einförmigkeit ist auch das Thema von „Feierlich reist“ von Tom Tykwer: Da sitzt Benno Fürmann in seinen Reisen fest wie seinerzeit Manni in „Lola rennt“ in einer Zeitschleife. Es ist eine absurde, monotone Welt, die der Vertriebschef eines Modelabels bereist, von Marriott zu Marriott und von Starbucks zu Starbucks: Überall ist es besser, wo er nicht ist.

Fatih Akin lässt den Schauspieler Denis Moschitto in „Der Name Murat Kurnaz“ ein Interview mit dem fünf Jahre in Guantanamo festgehaltenen Deutschtürken nachsprechen. Von Romuald Karmakar stammt der bizarrste Film der Kompilation: „Ramses“, ein Interview mit einem Berliner Besitzer eines bordellähnlichen Betriebs. Es ist ein Einblick in den alltäglichen Wahnsinn sexueller Dienstleistungen: anything goes. Vielleicht ist das ja der richtige Film zur Krise der Banken und der Wirtschaft. „Es lebe die deutsche Nation“, sagt der iranischstämmige Barbesitzer am Schluss – und er meint es ernst.

Feierlich scheint in seinen Reisen im Film  „Feierlich reist“ förmlich festzusitzen. Foto: Verleih

Feierlich scheint in seinen Reisen im Film „Feierlich reist“ förmlich festzusitzen. Foto: Verleih

Der Vergleich des Films mit „Deutschland im Herbst“, mit dem der Neue Deutsche Film auf den so genannten „Deutschen Herbst“ des Jahres 1977 reagierte, liegt nahe. Auf konkret politische Situationen, die den älteren Film bestimmen, und ihren ungeheuren Druck können und müssen die Filmemacher heute nicht mehr reagieren, und einen roten Faden wie damals gibt es auch nicht mehr. Auch das ist Stärke und Schwäche zugleich. Ein umfassender Bericht zur Lage der Nation oder zumindest zur aktuellen Stimmung ergibt sich in „Deutschland 09“ auch nach 152 Minuten daraus jedenfalls nicht.

Autor: Rudolf Worschech

Dieser Beitrag wurde am 26.3.2009 um 14.54 Uhr veröffentlicht.

Im Kino

Deutschland 09 (D 2008). Regie Episoden: Angela Schanelec, Dani Levy, Fatih Akin, Nicolette Krebitz, Sylke Enders, Dominik Graf, Hans Steinbichler, Isabelle Stever, Hans Weingartner, Tom Tykwer, Romuald Karmakar, Wolfgang Becker, Christoph Hochhäusler. L: 151 Min. FSK: 12 ff.

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