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Das weiße Band

Der Pfarrer ermahnt seinen Sohn zur Aufrichtigkeit. Foto: Verleih

Der Pfarrer ermahnt seinen Sohn zur Aufrichtigkeit. Foto: Verleih

Schockierende Unfälle: Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ zeigt die Folgen von Machtmissbrauch und Autoritätsdenken in einem Dorf.

Der österreichische Autorenfilmer Michael Haneke ist bekannt für streng gestaltete, manchmal drastische Filme, die in keine Schublade passen: von der Literaturadaption „Die Klavierspielerin“ bis zu „Caché“, einer Studie über die Verlogenheit des intellektuellen Bürgertums. In seinem Film „Das weiße Band“, für den er in Cannes die Goldene Palme bekam, schlägt der Regisseur nun neue Töne an. Seine vor dem Ersten Weltkrieg angesiedelte Geschichte eines bigotten Dorfes, in dem sich merkwürdige Unfälle zutragen, ist fast so etwas wie ein Fantasy-Thriller.

Die Gemeinde hat sich zum Gottesdienst versammelt. Foto: Verleih

Die Gemeinde hat sich zum Gottesdienst versammelt. Foto: Verleih

Nach dem Sturz des Arztes stirbt eine Bauersfrau bei einem Unfall im Sägewerk, der sechsjährige Sohn des Gutsherrn wird mit heruntergelassenen Hosen und Striemen auf dem Po gefunden, die Scheune des Gutsherrn brennt. Die Vorfälle reihen sich wie die Terrorakte einer „kriminellen Vereinigung“ aneinander, nehmen zunehmend pervers-sadistische Züge an.

Es beginnt mit dem Unfall des Arztes. Der Mann galoppiert auf seinem Pferd heran und stürzt dem Zuschauer direkt vor die Füße. Ein Schocker. Ein Seil, das einer absichtlich über den Weg gespannt haben muss, hat den Unfall ausgelöst – man sollte eher von einem Anschlag sprechen. Später ist das Seil wie vom Erdboden verschwunden. Noch später wird die Beobachtung ausgesprochen, dass „die Kinder“ eigentlich immer in der Nähe gewesen seien. Man sieht die kleine Truppe nach dem ersten Vorfall auf der Dorfstraße: Klara, die Älteste, die stets in schwarz gekleidete Pfarrerstochter, herausragend in der Mitte, eine Anführerin.

Alle arbeiten zusammen, um die Ernte einzubringen. Foto: Verleih

Alle arbeiten zusammen, um die Ernte einzubringen. Foto: Verleih

Es trifft vor allem die Schwachen und Abhängigen, die als Sündenböcke und Stellvertreter quasi hingerichtet werden. Die autoritären Strafaktionen der Oberen des Dorfes, Baron, Verwalter, Pfarrer, Arzt bleiben weitgehend ungesühnt. Wenn der Pfarrer seine verstockten Kinder mit dem Tragen des „weißen Bandes“ abstraft, unterwerfen sie sich mit undurchdringlichen Gesichtern: widerspruchslos, doch hasserfüllt.

Weiß ist auch das Band, mit dem er den pubertierenden Ältesten über Nacht ans Bett fesseln lässt. Die sanfte Fessel täuscht nur notdürftig über die wahren Gewaltverhältnisse hinweg: ein Geflecht aus Ritual, Aberglauben und Obrigkeitsdenken. Es ist der Dorflehrer, der aus den nicht enden wollenden Anschlägen im Dorf zuletzt als Einziger seine kriminalistischen Schlüsse zieht, aber er kann die Wand des Schweigens nicht durchbrechen.

Die Tochter des Arztes wundert sich über das plötzliche Interesse der Kinder. Foto: Verleih

Die Tochter des Arztes wundert sich über das plötzliche Interesse der Kinder. Foto: Verleih

Hanekes Filme kreisten schon immer um „die Vergletscherung der Gefühle“ – eine Wendung, die mittlerweile zum Schlagwort geworden ist. Im historischen Ambiente von „Das weiße Band“ zeichnet er jetzt facettenreich und detailgenau die Ausbildung eines „autoritären Charakters“ (Erich Fromm) nach. Es geht um die Folgen einer unterdrückenden Erziehung. Sie wird als ursächlich betrachtet für das perverse, sadistische Verhalten Einzelner oder auch für das autoritäre kollektive Bewusstsein einer Gruppe oder eines Volkes.

Autorin: Marli Feldvoß

Dieser Beitrag wurde am 16.10.2009 um 14.29 Uhr veröffentlicht.

Im Kino

Das weiße Band. Österreich/Deutschland/Frankreich 2009. Buch & Regie: Michael Haneke. Mit: Ulrich Tukur, Burghart Klaußner, Josef Bierbichler, Susanne Lothar, Christian Friedel, Rainer Bock. 144 Minuten. FSK: ab 12 Jahre, ff.

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