Ab 27. September im Kino
Chéri
Die Kurtisane und der Jüngling: Michelle Pfeiffer brilliert im neuen Film von Stephen Frears.
Die Frauen beherrschen die Szenerie im neuen Film von Stephen Frears. Es macht einen Heidenspaß, den Damen der Oberschicht im Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei ihren Wortgefechten über Geld und ewige Schönheit zu lauschen. Die Männer im Film sind verschollen, tot, häufig wechselnd. Oder so verzogen wie „Chéri“ (Rupert Friend), der Sohn der Gastgeberin Madame Peloux (Kathy Bates).
Der 19-Jährige soll bei der in die Jahre gekommenen Kurtisane Léa de Lonval (Michelle Pfeiffer), bezeichnenderweise Nounoune (Nounou heißt Tagesmutter) genannt, seine Mannwerdung proben. Doch aus der „Betreuung“ werden sechs Jahre. Eine zu lange Zeit, als dass die Zweisamkeit Spiel und Oberfläche bleiben könnte. Chéri soll zur Sicherung des Wohlstandes mit der ebenso hübschen wie unbedarften Tochter einer Kollegin verheiratet werden. Damit war zu rechnen und doch will der Trostkauf eines gigantischen Smaragdrings Léa nicht über den Verlust des Geliebten hinwegtrösten.
Michelle Pfeiffer ist die Rolle der Léa wie ein Korsett auf den zarten Leib geschnürt. Doch so gut sie auch die giftgetränkte Sprache hochherrschaftlicher Zicken beherrscht, so sehr sie sich auf Haltung und vorgetäuschte Herzenskälte versteht: Das Drehbuch sieht schon bald für die ursprünglich schillernde Vita der Kurtisane nichts anderes mehr vor als stilles Leiden - an der Liebe, dem Alter, dem Egoismus des auch nach seiner Heirat fürs Vergnügen zurückkehrenden Geliebten.
Wie Kathy Bates als Madame Peloux durch dieses Reich aus importierten Köstlichkeiten, Seidentapeten und Jugendstilschnörkeleien lustwandelt, das offenbart die ganze komplizierte Innenarchitektur der Pariser Oberschicht. Und der Frauen, die sich in sie hineinintrigiert oder -gehurt haben. Und wenn ihr deftiger Husten und ihr ebensolches Lachen Löcher in die Konversation reißen, ahnt man, dass auch Madame Peloux eine Dame mit nicht ganz einwandfreier Vergangenheit ist.
Natürlich knüpft Regisseur Stephen Frears bei der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Colette an das Schema seiner „Gefährlichen Liebschaften“ an. Und zwar weniger an den Mechanismus aus künstlichen Verzögerungen und unaufhaltsamen Annäherungen als an den Wechsel aus unvorsichtiger Enthemmung und bitterer Strafe. Der Erste Weltkrieg macht der Belle Époque ein Ende. Von der Front kehrt Chéri zurück. Nur die Liebe seines Lebens wird er am Ende nicht überleben. Das ist die Strafe für die, die sich an ihr nur bereichern wollen.
Auch wenn Frears offensichtlich wieder Gefallen am elitären Auftritt und höfischen Getue gefunden hat, will sich doch dieses Mal sein Gespür für das Abgründige hinter den Etiketten nicht so richtig einstellen. Der Film ist wie ein üppiges Blumenbouquet, seine ganze Pracht liegt gleich ohne Rätsel offen zutage. Man kann seine Eleganz bestaunen, die sichere Hand, mit der er arrangiert wurde. Aber dahinter gibt es keine große Überraschung, keine kühne Verstrickung in den Zeremonien verlogener Ehrerbietung, wie Frears sie noch so wundervoll in „Die Queen“ durchexerzierte.
Autorin: Birgit Glombitza
Dieser Beitrag wurde am 27.8.2009 um 17.16 Uhr veröffentlicht.
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Chéri. Regie: Stephen Frears. Buch: Christopher Hampton (Romanvorlage von Colette). Mit: Michelle Pfeiffer, Rupert Friend, Kathy Bates, Felicity Jones. 93 Min. FSK: 6, ff. |
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