Comics im Museum Huelsmann
Käsetoast und Alpträume
Von dem überbackenen Käsetoast am Abend hätten die Figuren des amerikanischen Zeichners Winsor McCay wohl besser die Finger lassen sollen.
Die Alpträume, die durch das schwer im Magen liegende Mahl hervorgerufen werden, schildert McCay in surrealen Visionen in seiner Comic-Strip-Reihe »Dream of the Rarebit Fiend«. Die Werke McCays und zahlreicher weiterer Comicpioniere zeigt das Bielefelder Museum Huelsmann ab heute in einer bundesweit einmaligen Sonderausstellung »Jahrhundert der Comics«.
Für den Kurator Alexander Braun bietet die Schau auch eine Gelegenheit, einem weitgehend verkannten Medium späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Comics würden bis heute kunsthistorisch hartnäckig ignoriert, kritisiert Jäger, der selbst Kunsthistoriker ist.
Dabei habe das erste Massenmedium auf dem Bildersektor bereits wichtige Impulse gegeben als es den Film noch gar nicht gab. Für die Schau hat der Bonner Wissenschaftler und Kunsthistoriker mehr als hundert Exponate aus seinem Privatbesitz beigesteuert.
Bereits in der Anfangszeit wagten die Zeichner visuelle Experimente, die erst sehr viel später vom Film aufgegriffen wurden. Winsor McCay, der auch die Reihe »Little Nemo in Slumberland« erfand, beschäftigte sich bereits zwei Jahrzehnte vor den französischen Surrealisten in seiner Reihe »Dream of the Rarebit Fiend« mit drastischen Darstellungen von Alpträumen: Aus einer Anstecknadel am Revers erwächst einem Mann ein echter Elchkopf, der fest mit seinem Schlüsselbein verwachsen ist. In einem weiteren Alptraum verliert ein Rugby-Spieler in einem Spiel ein Körperteil nach dem anderen, bis nur ein Torso mit einem Bein übrigbleibt.
Der Schwerpunkt der Ausstellung ist der Pionierzeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewidmet, in der die Bilder als Comic-Strips in den Zeitungen erschienen. Zu sehen sind unter anderem Originalzeichnungen und Zeitungsseiten aus der Hochzeit der Abenteuer-Helden: Hal Fosters »Prinz Eisenherz« (im Original »Prince Valiant«) von 1940, der sich durch seine Abenteuer zu Zeiten des sagenumworbenen König Artus kämpfte. Ebenso sind auch Tarzan, der Weltraumabenteurer Flash Gordon und der Detektiv Dick Tracy vertreten.
Für einige Künstler war der Comic auch der Grundstein ihrer Karriere. Das wohl berühmteste Beispiel ist der spätere Bauhaus-Professor und Maler Lyonel Feininger, der 1906 mehrere Serien für die »Chicago Tribune« zeichnete. Das Geld, das er als Comiczeichner verdiente, ermöglichte es ihm später in Paris eine weitere Karriere als bildender Künstler zu starten.
Feiningers Comicreihen »The Kin-der-Kids« und »Wee Willie Winkie`s World«, die auch in Bielefeld zu sehen sind, fielen dagegen bei den Lesern durch. Als Grund vermutet Braun, dass das Werk zu anspruchsvoll gewesen sei. In den Comics verarbeitete Feininger bereits Motive, auf die er auch später immer wieder zurückgriff, wie Schiffe, das Meer oder altdeutsche Stadtlandschaften.
Die Comics der Gründerzeit haben nur wenig mit den heutigen Superhelden- oder den japanischen Mangacomics zu tun. In den Anfangsjahren richteten sich die Bildergeschichten überwiegend an das Millionenheer der Einwanderer in den amerikanischen Großstädten.
Ausgeschlossen vom bürgerlichen Kulturleben und noch unsicher in der Sprache hätten sie in den Comics eine eigene kulturelle Kommunikationsform gehabt, erläuterte Braun. Erst später entwickelten sich die Bildergeschichten mit den Sprechblasen zu einem Jugendmedium.
In Zeiten der Depression und des Zweiten Weltkriegs entführten Abenteurer wie Flash Gordon oder Prinz Eisenherz weit weg vom düsteren Alltag an exotische Ort und fantastische Welten. Nach dem Krieg wagten sich die Comics auch zunehmend an politische Themen. Prominente Beispiele zeigt die Ausstellung mit Werken Walt Kelly. In Deutschland so gut wie unbekannt, sei Kelly der virtuoseste und wichtigste Comic-Strip-Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, erklärt Kurator Braun.
Unter der Oberfläche einer scheinbar idyllischen Fabel-Welt feuerte Kelly subversive und bissige Kommentare zu der Politik der 1950er bis 70er Jahre ab. So lässt der Zeichner in den 50er Jahren ein Piratenschwein auftauchen, das deutliche Züge des damaligen Kreml-Lenkers Nikita Chruschtschow trägt. Ein Drachen, der sich als bösartiger entpuppt als angekündigt, symbolisiert Maos Kulturrevolution in China. Und der damalige FBI-Chef J. Edgar Hoover treibt in Gestalt einer Bulldogge sein Unwesen.
Eine weitere Schau in zwei Jahren soll sich mit der Entwicklung seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts befassen, in der Comics überwiegend als Hefte veröffentlicht wurden.
Das Museum Huelsmann ist dienstags bis samstags von 14 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 18 zu sehen. Bei Anfrage auch Führungen außerhalb der Öffnungszeiten.
Autor: Holger Spierig (epd)
Dieser Beitrag wurde am 6.11.2008 um 09.49 Uhr veröffentlicht.
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