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HAP Grieshaber

Erziehung zum Leben

<b>Kongo-Tryptichon</b> (Detail: Palaver - in memoriam Werner Gilles. Foto: Museum Bochum

Kongo-Tryptichon (Detail: Palaver - in memoriam Werner Gilles. Foto: Museum Bochum

Sein pietistisch-frommer Vater zwang ihn, eine Lehre als Setzer zu machen, damit er einen „richtigen Beruf“ habe.

Doch der junge Helmut Andreas Paul Grieshaber (1909-1981) aus dem oberschwäbischen Rot an der Rot absolvierte die Ausbildung „nur zur Not“, wie er später erzählte. Lieber studierte er Kalligrafie und erprobte verschiedene Druckgrafiken. Heute gilt der Künstler, der am 15. Februar 100 Jahre alt geworden wäre, als populärster deutscher Holzschneider der Nachkriegszeit. Grieshabers Kunst bestand darin, die Bedrängnisse und Nöte seiner Zeit bildnerisch zu verarbeiten.

In seinen farbigen Holzschnitten, die sich nie vollkommen aus der gegenständlichen Darstellung lösten, entwickelte der Künstler eine ganz eigene Bildsprache mit lebendigen Formen und prächtigen Farben.

„Wer drucken kann, hat gute Kameraden“, lautete sein Credo, und intensiv arbeitete er an seiner Werkbank mit Hohleisen und Flachmeisel, Farbwalze und Reiber, erprobte neue Techniken und Materialien. Seine Kunst, aber auch sein politisches Engagement verhalfen ihm in Ost- und Westdeutschland zu großer Popularität.

Nach längeren Aufenthalten in London und Paris sowie Reisen nach Ägypten und Griechenland wurde der junge Künstler 1933 wegen seiner politischen Gesinnung von den Nationalsozialisten mit einem Berufsverbot belegt. Mühsam schlug er sich fortan als Zeitungsausträger und Hilfsarbeiter in Reutlingen durch.

In der Reutlinger Marienkirche aus dem 13. Jahrhundert, die er regelmäßig besuchte, tröstete er sich „mit dem gotischen Glück“, derweil der Pfarrer im SA-Hemd von der Kanzel predigte. Grieshaber trat deshalb aus der evangelischen Kirche aus, ohne jedoch seinen tiefen Glauben an Gott zu verlieren – davon zeugen zahlreiche Illustrationen und Werke in Kirchen, Kapellen und Gemeindehäusern.

Als Grieshaber 1940 in die Wehrmacht eingezogen und im Elsass stationiert wurde, arbeitete er für die „Presse clandestine Hagenau“, eine Untergrundzeitung. Nach Kriegsende schuftete er zwei Jahre als Kriegsgefangener in den belgischen Kohlengruben bei Mons, bevor er 1946 auf die Achalm bei Reutlingen zurückkehrte.

Dort publizierte der inzwischen 37-Jährige unter französischer Zensur die Halbmonatszeitung „Weltpresse“. Es folgten Lehraufträge an der privaten Bernsteinschule am Neckar und an der Kunstakademie Karlsruhe. Nun experimentierte er mit großen Formaten und Farben, als Druckträger verwendete er sogar Türblätter.

Getreu seiner Devise „nicht Erziehung zur Kunst, sondern Erziehung zum Leben durch Kunst“ nutzte Grieshaber seine Popularität für politische Stellungnahmen.

Mit Plakaten forderte er die Freilassung des inhaftierten mexikanischen Malers David Alfaro Siqueiros oder kritisierte die Ermordung des chilenischen Präsidenten Salvador Allende im Jahr 1973. Im Jahr 1965 gründete er die Zeitschrift „Engel der Geschichte“, öffentlich kritisierte er Politiker für ihre „kriegerische Art, die Natur auszubeuten“.

Der Holzschnitt war für Grieshaber ein „Mittel des Bekenntnisses“. Gründlich studierte er die Volkskunst ebenso wie die Werke von Max Beckmann, Paul Klee, Lyonel Feininger oder Marc Chagall.

Seine Bibliothek umfasste rund 5200 Kunstbücher, und wenn seine Tochter Ricca mit einer Frage aus der Schule kam, drückte er ihr einen Brockhaus in die Hand mit dem Hinweis, Wissensdurst müsse man sofort stillen, sonst lerne man nichts.

In seinem umgebauten Gartenhäuschen auf der Achalm hängte der Künstler an einen Dachbalken Zeichnungen, Lithographien und Holzschnitte von Max Pechstein, Ernst Ludwig Kirchner, Oskar Kokoschka, Erich Heckel oder Karl Schmidt-Rottluff. Für Pablo Picasso hegte er eine große Bewunderung, dessen Werk bezeichnete er als „klar und rein und selbstverständlich wie Wasser.“

Mit seinem Vorbild Picasso gemein hatte Grieshaber auch die Freude an der Selbstinszenierung in der Öffentlichkeit – und an den Frauen. Mit Baskenmütze, Schnauzbart und wallendem Haar kultivierte Grieshaber sein Bild eines Künstlers. Seine Beziehungen, darunter zwei Ehen sowie etliche Affären, sorgten immer wieder für Anfeindungen und Kritik.

Gleichwohl resümierte der Künstler: „Ich hatte ein bürgerliches Atelier. Ich bin auch kein Bohemien gewesen. Meine Tradition sind die frühen Holzschnitte des 15. Jahrhunderts, die sich nicht abgesondert haben vom Ganzen. Vielleicht ist es diese Utopie, die mich nur anteilig einschwingen lässt in das Geschehen.“ Am 12. Mai 1981 starb Grieshaber im Alter von 72 Jahren auf der Achalm.

Ein Jahr später wurde ein Freundeskreis mit einer Stiftung begründet, der Stipendien an junge Künstler vermittelt und einen Preis verleiht. Die Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst (Bonn) vergibt jährlich den mit 25 000 Euro dotierten Grieshaber-Preis in Erinnerung an sein Engagement für das Urheberrecht.

Aus Anlass des 100. Todestags ist eine Sonderbriefmarke erschienen. Mit der Kunsthalle Recklinghausen und dem Kunstmuseum Bochum widmen sich unter dem Motto „Grieshaber 100“ auch zwei westfälische Häuser in einer Gemeinschaftsausstellung dem Künstler (siehe unten).

Dieser Beitrag wurde am 27.2.2009 um 00.00 Uhr veröffentlicht.

»Grieshaber 100«

Kunstmuseum Bochum im Haus Kemnade, An der Kemnade 10, 45527 Hattingen, Telefon (02 34) 3 02 68, geöffnet dienstags bis sonntags und feiertags 11 bis 17 Uhr; Internet: www.bochum.de/kunstmuseum. – Kunsthalle Recklinghausen, Große-Perdekamp-Straße 25-27, Telefon (0 23 61) 50 19 35; Internet: www.kunst-re.de.

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