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Kirche, Kunst und Nazis

Christus als Arier – Luther als Führer

Relief in der Vorhalle der Martin-Luther-Gedächtniskirche in Berlin (Stadtteil Mariendorf) mit NS-Symbolen (Bild rechts). Das Kanzel-Relief (Bild links) zeigt Jesus bei der Bergpredigt umringt von einer „deutschen Familie“.

Relief in der Vorhalle der Martin-Luther-Gedächtniskirche in Berlin (Stadtteil Mariendorf) mit NS-Symbolen (Bild rechts). Das Kanzel-Relief (Bild links) zeigt Jesus bei der Bergpredigt umringt von einer „deutschen Familie“.

Die vielfache Begeisterung deutscher Christen für die NS-Ideologie bei der Machtübernahme Adolf Hitlers hat sich auch im Kirchenbau niedergeschlagen.

Entgegen einer lange verbreiteten Meinung kamen Bauvorhaben nach 1933 keineswegs zum Erliegen. In der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand ist zurzeit die Ausstellung „Christenkreuz und Hakenkreuz“ zu sehen, die zehn Beispiele von Kirchenbau und sakraler Kunst im Nationalsozialismus vorstellt. Nach Berlin sind München und Hamburg Stationen der Ausstellung.


Sakrale Kunst und NS-Ideologie

Die Kuratorinnen Stefanie Endlich, Beate Rossié und Monica Geyler von Bernus haben für die NS-Zeit in Deutschland bislang an die 1000 Beispiele für neuerrichtete Kirchen, Gemeindehäuser und für Kirchenumbauten entdeckt. Herausragendstes Beispiel ist die 1935 eingeweihte Martin-Luther-Gedächtniskirche in Berlin-Mariendorf.

„Hier sind fast alle Aspekte sakraler Kunst erhalten, die von der NS-Ideologie zeugen“, sagt Endlich, Honorarprofessorin an der Berliner Universität der Künste. Die Kirche steht unter Denkmalschutz und ist seit 2004 wegen Baufälligkeit geschlossen. Ziel der Ausstellung ist es nicht zuletzt, auf die historische Bedeutung dieses Kirchenbaus aufmerksam zu machen und einen neuen Nutzer zu finden. Bislang tun sich Landeskirche und Kirchengemeinde damit schwer.


Jesus inmitten der »deutschen Familie«

In der Vorhalle wird der Besucher von Reichspräsident Paul von Hindenburg auf der einen und Martin Luther auf der anderen Seite begrüßt. Den Leuchter ziert ein großes Eisernes Kreuz samt Eichenlaub. Das Kanzel-Relief zeigt Jesus bei der Bergpredigt umringt von einer „deutschen Familie“, daneben ein Soldat mit Stahlhelm und ein SA-Mann in Stiefeln. Die mächtige Orgel wurde erstmals 1935 auf dem Reichsparteitag der NSDAP gespielt.

Auch auf dem das Kirchenschiff umspannenden „Triumphbogen“ sind neben christlichen Symbolen Köpfe von Soldaten mit Stahlhelmen, ein SA-Mann sowie das Symbol der NS-Wohlfahrt zu entdecken. Die Hakenkreuze wurden nach dem Krieg entfernt.


St. Georg - wehrhaft und kampfbereit

Auch in anderen Kirchen griffen die Künstler religiöse Motive auf, die Wehrhaftigkeit und Kampfbereitschaft signalisieren, wie etwa den Heiligen Georg im Kampf mit dem Drachen und den Erzengel Michael als Schutzpatron der Deutschen und Soldaten. Der evangelische Kunstdienst präsentierte gar auf der Pariser Weltausstellung von 1937 einen Altar mit einem neun Meter hohen Mosaik des Heiligen Michaels.

Vor allem die von den Nazis propagierten Ideale der „deutschen Mutter“, der „deutschen Familie“ und der „Volksgemeinschaft“ fanden Eingang in evangelische wie katholische Kirchen, betont Kunsthistorikerin Rossié. Auch militaristisches und antisemitisches Gedankengut wurde auf Wandgemälden gepflegt. Verbreitet waren ferner Darstellungen des Reformators Martin Luthers als deutscher „Führer“. Besonderen Niederschlag habe die nationalsozialistische Ideologie im Christusbild gefunden. Christus sei zunehmend als „arische“, heilbringende nordische Lichtgestalt dargestellt worden.


Oberkirchenrat und NSDAP-Mitglied

Ein deutlich von der NS-Ideologie beeinflusster Bau ist auch die 1937 fertig gestellte Lutherkirche in Lübeck. Oberkirchenrat und NSDAP-Mitglied Johannes Sievers hatte eine Kirche mit „wuchtiger und starker“ Wirkung gefordert, heißt es. Unter dem fünf Meter hohen Balkenkreuz auf dem Altar stehend befand sich bis 1990 eine Gruppe überlebensgroßer holzgeschnitzter Figuren: „Die deutsche Familie.“ Heute steht die Figurengruppe den Angaben zufolge in einem Seiteneingang versehen mit einem distanzierenden Kommentar.

Die Ausstellung ist bis 12. Juli in Berlin zu sehen. Öffnungszeiten sind Montag bis Mittwoch und Freitag 9 bis 18 Uhr, Donnerstag 9 bis 20 Uhr und am Wochenende sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr.

Autor: Lukas Philippi

Dieser Beitrag wurde am 3.5.2008 um 11.20 Uhr veröffentlicht.

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