Modernes Südafrika
Warten auf die Regenkönigin

Das Tier verkörpert die Ahnen, die man um Regen bittet. Im afrikanischen Glauben bleiben die Verstorbenen der Welt erhalten. Grafik: Pauloribau
Im modernen Südafrika gewinnen traditionelle Herrscher wieder an Bedeutung.
Maiskörner, Erdnüsse und Spinatblätter trocknen vor den Lehmhäusern. Den runden, sandigen Platz betritt man barfuss - Khetlhakone im Nordosten Südafrikas ist ein königliches Dorf. Hier wächst ein fünfjähriges Mädchen auf, das zur nächsten Regenkönigin geweiht werden soll. Ihre Mutter, Modjadji VI., starb kurz nach ihrer Geburt mit 27 Jahren.
Das Volk der Balobedu hält an seinem Brauchtum fest.
In manchen Orten wird es neu belebt. Denn traditionelle Herrscher gewinnen im modernen Südafrika wieder an Bedeutung. Den Namen Modjadji trägt auch ein U-Boot, das während der Fußball-WM vor der südafrikanischen Küste patrouilliert.
Die Gemeinschaft der Balobedu hält Fremde von der Prinzessin fern, gewährt aber hin und wieder Zutritt zu ihrem Dorf. In dem Ort lebt niemand im Luxus. Die Familien haben Strom, teilen sich aber eine Wasserstelle.
Die Königin steht im Mittelpunkt der großen Regenzeremonie, die alljährlich im Oktober auf dem runden Platz stattfindet.
Das ist die Zeit, da sich in Südafrika der Frühling ankündigt. »Jeder kann dabei sein«, sagt Ballpen Molokwane, der zur königlichen Familie gehört und Geschäftsführer des königlichen Rates ist.
Seit dem Tod der Königin führt ein eingesetzter Regent das Ritual aus, das für das Wohl des Volkes sorgen soll.
Eine heilige Kuh, die dem Mythos zufolge einst einer unfruchtbaren Königin ein Kind schenkte, steht im Zentrum der Zeremonie.
Das Tier verkörpert die Ahnen, die man um Regen bittet. Im afrikanischen Glauben bleiben die Verstorbenen der Welt erhalten. Sie können Heil und Unheil anrichten, sind Fürsprecher zwischen den Menschen und Gott. Bei der Zeremonie wird getrunken, getrommelt und gesungen.
Molokwane besucht das Fest sehr gern.
»Es ist meine Tradition, obwohl ich gewissermaßen Christ bin, wegen der Taufe. Ich bin Lutheraner.« Das königliche Haus habe keine Berührungsängste. »Alle Mitglieder der Familie sind Christen.«
Die Kirchen selbst wiederum gehen unterschiedlich mit dem Ahnenkult um. Die beiden letzten Königinnen gehörten der Zion Christ Church an, der größten Freikirche Südafrikas, deren Bischof selbst Regenrituale vollzieht.
Andere Kirchen sind strikt gegen solche Zeremonien.
Nach der Tradition gibt die Königin das Geheimnis des Regenmachens an ihre dafür bestimmte Tochter weiter. Die beiden ziehen sich dazu in den heiligen Wald zurück, wo die Ahnen bestattet sind. Seit dem 19. Jahrhundert ist bei den Balobedu eine Frau für den lebensspendenden Regen zuständig.
Die Regenkönigin ist mehr als eine moralische Autorität, mehr als Religion und Folklore.
Sie ist eine der zahlreichen traditionellen Herrscher Südafrikas, deren Rolle in der Verfassung anerkannt wird. Sie bekommen Geld vom Staat und werden in Entscheidungen einbezogen.
»Die Königin verwaltet das Land im Auftrag ihres Volkes,« sagt Molokwane. »Wir bestimmen über die Nutzung des Landes mit.«
Seit dem Ende des Apartheid-Regimes 1994 wächst der Einfluss der traditionellen Herrscher wieder.
Präsident Jacob Zuma sagt sogar, die Könige und Häuptlinge nähmen bei der Entwicklung ländlicher Regionen eine Schlüsselrolle ein.
Dennoch wird ihre Legitimation immer wieder angezweifelt und es kommt zu Streitigkeiten um die Nachfolge. Ein Gesetz schreibt daher vor, dass Mitglieder des königliches Rates demokratisch gewählt werden müssen.
Das Regelwerk der Regenkönigin ist streng, denn die Ahnen dürfen nicht erzürnt werden.
Die 2005 verstorbene Modjadji VI. hatte für Streit gesorgt, weil sie gegen die Tradition verstieß: Sie lebte öffentlich in einer Beziehung zu einem Mann.
Die Königin aber darf dem Protokoll zufolge nur im Dunkeln auserwählte Männer empfangen, deren Identität geheim bleiben muss. »Der Liebhaber von Modjadji VI. hatte Anspruch auf sie erhoben«, sagt Molokwane. »Sie aber steht im Dienste ihres Volkes. Einige wollten ihn deshalb schon töten.«
Wenn der Regen einmal ausbleibt, tut dies dem Ansehen der »Rain Queen« keinen Abbruch.
Das Ritual ist Glaubenssache. »Es ist wie ein Gebet«, erklärt der Fremdenführer Oubaas James Ndhlovu. »Wenn das erwünschte Ergebnis nicht kommt, dann fragen wir uns, was wir falsch machen.« Aus seiner Sicht hat sich dieser afrikanische Glaube bereits dem Christentum angepasst.
Trotzdem bleiben für Ndhlovu die Regenrituale lebendig und aktuell: »Die Mehrheit der Bevölkerung ist für die neue Zeit: Demokratie und Tradition, also auch für die Macht der Regenkönigin.«
Aber Niederschläge allein reichen für das Wohl der Balobedu nicht mehr aus.
Viele sind auf der Suche nach Arbeit weggezogen. Große Hoffnungen richten sich auf den Tourismus, der mithilfe der Königin angekurbelt werden soll.
Der Naturpark »Modjadji Nature Reserve« mit seinen majestätischen Zikaden-Bäumen ist schon nach der »Rain Queen« benannt. Der königliche Rat will nun auch ein historisches Dorf für Besucher herrichten.
Bisher machen nur wenige Touristen auf der Durchreise in der Gegend Halt.
Unterkünfte oder Restaurants fehlen, Hinweisschilder liegen verbeult am Boden. Die Reiseleiter weisen kurz auf die geheimnisvollen Regenköniginnen hin, mehr erfahren Besucher bisher nicht. epd
Dieser Beitrag wurde am 13.7.2010 um 15.11 Uhr veröffentlicht.
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