UK - Unsere Kirche > Startseite
Donnerstag, 23.05.2013
Sie sind hier: UK  > Kirche > Lippe > Leben in Vielfalt - 150 Jahre Diakonische Stiftung Eben-Ezer

Mehr als Behindertenarbeit

Leben in Vielfalt - 150 Jahre Diakonische Stiftung Eben-Ezer

Geburtstagsfeier in Eben-Ezer: Tanz der Kita-Kinder aus Barntrup beim Festakt. Foto: Uwe Herrmann

Geburtstagsfeier in Eben-Ezer: Tanz der Kita-Kinder aus Barntrup beim Festakt. Foto: Uwe Herrmann

Die Evangelische Stiftung Eben-Ezer feiert ihr 150-jähriges Bestehen.

Ein Frühlingstag im Mai 1862: Der junge Lehrer Simon August Topehlen (1832-1904) hat gerade seinen Unterricht an einer Privatschule im lippischen Lemgo beendet, als ihn ein Landwirt aus der Region aufsucht. Dieser bittet den in der Region anerkannten Pädagogen darum, seine zwölfjährige geistig behinderte Tochter Henriette im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu fördern.

Topehlen nimmt das Mädchen bei sich auf und begründet damit die Arbeit der evangelischen Stiftung Eben-Ezer, die heute rund 1.100 Menschen mit geistigen Behinderungen und psycho-sozialem Unterstützungsbedarf betreut.

Das 150. Jubiläum hat die Stiftung am Freitag mit einem Festakt in Lemgo gefeiert.

Zur Stiftung mit Zweiteinrichtungen in verschiedenen Kommunen im Kreis Lippe gehören neben Wohngruppen und Werkstätten eine Förderschule für behinderte Kinder und Jugendliche sowie Landwirtschaftsbetriebe, eine Kunstwerkstatt und ein integratives Café.

In Lemgo bilden die Bewohner Eben-Ezers zudem eine eigene Kirchengemeinde mit Gotteshaus.

»Es gab von Anfang an das Bestreben, dass die Menschen in eine Gemeinschaft der Unterschiedlichen einbezogen werden«, sagt der heutige Theologischer Direktor Eben-Ezers, Pastor Hermann Adam. »Die Bewohner sollen Wertschätzung erfahren und die Möglichkeit bekommen, ihr Leben so erfüllt und eigenständig wie möglich zu leben.«

Die Anfangszeit Eben-Ezers war vergleichsweise bescheiden: Die Not von Kindern mit Behinderungen geriet Mitte des 19. Jahrhunderts verstärkt in das Blickfeld von Kirchen und wurde von den Behörden gefördert.

Simon August Topehlen, der sich mit seiner Schwester Lina um die Bildung und Erziehung seines ersten Zöglings Henriette bemühte, geriet schnell unter Druck.

Als die Ergebnisse nicht den Erwartungen der Behörden entsprachen - das Kind weder Rechnen, Lesen noch Schreiben lernte - wurden die finanziellen Zuwendungen gestrichen.

Topehlen ließ sich aber nicht entmutigen und gründete eine »Anstalt« für Menschen mit geistigen Behinderungen, die er von 1887 bis zu seinem Tod 1904 leitete.

Die Zahl der »Pfleglinge« wuchs rasch. Zahlreiche neue Wohnanlagen, Wirtschaftsgebäude, medizinische Angebote und weitere Einrichtungen wie Altenheime oder Schulen entstanden - fast ausschließlich finanziert durch Spendeneinwerbungen des charismatischen, sehr frommen Topehlen.

Ab den 1960er Jahren kamen die Werkstätten für behinderte Menschen hinzu, die geregelte Tätigkeiten in der Metall- und Holzverarbeitung, Elektromontage oder Gärtnerei und Hauswirtschaft ermöglichten.

Der 70-jährige Fritz Paul, der seit rund 60 Jahren in Einrichtungen Eben-Ezers lebt, erinnert sich gern daran zurück: »Als die Werkstätten kamen, wurde die Arbeit viel abwechslungsreicher.« Vorher habe er ausschließlich Fuß- und Automatten gefertigt.

Auch die Wohnsituation habe sich für ihn immer weiter zum Besseren gewandelt, erinnert sich der Rentner.

Noch in den 50er und 60er Jahren habe er sich mit bis zu 24 Personen ein Zimmer teilen müssen. Erst ab 1972 wurden in Eben-Ezer vermehrt Zwei- und Einbettzimmer eingerichtet. Heute lebt Fritz Paul in einem Einzelzimmer mit eigener Küche und Bad. »Jetzt habe ich Platz für persönliche Dinge«, freut er sich.

Der 1973 in der Stiftungssatzung festgeschriebene Name »Eben-Ezer« bedeutet im Hebräischen so viel wie »Stein der Hilfe« und soll an die biblische Begründung der diakonischen Arbeit erinnern.

In den 1990er Jahren entwickelte die Stiftung ein neues Leitbild unter dem Motto »Leben in Vielfalt«. Ein zentrales Anliegen des diakonischen Handelns sei die volle Teilhabe am Leben in seiner Vielfalt für diejenigen, die besonders auf Hilfe angewiesen sind, heißt es darin.

2011 strich Eben-Ezer die Bezeichnung »Behinderteneinrichtung« aus dem Titel und nennt sich seitdem »Diakonie für ein Leben mit Vielfalt«.

In Zukunft werde der Inklusionsgedanke eine immer wichtigere gesellschaftliche Rolle spielen, sagt der Theologische Direktor Adam. Auch in Eben-Ezer gebe es bereits eine Vielzahl von Verknüpfungen der Arbeits- und Lebenswelten von Menschen mit und ohne Behinderungen.

So habe die Stiftung neue Wohneinrichtungen in der Region gebaut, integrative Ausbildungsgänge in Sozialberufen geschaffen und die Trägerschaft von evangelischen Kindertagesstätten übernommen.

In Lemgo soll das Stiftungsgelände Eben-Ezers mehr geöffnet und zu einem Stadtteil entwickelt werden, wo Menschen mit und ohne Behinderungen zusammenleben. »Die Menschen, für die wir tätig sind, wohnen an ganz verschiedenen Orten, arbeiten an unterschiedlichen Aufgaben und erfahren unterschiedliche Begleitung, Betreuung und Förderung«, sagt Adam.

Jeder von ihnen solle sich mit seinen Fähigkeiten, in das kulturelle und gemeinschaftliche Leben in ihrem Umfeld einbringen können. epd

Dieser Beitrag wurde am 12.5.2012 um 09.23 Uhr veröffentlicht.

Kommentare lesen
Eigenen Kommentar schreiben
Sie müssen eingeloggt sein, um Kommentare verfassen zu können.
Loggen Sie sich hier ein, falls Sie schon einen Account haben
Melden Sie sich hier kostenlos an
Evangelisch in Westfalen und Lippe
Informationen aus den Kirchenkreisen der EKvW und aus der Lippischen Landeskirche auf den jeweiligen Seiten (klicken Sie auf den gewünschten Bereich).
Karte