Luther-Jubiläum
Reicht die Kraft?

Superheld Luther - so einen brauchte es noch mal, um die Kirche zu reformieren. Oder war die Reformation letztlich gar nichts »Heldenhafttes«? Bundestagspräsident Lammert hat so seine Zweifel. Foto/M: julien tromeur/gmh
Bundestagspräsident Norbert Lammert sieht keinen Grund, ein Jubiläum »500 Jahre Reformation« zu feiern. Der Katholik Lammert sähe darin das Bejubeln »einer Kirchenspaltung«.
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) dagegen will die Reformation nicht nur als historisches Ereignis sehen, sondern als beständige Mahnung, die Kirche weiterzuentwickeln. Insofern lässt sie schon jetzt, sechs Jahre vor dem großen Jubiläum, die Veranstaltungsmaschinerie laufen: Veränderung und Neuausrichtung, Reformprozess und Profilschärfung – das sind die Stichworte auf dem Weg zum Reformationsjubiläum. Wirkt dieser Geist der Lutherischen Reformation noch heute? Der Theologe Martin Vorländer macht sich auf den Weg einer Spurensuche.
»Jesus verkündete das Reich Gottes - gekommen ist die Kirche.« In diesem Satz von Alfred Loisy ist das Dilemma der Kirche prägnant zusammengefasst: In den Evangelien predigt Jesus seinen Jüngern, dass der Anbruch des Reiches Gottes unmittelbar bevorsteht. Von der Kirche ist nicht die Rede. Was ist die Kirche? Ein 2000 Jahre altes Missverständnis oder die »Gemeinschaft der Heiligen«, wie sie im Apostolischen Glaubensbekenntnis genannt wird?
In der christlichen Tradition gilt Pfingsten als die Geburtsstunde der Kirche: Die Apostelgeschichte des Lukas berichtet, dass die Jünger nach Auferstehung und Himmelfahrt Jesu lange nicht den Mut fanden, öffentlich zu erzählen, was sie erlebt hatten. Erst der Heilige Geist verhalf der Sache Jesu zum Durchbruch: Wie ein Feuer fiel er auf die Jünger und trieb sie an, die Auferstehung Jesu zu verkünden.
Von da an, so die Apostelgeschichte, nahm die Mission ihren Lauf und erfasste Jerusalem und Palästina, Griechenland und schließlich auch Rom, die Hauptstadt der damaligen Welt. Ein Name ist besonders mit der Missionierung der Völker verbunden: Paulus. Gegen den Widerstand mancher seiner christlichen Mitbrüder verbreitet der Apostel das Evangelium über das jüdische Volk hinaus bis in den griechisch-römischen Kulturkreis.
In den Briefen an seine Gemeinden beschreibt Paulus, was er unter Kirche versteht. Er verwendet vor allem zwei Begriffe: Zum einen spricht er die Gemeinden als »Volk Gottes« an. Er knüpft damit an die Geschichte Israels mit seinem Gott an und stellt die Kirche in die Kontinuität der alttestamentlichen Heilsgeschichte. Zum anderen prägt Paulus im 1. Korintherbrief das Bild von der Gemeinde als dem »Leib Christi«. Was die verschiedenen Menschen zu einer Gemeinschaft zusammenschweißt, ist ihre Beziehung zu Christus. Gemeinsam sollen sie als die »Kinder des Lichts« (1 Thess 5,5) in der Welt ein Zeichen für das Wiederkommen Christi sein. Paulus erwartet, dass Christus noch zu seinen Lebzeiten wiederkommen wird.
Das Warten auf das Wiederkommen Christi dauerte, und die Kirche richtete sich in der Welt ein. Zur Wahrung des rechten Glaubens gab sie sich Ämter und Strukturen. Sie wurde zu einer Größe innerhalb des römischen Reiches, ab der »konstantinischen Wende« 324 zur Staatsreligion. Immer wieder wurde um das rechte Verständnis der Kirche gestritten. Auch der Reformation ging es darum, was die wahre Kirche Jesu Christi ausmacht. Die Confessio Augustana bestimmt in Artikel 7 die Kirche als »die Versammlung aller Gläubigen (...), bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden«.
Das Evangelium von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade, die Rechtfertigungslehre also, ist das Kriterium, mit dem die Kirche steht oder fällt. Damit hat die Confessio Augustana einen Spielraum geschaffen. »Ecclesia semper reformanda« - die Kirche ist immer zu reformieren, das ist die Einsicht der Reformation.
In unserem Jahrhundert hat die Barmer Theologische Erklärung von 1934 das Kirchenverständnis entscheidend geprägt. Gegen die Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus proklamiert sie Christus als den einzigen Herrn der Kirche. Dem Anspruch Christi soll die Kirche in Botschaft und Ordnung entsprechen.
Was ist heute aus der Kirche geworden? Sie ist eine Institution in der deutschen Gesellschaft. Sie ist »Volkskirche« und rekrutiert ihre Mitglieder durch die Kindertaufe. Und: Sie befindet sich in der Krise. Sie zeigt alle Krisenerscheinungen eines groß gewordenen Unternehmens: Mitgliederkrise, Finanzkrise, Motivationskrise, Orientierungskrise. So zahlreich wie die Symptome sind die Programme zu ihrer Rettung.
Das bekannteste ist in Bayern das »Evangelische München-Programm«, das die Landeskirche in Zusammenarbeit mit dem Unternehmensberater McKinsey entwickelt hat. Als Lösungsrezept empfiehlt das Programm ein dreifaches »Ja«: Ja zum Glaubensthema, Ja zur Kirche als Institution, Ja zu professionellen Methoden.
Neben aller Professionalität und Ja-Sagerei stellt das »Evangelische München-Programm« zwei Dinge in den Mittelpunkt: Zum einen muss sich die Kirche auf ihren ureigenen Auftrag konzentrieren: auf die »Kommunikation des Evangeliums«, wie es Ernst Lange formuliert hat. Das Evangelium ist die Verheißung, daß wir durch Gottes Handeln in Christus von Schuld und den Ängsten der Welt befreit sind.
Zum anderen schärft das Programm ein, dass es auf die einzelnen Gemeinden ankommt. Sie sind die Chance der Kirche. Wenn es den Gemeinden gelingt, lebendige Gemeinschaften mit wachen Augen für die Probleme ihrer Mitmenschen zu sein, dann kann die Kirche ein Licht für die Gesellschaft werden.
Die Kirche kann sich heute nicht mehr allein auf einen festen Kern von Mitgliedern in ihren Gemeinden stützen. Aber sie wird dort zur Kirche, wo sie sich für die Bedürfnisse und Nöte der Menschen öffnet. Das geschieht nicht nur innerhalb der Ortskirchengemeinde. Kirche wird dort zur Kirche, wo sie Menschen in den Übergängen und Tiefen ihres Lebens mit Gottes Kraft zur Seite steht. Das Evangelium selber verweist die Kirche auf ihren Platz: Sie stehe dort, wo Menschen an den Rand der Gesellschaft geraten sind. Wie Jesus selber muss die Kirche bereit sein, sich in die Abgründe menschlicher Existenz zu begeben. Dietrich Bonhoeffer beschrieb diesen Auftrag der Kirche so: »Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.«
Der Auftrag der Kirche ist kein Abstraktum. Er hat einen konkreten Ort: Das Abendmahl ist die Erinnerung, daß sich Gott mit den Menschen verbunden hat. Beim Abendmahl wird die Versammlung der Gläubigen zur Gemeinschaft der Heiligen. Das heißt: Wir feiern die Verheißung des Reiches Gottes. Es ist, als ob in jedem Gottesdienst Pfingsten gefeiert wird, die Geburtsstunde der Kirche.
Dieser Beitrag wurde am 1.2.2011 um 00.00 Uhr veröffentlicht.
| Quellenhinweis |
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Der Text von Martin Vorländer wird mit freundlicher Genehmigung des Evangelischen Presseverbandes für Bayern veröffentlicht, Quelle: www.credo.de |
| Kommentare lesen |
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| Anke Beilharz-Wüster schrieb am 01.02.2011 11:07: gabs diesen Artikel nicht schon mal vor kurzem hier? |
| Sophrosyne schrieb am 01.02.2011 11:59: Ich finde die Überschrift oder zumindest den fettgedruckten Teil irreführend, denn letzlich geht es in diesem Artikel doch garnicht um Herrn Lammert, sondern um den Artikel von Martin Vorländer. Dessen Anfang und Umfang sollte man meiner Meinung nach redaktionell eventuell etwas deutlicher machen, da er ja wörtlich zitiert ist. |
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