Käßmanns Alkoholfahrt
Margot, bleib!
Ein Schock. Die Autofahrt von Bischöfin Margot Käßmann unter Alkoholeinfluss erschüttert nicht nur die Kirche, sondern bewegt ganz Deutschland. Fassungslosigkeit. Bestürzung. Trauer. Auch Häme. Warum ausgerechnet sie?
Margot Käßmann, die Hoffnungsträgerin für eine engagierte und menschlichere Kirche. Margot Käßmann, die mutig den Mund aumacht und den Menschen aus dem Herzen spricht. Margot Käßmann, die auf dem besten Weg war, eine moralische Instanz in Deutschland zu werden.
Und jetzt das.
Trunkenheit am Steuer ist kein Kavaliersdelikt. Schon gar nicht mit 1,54 Promille und wenn man dabei eine Rote Ampel überfährt. Wer so etwas tut, riskiert Menschenleben.
Was auch immer der Grund für Käßmanns Alkoholpegel gewesen sein mag: Sich in einem solchen Zustand ans Steuer zu setzen, ist durch nichts entschuldigen. Punkt. Zu Recht sieht das Gesetz dafür ein Strafverfahren vor. Margot Käßmann muss sich den Konsequenzen stellen; so, wie jeder Bürger das tun müsste.
Aber Margot Käßmann ist nicht irgendein Bürger. Sie ist Bischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), mithin oberste Repräsentantin der der evangelischen Kirchen mit ihren 25 Millionen Christinnen und Christen im Land.
Deshalb die Frage, die jetzt alle bewegt: Kann sie im Amt bleiben?
.
Um es vorweg zu nehmen: Es ist zu befürchten, dass sie das nicht tut. Nicht nur, weil die kritischen Stimmen sie niederringen könnten. Nicht nur, weil ihre alten Kritiker, die ohnehin gegen sie schießen, jetzt Munition bekommen haben.
Nein. Vor allem, weil sie hart gegen sich selbst ist. Wenn sie zurücktritt, dann wohl vor allem, weil Margot Käßmann meint, an ihren eigenen, hohen moralischen Ansprüchen gescheitert zu sein, weil sie möglichen Schaden von »ihrer« Kirche abwenden will.
Aber: Käßmann muss bleiben.
Kritiker fürchten, die Trunkenheitsfahrt mag die Kirche schädigen. Käßmanns Rücktritt aber wäre ein weit schlimmerer Verlust. Margot Käßmann muss im Amt bleiben,
1. weil es schlicht keine Alternative gibt. Niemand aus der evangelischen Kirche kann zurzeit so sehr die Herzen der Menschen erreichen, wie diese zierliche 51-jährige, geschiedene Frau und Mutter von vier Töchtern. Niemand kann der Kirche soviel Aufmerksamkeit, Beachtung und Bewegung verschaffen. Das hatte sich schon bei ihrer Wahl zur EKD-Ratsvorsitzenden im November gezeigt.
2. So paradox es gerade im Moment klingen mag: Niemand steht so sehr für Glaubwürdigkeit der evangelischen Kirche wie die promovierte Bischöfin aus Hannover. Gerade auch deshalb muss Margot Käßmann im Amt bleiben: weil sie das christliche Menschenbild nicht nur predigt, sondern mit ihrem Leben deutlich macht. Ob Krebserkrankung, Zoff mit den Orthodoxen oder Ehescheidung, »Seht her – ein Mensch«, möchte man sagen. Ein Mensch mit all seinen brillanten Stärken. Aber auch mit seinen Schwächen. Mit seinen Fehlern und seiner Schuld, an der es nichts zu verharmlosen gibt.
Wir sind alle Sünder, sagt die Bibel. Wir sind nicht so, wie Gott uns eigentlich haben wollte. Wir sind keine Strahlemänner. Auch nicht in Spitzenpositionen. Wer so etwas fordert, hat schlicht das Evangelium nicht verstanden.
Man kann nicht auf der einen Seite das christliche Bekenntnis predigen – wir sind Sünder und bedürfen der Gnade und Vergebung – und auf der anderen Seite faktisch die Fehlerlosigkeit von »Vorzeigechristen« (etwa der EKD-Ratsvorsitzenden) verlangen. Da hilft auch nicht der Einwand: Naja, Fehler macht jeder. Aber doch nicht so einen schwerwiegenden! Dann muss er aber gehen!
Schauen wir in die Bibel: König David, der einen Soldaten in den Tod schickt, weil er dessen Ehefrau haben will. Mose, der einen Aufseher erschlägt. Petrus, der einem Staatsbeamten ein Ohr abschlägt. Die Menschen, die in Gottes Auftrag unterwegs waren, haben zu allen Zeiten eine Menge Mist gebaut.
Und trotzdem baut Gott weiter auf sie. Das entschuldigt nichts. Aber es zeigt, dass Gottes Kinder vor allem eines sind: Menschen. Egal, in welcher Position. Sie bedürfen der Gnade und Vergebung genau so wie du und ich.
Käßmann hat jetzt die Chance, das nicht nur zu predigen. Sondern auch zu leben: Demut zeigen. Reue. Um Vergebung bitten. Buße tun. Und weiter ihren Dienst für Gott und die Kirche ausüben.
Bleiben Sie, Frau Käßmann. Es wird schwer werden, die Kritiker gehen nicht gerade zimperlich mit ihnen um. Aber halten Sie das aus. Erweisen Sie Ihrer Kirche diesen Dienst.
Artikel wurde geschrieben von Gerd-Matthias Hoeffchen
Blutprobe ergibt sogar 1,54 Promille
Polizei stoppt Bischöfin Käßmann
Dieser Beitrag wurde am 24.2.2010 um 10.05 Uhr veröffentlicht.
| Kommentare lesen |
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| engelchen84 schrieb am 24.02.2010 10:40: Ich kann gmh nur voll und ganz zustimmen! Würde das einer "normalen" Gemeindepfarrerin zum ersten Mal passieren, gäbe es von Seiten der Kirchenleitung eine Rüge und damit wäre die Sache erledigt. Beten wir nicht im Gebet aller Gebet: "..und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern..." ? |
| Erika Mörs schrieb am 24.02.2010 13:43: Schreiben Sie ihr das, Herr Hoeffchen: "BLEIBEN SIE, Frau Käßmann." Jetzt gebraucht sie Begleitung auf einer Wüstenstrecke. "Einmal..." - ich zitiere aus ihrem Buch "In der Mitte des Lebens" - "...hat mich ein Gedicht von Hilde Domin auf einer Wüstenstrecke meines Lebens begleitet: "Die schwersten Wege werden allein gegangen..." - Jetzt und hier wollen WIR sie stützen, unterstützen, und SIE können das tun im Namen von Vielen. |
| Schallblech schrieb am 24.02.2010 13:43: Ich denke auch, daß es schlimmer wäre, wenn sie zurücktreten würde. Erfreulich ist, daß sich die Kirche hinter sie stellt. |
| Hoeffchen schrieb am 24.02.2010 14:02: Wer Margot Käßmann direkt schreiben will: |
| Schallblech schrieb am 24.02.2010 14:23: Danke für die Adresse! soeben abgeschickt :) |
| katharina schrieb am 24.02.2010 16:14: Mist. Sie geht. Und die Kirche wird wieder farbloser und langweiliger. Das war ein schönes halbes Jahr mit ihr an der Spitze. Da hab ich mich mal wieder richtig wohl gefühlt in "meiner" Kirche. Schade, wirklich sehr, sehr schade! |
| katharina schrieb am 24.02.2010 16:17: Es war nicht mal ein halbes Jahr, fällt mir gerade auf. Ach, so ein Jammer. |
| MA schrieb am 24.02.2010 16:59: "Und trotzdem baut Gott weiter auf sie. Das entschuldigt nichts. Aber es zeigt, dass Gottes Kinder vor allem eines sind: Menschen. Egal, in welcher Position. Sie bedürfen der Gnade und Vergebung genau so wie du und ich." |
| MA schrieb am 24.02.2010 17:00: Noch eine Frage: Kann dann jeder tun, was er will - und schwups kommt die Vergebung und alles ist wieder gut? |
| Glybyrne schrieb am 24.02.2010 17:10: @ma: 1 a logik. mit der gleichen argumentation könnte man auch den völkermord in dafur als gottes wille beschreiben - greift ja schließlich keiner ein. danke für die erhellenden worte |
| MA schrieb am 24.02.2010 21:11: Auch ich halte den Völkermord nicht für Gottes Wille - ich vergleiche ihn aber auch nicht mit den Aufträgen an die Israliten, die Moabiter etc, auszurotten. |
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