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Käßmann tritt zurück

<b>Bitterer Abschied.</b> Sie war eine Hoffnung der evangelischen Kirche: Margot Käßmann (hier im Augenblick ihrer Wahl vor vier Monaten). Über eine Dummheit ist sie jetzt gestolpert. Archivbild: gmh

Bitterer Abschied. Sie war eine Hoffnung der evangelischen Kirche: Margot Käßmann (hier im Augenblick ihrer Wahl vor vier Monaten). Über eine Dummheit ist sie jetzt gestolpert. Archivbild: gmh

Die kurze Ära Käßmann ist zu Ende: Margot Käßmann hat ihren Rücktritt sowohl vom Amt der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) als auch als hannoversche Landesbischöfin bekannt gegeben.

Hintergrund von Käßmanns Entscheidung war eine Autofahrt unter Alkoholeinfluss, bei der die 51-Jährige am Samstagabend in Hannover beim Überfahren einer Roten Ampel von der Polizei gestoppt wurde.

Käßmann gab ihren Rücktritt Mittwoch um 16 Uhr in Form einer öffentlichen Erklärung im Kirchenamt der EKD in Hannover bekannt.

»Ich habe einen Fehler begannen«, sagte Käßmann vor Journalisten, »und auch wenn ich ihn sehr bereue: Ich habe das Amt und meine persönlichen Autorität beschädigt". Bliebe sie im Amt, hätte sie zukünftig nicht mehr mit die »nötige Freiheit, ethische Herausforderungen und gesellschaftliche Missstände zu benennen«, erklärte Käßmann.

Damit endet die Amtszeit von Margot Käßmann als EKD-Ratsvorsitzende bereits nach wenig mehr als 100 Tagen: Erst im Oktober war sie bei der EKD-Synode in Ulm als Nachfolgerin des aus Altergründen augeschiedenen Berliner Bischofs Wolfgang Huber ins Amt gewählt worden. Käßmann repräsentierte damit die etwa 25 Millionen evangelischen Christinnen und Christen in Deutschland.

Der Entscheidung vorangegangen war eine zwei Tage anhaltende stürmische öffentliche Debatte. In Zeitungsbeiträgen, Fernsehsendungen und Internetforen prallten zum Teil heftig die Meinungen aufeinander, ob die Bischöfin noch weiter als als EKD-Ratsvorsitzende tragbar sei. Kritiker warfen Käßmann vor, nach ihrer Trunkenheitsfahrt sei sie als moralisches Gewissen und Vorbild nicht mehr glaubwürdig. Pikanterweise fiel die Fahrt auch noch in die gerade begonnene Fastenzeit, in der die evangelische Kirche unter anderem für einen Alkoholverzicht wirbt.

Dem entgegen richteten sich geradezu leidenschaftliche Appelle, Käßmann möge im Amt bleiben. Mit Demut und Reue könne sie verkörpern, was die Kirche unter dem »christlichen Menschenbild« verstehe: Jeder Mensch ist Sünder und angewiesen auf Gnade und Vergebung.

Dieser Debatte hat Käßmann mit ihrer Entscheidung Mittwochnachmittag ein Ende bereitet. Viele hätten ihr mit E-Mails und per SMS Mut gemacht, das Amt weiterzuführen, sagte Käßmann. Aber sie halte es mit der Bibel: »Bleibe bei dem, was dein Herz dir rät« (Jesus Sirach), und das sei: »Meine persönliche Überzeugung wäre nicht mehr anerkannt worden, wenn ich zu gesellschaftlichen Missständen Stellung bezogen hätte.«

Bereits wenige Stunden zuvor, als die 14 Mitglieder des EKD-Rats ihrer Vorsitzenden »einmütig das Vertrauen« ausgesprochen hatten, wurde darüber spekuliert, dass diese Formulierung Käßmann den Weg für einen ehrenvollen Abschied ermöglichen solle. Auch der stellvertretende Präses der EKD-Synode, der frühere bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein, hatte erklärt, es sei »völlig eindeutig, dass Käßmann im Amt bleiben« könne. Für die evangelische Kirche gelte: » Bei uns gibt es keine Heilige.«

Mancher ist nach Käßmanns Rücktritt erleichtert: Zu groß, so die Sorge, wäre anderenfalls der Schaden für die evangelische Kirche gewesen.

Deutlich aber überwiegen Trauer, Enttäuschung und Ratlosigkeit. Vielen galt die zierliche, aber dynamische und selbstbewusste Frau als Hoffnungsträgerin: Auch im Amt der Ratsvorsitzenden suchte Käßmann das offene Wort, wo andere kirchliche Würdenträger sich gern hinter diplomatischen Formulierungen verschanzten.

Das brachte der Frau, die seit 1999 als hannoversche Landesbischöfin die zweite Bischöfin in der EKD überhaupt war, nicht nur Sympathien ein: So sorgte eine Passage ihrer Neujahrspredigt für heftige Kontroversen, in der sie den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr kritisiert hatte (»Nichts ist gut in Afghanistan«). Die Debatte ging quer durch alle politischen und gesellschaftlichen Schichten und Parteien.

Zuvor hatte bereits mit Äußerungen zur Orthodoxie und zur Haltung des Papstes zur Ökumene für Aufsehen gesorgt. Zudem hielten ihr Kritiker immer wieder vor, dass sie als Geschiedene nicht tragbar für das Amt des EKD-Ratsvorsitzes sei.

Auf der anderen Seite war es genau diese Biografie, die bei der Mehrheit der evangelischen Kirchenmitglieder für Respekt und Glaubwürdigkeit sorgte: Kind aus einfachen Verhältnissen. Frau und Mutter, die vier Kinder großzieht. Nebenher macht Käßmann ihren Doktor in der Theologie. Sie wird Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Dann Bischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, der größten Kirche innerhalb der EKD.

Zudem galt Käßmann als die »Bischöfin der Herzen«, die spielend und instinktsicher den Zugang zur kirchlichen Basis fand. Als sie an Krebs erkrankte, suchte sie Trost im Umgang mit kirchlichen Gemeindegruppen. Als ihre Ehe scheiterte, ging sie damit an die Öffentlichkeit, bekannte sie ihr Scheitern. In mehreren Büchern gab sie Einblick in ihr Leben und ihren Glauben, zuletzt in dem Bestseller „In der Mittes des Lebens“. Die Herzen flogen ihr nur so zu: »Sie ist eine von uns«, hieß es oft, auch in Leserbriefen an diese Zeitung.

Dass Margot Käßmann im Oktober trotz ihrer Scheidung so klar ins Amt der EKD-Ratsvorsitzenden gewählt wurde, lag nach allgemeiner Einschätzung auch daran, dass es keine Alternative gab: Alle anderen Kandidaten für die Wahl zum EKD-Rat konnten nicht annähernd so viele Stimmen auf sich ziehen. Käßmann war eine Art Kirchenstar, zumindest eine Ausnahmefigur. Etwas auch nur annähernd Ebenbürtiges war nach dem Abgang von Amtsvorgänger Wolfgang Huber nicht mehr in Sicht. Ihre Nachfolge im EKD-Rat wird jetzt ihr bisheriger Stellvertreter übernehmen, der rheinische Präses Nikolaus Schneider. Spätestens im November bei der nächsten EKD-Synode, vielleicht auch schon zuvor bei einer Sondersitzung, soll dann ein Nachfolger gewählt werden.

Margot Käßmann tritt nach eigenen Aussagen von allen kirchlichen Ämtern zurück. »Ich bleibe aber Pastorin der hannoverschen Landeskirche«, so Käßmann.


Artikel wurde geschrieben von gmh

Frag Harald: Und was nun, EKD?
Blutprobe ergibt sogar 1,54 Promille
Polizei stoppt Bischöfin Käßmann
Kommentar: Margot, bleib!

Dieser Beitrag wurde am 24.2.2010 um 16.05 Uhr veröffentlicht.

Kommentare lesen
Pirol schrieb am 24.02.2010 16:34:

Warum nur? Warum? Endlich hatten wir eine Bischöfin, die aus dem Leben kam. Was für ein Schicksalstag für die Kirche ...

MA schrieb am 24.02.2010 16:55:

Dr. Margot Käßmann ist aus gutem Grund zurück getreten. Sie ist nicht an irgendwelchen innerkirchlichen Grabenkämpfen gescheitert, nicht an vermeintlichen Fehlentscheidungen, sondern - wie ich empfinde - wohl in erster Linie an ihrem eigenen Anspruch, es besser machen zu wollen als ihr Vorgänger und an ihrer Überheblichkeit. Sie hat dem Amt nicht erst mit ihrer Trunkenheitsfahrt, sondern schon vorher Schaden zugefügt und die Ökumene belastet. Man hat sie zum Star gemacht - und wird sie nun konsequenterweise fallen lassen. Das ist anderen auch schon passiert.
Was mich bedrückt ist etwas anderes: Dr. Käßmann hat wohl billigend und fahrlässig in Kauf genommen durch ihre Straftat, dass das Leben anderer Menschen gefährdet wird. Sie sollte Gott dankbar sein, dass nicht noch ein Mensch durch ihr Fehlverhalten das Leben verloren hat. Dies kann (Herr Hoeffchen erinnert mich an das alte Lied, wir seien alle kleine Sünderlein) natürlich vergeben werden, beschädigt aber Ansehen und Amt. Zudem: Vergebung muss auch Konsequenzen haben und Frau Dr. Käßmann ist eben keine Dorfpastorin.
Wichtiger scheint mir, ihr zu wünschen, dass sie an anderer Stelle einen guten Neuanfang nehmen kann.
MA

katharina schrieb am 24.02.2010 16:56:

Schicksalstag, schon fast Schicksalsschlag. Die evangelische Kirche verliert viel. Der katholischen Kirche dagegen dürfte das alles sehr gelegen kommen.
Es ist zum Heulen.

gumma schrieb am 24.02.2010 17:27:

Einfach nur traurig. Für die Kirche.
Für Frau Käßmann vielleicht besser?

Erika Mörs schrieb am 24.02.2010 17:44:

Ja, auch meine Traurigkeit ist groß. Groß ist auch die Zahl derer, die sie "behalten" wollten: Wie selten gibt es Hoffnungsträger in unserer oft so hoffnungslos scheinenden Welt - Frau Käßmann war Eine. Dennoch: Meine große Hochachtung vor Ihrer Entscheidung. Sie will ihrer Kirche, die sie liebt, keinen weiteren Schaden zufügen und übernimmt Verantwortung für ihr eigenes Versagen. "Tiefer als in Gottes Hand können wir nicht fallen" schreibt sie in ihrem Buch, und darum können wir sicher sein: ER wird auch Wege finden, auch für sie.

Anke Beilharz-Wüster schrieb am 24.02.2010 17:46:

Nein, MA, Fr. Margot Käßmann war NIE Überheblich und hat auch NIE die Ökumene belastet. Sie blieb immer Frau Pastorin - auch in ihren hohen Ämtern. Sie war - und ist gerade auch heute - GLAUBWÜRDIG und das ist heute so selten geworden. Gerade ihr glaubte man den Glauben, sie ist Seelsorgerin, nicht nur Amtsträgerin (leider gewesen). Sie verkörpert all das positive des Glaubens und der ev. Kirche.

Stephan schrieb am 24.02.2010 18:11:

Als evangelischer Christ weiß ich, dass auch Bischöfinnen keine Heiligen sind und dass Jesus gesagt hat, dass derjenige den ersten Stein werfen solle, der ohne Sünde ist.
Als kleiner evangelischer Pfarrer, der in einem Dorf redlich und treu seinen Dienst zu versehen sucht, erwarte ich von Kirchenrätinnen und Dekanen, Superintendentinnen und Bischöfen, einfach allen, die auf welcher Ebene auch immer mit Kirchenleitung befasst sind, dass sie mir für meine Arbeit in jeder Hinsicht den Rücken freihalten. Wem das nicht gelingt, der möge konsequenterweise von seinen kirchenleitenden Funktionen zurücktreten.
Insofern: Meine allerhöchste Hochachtung und mein Mitgefühl
für die Schwester in Christo Margot Käßmann, die immer wieder für wertvolle Denkanstöße gesorgt hat und die ich gerne noch längere Zeit als Ratsvorsitzende der EKD erlebt hätte, die aber durch ihren dummen Fehler ihren Verbleib in ihrem Amt unmöglich gemacht hat. Wären nur alle Politiker so konsequent wie sie!!!

Schallblech schrieb am 25.02.2010 08:41:

Es ist unendlich traurig, daß ein einziger Moment der Schwäche zu so einem Einbruch in einem Menschenleben und in der Spitze unserer Kirche führen konnte.
Aber sie hat schon Recht: Ihre Autorität wäre gefährdet - nach innen und außen. Jeder Untergebene, dem Ähnliches widerfährt, könnte sich auf sie berufen. Jeder kleine Schmierenreporter könnte alles immer wieder aufwärmen.
Ihre Entscheidung zeigt ihre Größe - mehr noch als alle mutigen Worte, die sie bisher gesprochen hat.
Uns bleibt jetzt, bis zum Herbst einen Nachfolger zu finden und aufzubauen. Eine zweite Margot Käßmann kann und wird es nicht geben, aber vielleicht gibt es irgendwo jemanden, der das Amt des Ratsvorsitzenden auf seine Art zum Wohl der Kirche ausfüllen kann.

Ich wünsche Frau Käßmann, daß sie sich von der publizistischen Hexenjagd erholt und Ruhe findet, und daß sich ihr neue Türen auftun, ihre Fähigkeiten für die Kirche einzusetzen.

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