Woche vom 23. bis 29. Oktober
Mit Leidenschaft Gott verstehen

Die Prüfung des Hiob: Satan schüttet die Plagen über Hiob aus. Gemälde von William Blake (1757-1827) . Foto: Wikipedia
Sonntag: Psalm 1; Montag: Hiob 1, 1-22; Dienstag: Hiob 2, 1-10; Mittwoch: Hiob 2, 11–3, 26; Donnerstag: Hiob 4, 1-21; Freitag: Hiob 5, 1-27; Samstag: Hiob 6, 1-30
Wir leben nicht mehr im Paradies und wir leben noch nicht im Himmel. Wir sind dazwischen in Glück und Leid. Gott lässt das Leid ausdrücklich zu. Aber er hat es zielgerichtet wie bei einer Geburt. Wir dürfen als Menschen miteinander leiden, aber wir sollten nicht aneinander leiden.#
Mit Leidenschaft Gott verstehen
Das Buch Hiob nimmt die Frage nach dem Sinn des Leidens auf, die vor dem Hintergrund der Kreuzigung Jesu inzwischen eine ganz allgemeine Bedeutung hat, die aber auch in jeder Gegenwart jeweils neu aufkommt und glaubwürdig beantwortet werden muss.
Während zuvor die Israeliten sich darum mühten, Gott zu vertrauen, in allen Höhen und Tiefen der individuellen oder gemeinsamen Geschichte, so geht es bei Hiob in einem bisher ungekannten Maße darum, Gott zu verstehen.
Hiob vertraut Gott.
Der Zuverlässige, der Gerechte, das bleibt in allem die unerschütterliche Konstante, aber er und dann vor allem seine Freunde versuchen auch mit Leidenschaft, Gott zu verstehen, den Sinn des Leides und des Leidens zu begreifen.
Denn es ist in dieser Welt nicht so, dass es den Guten nur gut und den Bösen folgerichtig böse ergeht, so wie es die früheren Lehrer, die Weisen und Erzieher am Königshofe über Jahrhunderte weitergaben.
Hiob - die zweite Ebene
Dabei ist das Hiobbuch die größte Dichtung, die das Alte Testament überliefert. Die heutige Form ist das Werk vieler Generationen. Es wurde immer wieder verändert und erweitert. Eine lange Geschichte der mündlichen Weitergabe ist anzunehmen.
Aber im Buch Hiob geschah noch mehr.
Es wird ja nicht nur das schwere Schicksal eines frommen, leidgeprüften Mannes erzählt, sondern es wird die „zweite Ebene“ bewusst gemacht, in der nicht nur die Sicht des Menschen geschildert, sondern das ganze Geschehen auch aus dem Blickwinkel Gottes erzählt wird.
Das ist der Blick, den der Mensch normalerweise nicht hat, höchstens im Glauben erahnen kann.
Aber hier wird er offengelegt.
Diese Rahmenhandlung wird als eine Art Gerichtstag im Himmel dargestellt und ist insbesondere in der deutschen Literatur weiter abgehandelt worden. Das Thema des Dr. Faustus spielt die Frage nach der Gerechtigkeit des Menschen und nach dem Sinn von Gottes Fügungen in immer neuen Varianten durch.
Man sollte darum dieses umfang- und inhaltsreiche Buch Hiob nicht in einem Zug lesen.
So wie man bei einem komplizierten Gebäudekomplex ein Gefühl für die Baugeschichte entwickeln muss und vielleicht zunächst die Einzelteile betrachtet, um dann einen Blick für das Ganze zu entwickeln, empfiehlt sich das auch hier.
Walter Schroeder
Dieser Beitrag wurde am 30.10.2011 um 00.00 Uhr veröffentlicht.
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