Andacht zum 4. Dezember
„Oh Heiland, reiß die Himmel auf!“

Der Himmel war wie verborgen hinter grauen Nebeln. Doch dann: Das hoffnungsvolle Wort, die unverhoffte Hilfe, der Mensch, der endlich zuhörte. Da riss die Wolkendecke auf und das Licht des Himmels konnte sich im Leben ausbreiten. Foto: silvae
Jesaja 63, 15-16. 19b; 64,1-3: 15 So schau nun herab vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. 16 Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; unser Erlöser, das ist von alters her dein Name. 19b Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen,
64, 1 wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, 2 wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! – 3 und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.
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Barbara Lambeck (47) ist als Systemische Familientherapeutin in einer Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig und lebt in Bielefeld
Da sitzt er vor mir, Paul, 16 Jahre alt, wilde Mähne, Piercing in der Lippe, schaut mich offen an und sagt: Ich will raus aus dem ganzen Scheiß. Und dann erzählt er von seinem Leben auf der Straße, seiner Wut auf sich und die anderen, dass er zu Hause rausgeflogen ist. Keinen Schulabschluss, keine Idee, wie es weitergehen soll, keine Hoffnung. – „Oh Heiland, reiß die Himmel auf...!“
Oder Jule, gerade erst 14 geworden, tief traurig über den Tod ihres Opas, weiß nicht wohin mit ihrer Trauer. Mama ist mit sich selbst beschäftigt, wechselnde Beziehungen mit immer wieder den falschen Männern, nur ein Mini-Job – das Geld reicht hinten und vorne nicht. – „Oh Heiland, reiß die Himmel auf...!
Täglich erreichen uns Nachrichten von kriegerischen Auseinandersetzungen in allen Teilen der Welt, von Menschen, die nur unter schwersten Bedingungen ihr Leben leben können, von ungerechter Aufteilung unserer Ressourcen. – „Oh Heiland, reiß die Himmel auf...!
Wo bleibt dabei der Advent – die Vorbereitung auf das Kommen Jesu? Wie bekommen wir das alles zusammen – die harte Wirklichkeit Tag für Tag und die Botschaft der Bibel: Gott wird Mensch!
Vielleicht hilft uns der Predigttext für den zweiten Adventsonntag dabei. Es ist ein alter Text aus dem Jesajabuch, und doch scheint er aktuell wie nie. „So schau nun herab...“, beginnt der Beter. Leidenschaftlich versucht er Jahwe dafür zu gewinnen, dass er sich das Elend seines Volkes aus der Nähe anschaut. Vor uns breitet sich einer der gewaltigsten Klagepsalmen der Bibel aus. Das Volk Israel blickte damals auf die zerstörte heilige Stadt Jerusalem. Kein Stein war mehr auf dem anderen. Keine Perspektive, keine Hoffnung mehr. Sogar der Tempel war zerstört. „Wo ist dein Eifer und deine Macht?“, so fragt der Beter.
Und dann geschieht etwas Erstaunliches. Der betende Mensch erinnert sich und Gott an ihre wunderbare Beziehung zueinander.
„Bist du doch unser Vater...“ Eine erstaunliche Beschreibung für einen alttestamentlichen Text. Selten kommt sie vor. Zu missverständlich war sie damals. Der Begriff Vater wurde von den Naturreligionen der damaligen Zeit benutzt und völlig anders gefüllt. Der Adventstext präzisiert deshalb, wie das mit dem Vater gemeint ist. Jahwe ist der Vater, der Erlöser. Ein Gott, der den Menschen sieht, den Menschen er-löst, herauslöst aus seinem Elend. Deshalb also die Hinwendung zu Gott. Deshalb die Klage direkt an die Adresse Jahwes. Ein paar Verse vor dem Predigttext wird aufgelistet, was Gott schon alles getan hat: Mose aus dem Wasser gezogen, das ganze Volk aus Ägypten gerettet. Die Menschen des Volkes Israels erzählen sich von den Rettungstaten Jahwes. Bis heute.
Und wir? Was erzählen wir uns über die Rettungstaten Gottes? Auf eine der größten Rettungstaten Gottes leben wir gerade zu. Gott wird in dem Kind Jesus Mensch. Ganz klein, ganz normal, ganz armselig. Er schaut nicht nur vom Himmel herab, er kommt sogar vom Himmel herab. Zu uns. In unsere kleine und große Welt. In das Elend der Menschen.
Wir werden Zeit brauchen, wenn wir davon erzählen wollen. Zeit, die Tasse Tee oder den Kaffee zuzubereiten. Zeit für die oder den Einzelnen, dem unser Zuhören gut tut. Zeit, in der wir uns selber erinnern lassen an die Rettungstaten Gottes. So dass für uns die Gewissheit immer wieder reift: „Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.“
Und was ändert das an unserer Welt? Ich glaube, sie wird ein Stück menschenfreundlicher werden. Für Jule und Paul wäre das viel.
Dieser Beitrag wurde am 3.12.2011 um 00.00 Uhr veröffentlicht.
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Himmlischer Vater, wir danken dir, dass du uns siehst. Wir bitten dich, lass uns immer wieder neu auf dich vertrauen. Und schenke uns Mut, von deinen Rettungstaten zu erzählen. Amen. |
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