Andacht über die Jahreslosung 2012
Mit liebevollen Augen
2. Korinther 12, 7- 10 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.
8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. 9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. 10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.
Jahreslosung 2012 - Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. 2. Korinther 12, 9
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Alfred Buss (64) ist Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen
Dreimal hat Paulus zum Herrn gefleht. Eine Krankheit quälte ihn wie ein „Pfahl im Fleisch,“ wie „Satansfäuste“. Doch was richten Gebete schon aus? Zu oft scheinen sie ins Leere zu gehen. Unheilbar Kranke müssen sterben, Beziehungen zerbrechen, Menschen rennen ins Unglück, die Not hat kein Ende – allen Gebeten zum Trotz. Gebete sind nicht einfach Erfolg versprechend. Oft kommt es nicht so, wie wir es erbeten haben. Deshalb beten viele Zeitgenossen heute nicht mehr: Es nützt doch nichts.
Oder sitzen die Gründe für das Nicht-(mehr)-Beten tiefer? Beim Beten bringt ein Mensch sich selbst mit seinem ganzen Leben vor Gott. Auch die Ratlosigkeiten, Enttäuschungen und Ängste, das Zweifeln und Verzweifeln. Er zeigt sich angewiesen, bedürftig und schwach. So wie ein Kind um Hilfe fleht. Darum ist manchen das Beten peinlich. Wer will schon Schwäche zeigen, angewiesen und bedürftig sein? Wer betet, muss sich abschminken und unverstellt zeigen, ohne Rollen- oder Maskenspiel. Vor Gott stehen wir bloß da. Ihm können wir nichts vormachen. Im Beten überwinden wir auch die eigene Scham.
Ein Beter gibt sich selber aus der Hand und schreibt Gott nicht vor, was gut für ihn ist. Wer betet, will empfangen, nicht machen und tun, auch nicht wollen und verdienen. Wer betet, der überlässt sich Gottes Lebensabsicht mit ihm, nicht den Selbstentwürfen. Wer betet, baut nicht mehr auf die eigene Stärke – sondern lässt Raum in sich für Gottes Kraft.
Das klingt so einfach und ist doch beinhartes Ringen. Wer kann sich schon selbst loslassen? Paulus hat es erfahren. Er lag Gott in den Ohren: „Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Lass dir an meiner Gnade genügen... Doch wer will schon von Gnade abhängig sein? Wer Gnade in den Augen eines anderen findet, der erfährt Wohlwollen. Kommt also ganz drauf an, von wessen Gnade wir leben. Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren. In Christus schaut Gott uns mit liebenden Augen an und zeigt sich selber schwach. Jetzt, nach dem Fest, sehen wir die Linie von Weihnachten nach Karfreitag, von der Krippe zum Kreuz besonders klar. In Christus ist Gott schwach wie ein Mensch nur schwach sein kann. Und sagt: ich bin, wo du bist. Nichts Menschliches ist ihm fremd, auch nicht die Ratlosigkeiten, Enttäuschungen und Ängste, das Zweifeln und Verzweifeln. Er kennt auch unsere Neigung, eigene Stärke vorzutäuschen. Und er kennt unsere Scham.
Dabei dürfen wir Gott unverschämt in den Ohren liegen. Er hört unser Flehen. Und antwortet auf seine Weise. Und wie? Dorothee Sölle schreibt über einen Tiefpunkt in ihrem Leben, nach der Scheidung: „In dieser Situation ging ich... in eine dieser spätgotischen Kirchen... In dieser Kirche fiel mir, in mein Schreien versunken, ein Wort aus der Bibel ein: „Lass dir an meiner Gnade genügen.“ ... Ich wusste wirklich nicht, was das theologische Wort ‚Gnade’ bedeuten könnte, wenn alle Realität meines Lebens nichts damit zu tun hätte. Aber ‚Gott’ hatte mir gerade diesen Satz ‚gesagt’... Ich fing, in der Größe eines Stecknadelknopfes, an zu akzeptieren, dass mein Mann einen anderen, seinen eigenen Weg ging. Ich war am Ende und Gott hatte den ersten Entwurf zerrissen. Er hatte mich nicht getröstet wie ein Psychologe, der mir erklärte, dass dies vorauszusehen gewesen sei... Er warf mich mit dem Gesicht auf den Boden... Später habe ich gemerkt, dass alle, die glauben, ein wenig hinken, wie Jakob, nachdem er mit dem Engel gekämpft hat... Dass die Gnade tatsächlich ‚genügt’ zum Leben und dass ‚nichts’ uns scheiden kann von der Liebe Gottes, auch der eigene Tod nicht, das sind Erfahrungen, die wir nacherzählen, aber nicht im Plan, im Konstrukt vorwegnehmen können.“
Ja, Gott hört unser Flehen. Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Dieser Beitrag wurde am 31.12.2011 um 00.00 Uhr veröffentlicht.
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