Andacht für den 9. Oktober
Hoffen – mit ganzem Herzen

Der rettende Ring für den Schiffbrüchigen, aber auch für den Verzweifelten, den Mutlosen. Man kann sich nicht selber aus der Not herausziehen, man braucht einen Halt außer sich. Bei der Suche danach ist schon mancher auf Gott gestoßen. Foto: Fotoli
Klagelieder 3, 22-26. 31-32: 22 Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, 23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. 24 Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.
25 Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. 26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen. 31 Denn der Herr verstößt nicht ewig; 32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

Berthold Schneider (56) ist Pfarrer der Evangelischen Emmaus-Gemeinde Senne, Bielefeld
"Ein wenig neidisch bin ich schon“, meinte der Berater, als er mit uns die Ergebnisse im betrieblichen Gesundheitsmanagement besprach. „Christen haben einen Halt außerhalb von sich selbst. Den habe ich nicht. Ich muss ihn mir mühsam suchen, hart erarbeiten.“ Ja, ein anvertrauter Schatz ist unser Glaube – ein Halt außerhalb von uns selbst. Anvertraut zum Gestalten. Eine Möglichkeit, die Freude Gottes zu leben und weiterzugeben. Alle Morgen ist Gottes Güte neu, seine Treue ist groß. Daraus kann man leben, Hoffnung und Kraft tanken.
Schön, dass beim Berater diese Erkenntnis im Gespräch mit unseren Mitarbeitenden keimte. Oft frage ich mich: „Strahlen wir Christen wirklich Glaubenshoffnung aus?“ Meist packen wir unseren Glauben doch in die hinterste Lebensecke, lassen ihn nicht leuchten. Wann reden wir von der Freundlichkeit Gottes? Da tut es gut, wenn jemand von außen uns das widerspiegelt.
Schließlich erfahren wir jeden Tag, dass wir fast gar aus sind. Die völlig undurchsichtige Lage in der Wirtschaft verunsichert. Heute Griechenland, morgen wieder Italien und nächste Woche Portugal. Wann sind wir dran? Im Innersten ahnen wir, dass unser Fortschritt auf Pump entwickelt wurde. Wir haben von den nachfolgenden Generationen Geld geliehen, Natur und Rohstoffe auch. Das muss doch irgendwann zurückgezahlt werden – mit welchem Zinssatz?
Wenn der Herr nicht auf ewig verstößt, wie lange denn? Wir leben in unsicheren Zeiten – und dürfen auf die Hilfe Gottes hoffen. Sie ereignet sich, ist nicht planbar. Die Güte Gottes stellt sich quer zu unseren Konzeptionen, Planspielen und Weltberechnungen. Wer auf die Güte Gottes hoffen kann, braucht nicht jeden Tag neue Wasserstandsmeldungen aus Börse und Politik. Wer auf die Güte Gottes hoffen kann, wird durch die bedrohlichen Daten und Fakten zutiefst beunruhigt. Deshalb keimt in uns ja die Frage, ob die Barmherzigkeit Gottes ein Ende haben könnte. Und wir leiden unter der eigenen Mitverantwortung für die bedrohlichen Daten und Fakten. Doch: Wir sind dem Leben nicht einfach ausgeliefert. Wir sind weder Marionetten noch Weltenherrscher. Wir sind hoffentlich die, die auf Gott harren und nach ihm fragen. Wir sind hoffentlich die, die dann fröhlich ans Werk gehen und wissen: Es liegt mit an uns, aber nicht allein an uns. Gott erbarmt sich immer wieder nach seiner großen Güte.
Aktuelle Umfragen sagen: Wir leben in Ängsten. Die Zukunftsangst hat in den letzten fünf Jahren zugenommen. Die Unsicherheit ist gestiegen. Und manche Fragen müssen jeden Tag neu gestellt werden: Warum nimmt das Lohnniveau seit Jahren ab, während die Gewinne steigen? Warum müssen Arbeitsplätze wegrationalisiert werden, wenn die Auftragsbücher gut gefüllt sind? Tief dahinter steckt die Vertrauensfrage: Was ist hinter den Worten, die jemand spricht? Wem vertraue ich eigentlich noch? Tragen bei diesen Fragen Geduld und die Hoffnung auf die Hilfe des Herrn? Ja, und das hat der externe Berater auch gemerkt. Die Lebensfragen der Menschen sind gleich – nicht aber die Antworten.
Inmitten bitterster Fragen setzt der Textabschnitt aus den Klageliedern Jeremias strahlende Lichter der großen Hoffnung. Bei einem scharfen Kontrast von Leid und Glaubensgewissheit werden wir mitgenommen auf einen neuen Weg. Wir entdecken im Dunkel und in der Not Gott. Er kommt uns nahe. Er führt uns zum Licht. Das finstere Tal ist nicht das Ende. Darum will ich auf ihn hoffen. Und ich will diese Hoffnung weitergeben – nicht zwanghaft, nicht mit Gewalt, sondern mit dem Herzen. Kein: Ich muss, sondern: Ich kann. Weil ich selbst geliebt bin, weil ich die Liebe Christi weitergeben darf. Ich habe sie empfangen. Und das darf man uns durchaus anmerken.
Dieser Beitrag wurde am 8.10.2011 um 00.00 Uhr veröffentlicht.
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