Andacht für den 23. Oktober
Gott selbst geht in die Knie

Das Nadelöhr – seine Enge und Winzigkeit bleibt auch im Glauben die Herausforderung. Nicht eigenes Tun und Haben ebnen den Weg zum ewigen Leben. Die Hände müssen frei sein. Gottes unendliche Güte ist der Schlüssel. Foto: Matthias Krüttgen
Markus 10, 17-27: 17 Und als er sich auf den Weg machte, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? 18 Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein. 19 Du kennst die Gebote: „Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; ehre Vater und Mutter.“
20 Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf. 21 Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach! 22 Er aber wurde unmutig über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter. 23 Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen! 24 Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist’s, ins Reich Gottes zu kommen! 25 Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme. 26 Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann dann selig werden? 27 Jesus aber sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.
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Steffie Langenau (49) ist Pfarrerin in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Bad Salzuflen
"Also so mit Niederknien und mit Antrag, diesen ganzen romantischen Quatsch, den habe ich nicht gebraucht“, sagt der Bräutigam im Traugespräch. Schade eigentlich, denke ich, ob die Braut allein sich vielleicht anders geäußert hätte? „Königsberger Klopse sind für mich zum Niederknien“, verkündet ein Schauspieler im Kochbuch für Promis. Ehemals waren es Könige, vor denen Menschen knieten. Knien bedeutet Ehrerbietung und Unterwerfung. Vielleicht passt das nicht mehr in unsere Zeit, ist es deshalb im Sprachgebrauch verflacht und als Geste unmodern geworden?
Einer kommt zu Jesus, erzählt das Markusevangelium, ein Namenloser, Hergelaufener. Der kniet nieder, weil er eine lebenswichtige Frage hat. Er kennt Jesus nicht, aber dass er ihm die Antwort zutraut, bringt er durch diese Ehrerbietung zum Ausdruck. Er hat eine ungewöhnliche Frage. Das ewige Leben möchte er gewinnen. Leben, das mehr ist als das, was Menschen zwischen Geburt und Tod selbst gestalten können. Leben, das nicht im Tod seine Grenze hat. Heute fragen Menschen eher nach diesseitigem Glück und der schnellen Verwirklichung ihrer Lebensträume. Und wenn es nun einen Zusammenhang gäbe zwischen dem Verblassen der Geste des Kniens und dem Verschwinden einer Frage, die über die Machbarkeit des Glücks hinausgeht? Was ist uns heilig? Wem geben wir die Ehre?
Das ewige Leben gewinnen? Gehorsam sein, das ist die Antwort, die Jesus dem Unbekannten gibt. Enttäuschend? Nichts als Gebote? Haben andere religiöse Führer nicht ganz andere Antworten gewusst? Aber: Wer nach dem ewigen Leben fragt, muss den Willen des Ewigen kennen. Und der bezieht sich auf das diesseitige, ganz alltägliche Dasein: Wie leben wir mit unseren Mitmenschen, den Freunden und Feinden, der Welt, die uns anvertraut ist? Der Hergelaufene bei Markus behauptet überraschenderweise, er habe all das gehalten, was Gott gebietet. Geht das? „Frau Pastor, Kirchenläufer sind wir ja nicht, aber wir leben danach, wir lassen uns nichts zuschulden kommen!“ Das sagen viele. Ob sie nicht doch eine Ahnung haben, dass etwas fehlt? „Eines fehlt dir“, sagt Jesus. Und das ist, nein, nun nicht eine größere Spendensumme, und damit wäre dann alles gut. Es fehlt an der Liebe. Am Vertrauen, an der Nähe zu Gott. An der Liebe, die dann auch die Hände für andere öffnet.
Der nach ewigem, erfülltem Leben gefragt hat, geht traurig davon. Reich an Gütern, arm an Liebe.
Dabei hat es längst schon angefangen. „Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb.“ Der Suchende ist längst gefunden. Die Liebe hat ihn bereits berührt, Jesus hat ihn angesehen. Was bei den Menschen unmöglich ist, ist bei Gott möglich: Dass das Herz eines Menschen sich wandelt, weil er Gottes liebevollen Blick spürt und seine Güte entdeckt. So sieht Gottes Liebe aus, dass er in Christus selbst in die Knie ging, sich der Welt auslieferte und alle Macht preisgab. Der Hergelaufene kniet vor dem, der sein Leben nicht retten wollte, sondern es für uns hingab. So tief hat Gott die Menschen ins Herz geschlossen. Längst. Und so beginnt es, das ewige Leben: „ Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb.“
Dieser Beitrag wurde am 22.10.2011 um 00.00 Uhr veröffentlicht.
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