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Mittwoch, 01.06.2016
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Vom Umgang mit dem Israel-Sonntag

Was Christen von Juden lernen können

Wie umgehen mit dem »Israel-Sonntag«? Sylvia und Peter Bukowski im UK-Gespräch. Fotos: TSEW

Wie umgehen mit dem »Israel-Sonntag«? Sylvia und Peter Bukowski im UK-Gespräch. Fotos: TSEW

Der zehnte Sonntag nach Trinitatis heißt im liturgischen Kalender der evangelischen Kirche „Israelsonntag“. Wie soll man ihn im Gottesdienst feiern? Welche Rolle spielt dabei die aktuelle Lage im Heiligen Land? UK im Gespräch mit zwei Experten.

Das Verhältnis von Juden und Christen soll er zum Thema haben: der Israelsonntag. Wie kann das im Gottesdienst aussehen? Bernd Becker und Gerd-Matthias Hoeffchen sprachen mit Sylvia und Peter Bukowski.

Sylvia Bukowski ist Juden-Christen-Beauftragte für den Reformierten Bund und Mitglied einer Arbeitsgruppe „Perikopen-Revision“ der Evangelischen Kirche in Deutschland. Peter Bukowski ist Moderator des Reformierten Bundes und Direktor des Instituts für pastorale Ausbildung in Wuppertal. Der Israel-Sonntag ist auch Titelthema der neuen UK, Ausgabe 35/14, Seiten 1 und 2.


Am 10. Sonntag nach Trinitatis stellt sich in vielen Kirchengemeinden die Frage: Warum feiern wir eigentlich einen speziellen „Israelsonntag“ im Gottesdienst? Und wie können wir das in diesem Jahr angesichts der politischen Lage tun?


Sylvia Bukowski: Seinen Ursprung hat der Israelsonntag als Gedenktag der Zerstörung Jerusalems. Er liegt seit jeher in der Nähe des 9. Aw, an dem die jüdische Gemeinschaft dieses Ereignis betrauert. Aber statt mitzutrauern und sich Gottes Gericht selbst als Warnung vor Augen zu halten, hat die Kirche oft gesagt: Das ist die Strafe für die jüdischen Gottesmörder! Das zeigt, dass Israel endgültig verstoßen ist. Jetzt sind wir Christen das „wahre“ Israel.


Das können wir heute natürlich nicht mehr sagen.


Peter Bukowski: Nein, natürlich nicht. Unter dem Eindruck des Holocaust haben die evangelischen Kirchen seit den 60er Jahren ihr Verhältnis zu Israel und zum Judentum neu bedacht und sich bemüht, den in ihrer eigenen Tradition begründeten Antijudaismus und Antisemitismus zu überwinden.


Was bedeutet das konkret?


Peter Bukowski: Wir haben erkannt: Die Kirche hat Israel nicht abgelöst. Gott ist nicht wortbrüchig geworden. Er hält seinem Volk durch alle Zeiten hindurch die Treue. Nur an der Seite Israels hat die Kirche Anteil am Heilsplan Gottes.


Das Verständnis des Israelsonntags hat sich also verändert – was bedeutet das für die Gestaltung dieses Sonntags?


Sylvia Bukowski: Die Evangelische Kirche in Deutschland hat vor einigen Jahren eine Kommission berufen, die die Ordnung für die Predigt- und Lesungstexte im Gottesdienst überarbeiten sollte, unter anderem auch nach Kriterien aus dem christlich-jüdischen Dialog. Ich habe da mitgearbeitet.

Inzwischen liegt ein Vorschlag zur Erprobung vor. Für den Israelsonntag haben wir uns auf einen doppelten Vorschlag geeinigt. In einem bleibt der Schwerpunkt auf dem Gedenken der Zerstörung Jerusalems und der Notwendigkeit, Buße zu tun. Die dazu gewählten Texte unterstreichen jedoch auch die bleibende Erwählung Israels und stehen jeder christlichen Überheblichkeit entgegen.

Der andere Vorschlag bezieht sich allgemeiner auf das Verhältnis von Christen und Juden und regt dazu an, neue Entdeckungen zu machen und vom Judentum zu lernen.


Was können Christinnen und Christen denn vom Judentum lernen?


<b>Peter Bukowski</b>

Peter Bukowski

Peter Bukowski: Aktuelles Beispiel: In einer Zeit, in der auch in der Kirche Burn-out zur Volkskrankheit geworden ist, finde ich die Erinnerung hilfreich, dass in keinem der zehn Gebote von Arbeit die Rede ist, wohl aber wird der Schabbat als Tag der Unterbrechung, der Ruhe und der Freude ausdrücklich befohlen.

Am jüngsten Tag werden wir nach jüdischer Auffassung Gott auch Rechenschaft darüber ablegen müssen, welche Möglichkeiten zur Freude wir verpasst haben. Das sollten sich gerade Protestanten gesagt sein lassen.

Darüber hinaus bietet der jüdische Umgang mit der Heiligen Schrift immer wieder bereichernde und überraschende Perspektiven. Statt nach dem Sinn hinter den Worten zu suchen, wird gefragt, wie die Wahrheit in den Worten des Textes aufleuchtet und Gestalt gewinnt. Warum fängt die Bibel mit „b“ an? Warum steigen die Engel auf der Himmelsleiter hinauf und herunter – statt umgekehrt? Wer solchen, in jüdischer Auslegung breit diskutierten Fragen nachgeht, kommt zu ganz neuen Entdeckungen.

Sylvia Bukowski: Und überhaupt: Mir imponiert, dass für jüdische Auslegung die eigentliche Kunst darin besteht, immer neue Fragen an den Text zu stellen, nie zu sagen: So, das war‘s. Jetzt wissen wir alles über den Text. Jüdische Auslegung hält auch die widersprüchlichen Aussagen, die es in der Bibel an einigen Stellen gibt, aus. Da würde niemand wie Luther sagen: Der Jakobsbrief ist eine „stroherne Epistel“ und sollte am besten aus der Bibel rausfliegen.

Peter Bukowski: Wenn ich noch etwas hinzufügen darf?


Gerne.


Peter Bukowski: Ich bin immer wieder erschrocken, wie schlecht es in unserer „Kirche des Wortes“ um die schlichte Bibelkenntnis bestellt ist. Da können wir uns von Juden, die weite Passagen auswendig können, eine dicke Scheibe abschneiden.


Wir sprachen davon, dass auch die aktuelle Lage im Heiligen Land zur Verunsicherung bei der Gottesdienstgestaltung beiträgt. Soll man am Israelsonntag zum Gazakrieg Stellung nehmen?


Peter Bukowski: Ich glaube, das geht gar nicht anders. Die Gottesdienstbesucher bekämen sonst den Eindruck: Da vorne laviert jemand herum. Er spricht über Israel, drückt sich aber vor den Fragen, die sich durch die tägliche Berichterstattung aufdrängen.


Was kann man als Christ denn zum Konflikt Israel – Palästina sagen? Die Debatte ist in Deutschland momentan völlig aufgeheizt. Kritik an Israels Politik wird schnell als Antisemitismus gebrandmarkt.


Peter Bukowski: Wer Israels Siedlungspolitik kritisiert, ist deshalb kein Antisemit. Was aber die gegenwärtige Auseinandersetzung betrifft: Da fehlt mir die Empathie für die Lage, in der Israel sich befindet. Israel wird fortwährend mit Raketen beschossen und zwar von einem Gegner, der ihm programmatisch sein Existenzrecht aberkennt – und das im Verein mit arabischen Verbündeten, die ebenfalls erklärte Feinde Israels sind.

Und wer auf die zweifellos erschreckend hohe Zahl ziviler Opfer in Gaza hinweist, darf nicht ausblenden, wie die Hamas mit der Bevölkerung umgeht. Es gibt genug Berichte, dass sie sie als lebende Schutzschilde für ihre Bombenlager missbraucht.

<b>Sylvia Bukowski</b>

Sylvia Bukowski

Sylvia Bukowski: Was ich gegenwärtig am schlimmsten finde, ist der offene Antisemitismus, der bei den angeblichen „Friedens“-Demonstrationen laut wird. Ich habe seit Langem Kontakt mit der jüdischen Gemeinde hier und erlebe, wie diese Ausschreitungen tiefe Ängste wecken. Und was haben die jüdischen Gemeinden bei uns mit der israelischen Politik zu tun? Die meisten Juden hier sind deutsche Staatsbürger!


Gerade in den christlichen Gemeinden hierzulande gibt es auf der einen Seite die Israel-Freunde, auf der anderen Seite die Freunde der Palästinenser, vor allem der christlichen Palästinenser …


Sylvia Bukowski: … und beide Seiten stehen einander viel zu oft unversöhnlich gegenüber. Die einen blenden die Unrechtstaten Israels aus, die anderen die der palästinensischen Seite. Die Verbrechen, die arabische Staaten an den Palästinensern verübt haben, oder auch deren Weigerung, die palästinensischen Flüchtlinge zu integrieren: Das alles wird meist total ausgeblendet!


Wie kann man mit der Nahostpolitik im Gottesdienst zum Israelsonntag umgehen?


Peter Bukowski: Was jedenfalls nicht hilft, ist einseitig auf die Schuld der anderen hin zu weisen. Das ist so wie früher, wenn ich mit meinem Vater diskutiert habe. Er sagte: Archipel Gulag! Und ich habe gekontert: Südafrika!

Sylvia Bukowski: Ich fände gut, wenn am Israelsonntag einige der Stimmen zu Gehör kämen, die trotz allem an der Versöhnungsarbeit dranbleiben. Zum Beispiel Daoud Nasser mit seinem Projekt Zelt der Nationen. Das Motto seiner Arbeit ist: Wir weigern uns, Feinde zu sein.

Oder mein Kollege in Bethlehem, Dr. Yohanna Katanacho, der ausdrücklich sagt: Wir brauchen keine einseitigen Unterstützer. Wenn ihr lauter Israelfreunde in der Gemeinde habt, erzählt von unseren palästinensischen Leiden. Wenn es lauter Palästinenserfreunde sind, erzählt von den Ängsten Israels. Er hat kürzlich auch einen Text verfasst, der dazu aufruft, mit den Menschen in dem Konflikt zu weinen. Er schließt mit der Aufforderung: Weint nicht nur mit euren Freunden. Weint auch für eure Feinde! Ich habe den Text für reformiert-info.de im Internet übersetzt.


Gibt es auch etwas Praktisches, was man vor Ort tun kann?


Sylvia Bukowski: Wir werden den Frieden in Nahost nicht herbeidiskutieren können, egal, was wir machen. Aber wir können hier, vor Ort, die Zusammenarbeit stärken. Wir können zeigen, dass es zumindest bei uns möglich ist, dass Juden, Christen und Muslime friedlich zusammenleben.

Als kürzlich der Brandanschlag die Wuppertaler Synagoge traf, hier gleich bei uns um die Ecke, hat der Vorsitzende der marokkanischen Gemeinde sofort, noch aus dem Urlaub heraus, seine Bestürzung übermittelt. Es fand eine Solidaritätskundgebung statt, auf der ein Sprecher des Wuppertaler Moscheeverbands betont hat: „Jedes Gotteshaus ist heilig.“

Wir sollten nicht nur über die große Weltpolitik reden, so wichtig das ist. Vor Ort sind wir alle gefordert, zu einem respektvollen Miteinander der Religionen beizutragen.
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Sylvia Bukowski: Bis zum Ruhestand Pfarrerin in der Evangelischen Gemeinde Unterbarmen. Mitglied im Ausschuss „Christen und Juden“ in der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) und Juden-Christen-Beauftragte für den Reformierten Bund.

Dr. h.c. Peter Bukowski: Moderator des Reformierten Bundes, Direktor des Seminars für pastorale Ausbildung in Wuppertal („Predigerseminar“).

Dieser Beitrag wurde am 20.8.2014 um 10.07 Uhr veröffentlicht.

Weitere Informationen und Tipps

www.reformiert-info.de: übersetzte Texte von Dr. Y. Katanacho und Gebete zur aktuellen Situation
www.comeandsee.com: Texte palästinensischer Christen
www.tentofnations.com: Berichte über das Projekt
www.stuhlmannzwischendenstuehlen.wordpress.com: Berichte von Rainer Stuhlmann, Studienleiter in Nes Ammim
www.asf-ev.de: Materialien zum Israelsonntag
Reformierte Liturgie: Gebete zum Israelsonntag

Kommentare lesen
Schallblech schrieb am 20.08.2014 15:08:

Neben Daoud Nassar, dessen Besitz im Mai schon wieder von Israel zerstört wurde, und Johanna Katanacho darf man gerne auch Uri Avnery heranziehen! 2010 sagte er im Gespräch mit uns, einer Bläsergruppe von Brass for Peace: "Für Palästina zu sein, muß nicht heißen, gegen Israel zu sein. Für Israel zu sein, muß nicht heißen, gegen Palästina zu sein". In drei Wochen wird er 91, aber sein Geist ist topfit. Er hat ein lesenswertes Blog auf seiner Internetseite, die über Gugel leicht zu finden ist.

ellybe schrieb am 24.08.2014 10:07:

Natürlich hat "Die Kirche" Israel nicht "abgelöst"! Zum Volk Gottes gehören doch wohl alle, die an ihn glauben, überall auf der Welt - sogar solche Menschen, die wir/ich für ungläubig halte(n). Das will ich jedenfalls hoffen, da es doch in Johannes 4,34 heißt: "Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten."

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