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Urteil

Schulverweigerer müssen nicht ins Gefängnis

<b>Eine Geld- statt Freiheitsstrafe</b> verhängte das Landgericht Kassel jetzt gegen Eltern, die ihre Kinder nicht in eine staatliche Schule schicken wollen.  Foto: Archiv

Eine Geld- statt Freiheitsstrafe verhängte das Landgericht Kassel jetzt gegen Eltern, die ihre Kinder nicht in eine staatliche Schule schicken wollen. Foto: Archiv

Ein Ehepaar, das seine Kinder aus religiösen und Gewissensgründen nicht in eine staatliche Schule schickt, muss nicht ins Gefängnis.

Das Landgericht Kassel verurteilte das Paar am Mittwoch zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen à einen Euro. Der 48-jährige Familienvater und seine 43-jährige Ehefrau hätten sich der dauernden Verletzung der Schulpflicht schuldig gemacht, erklärte Richter Jürgen Dreyer.
Eine Freiheitsstrafe sei aber nicht angemessen.

Die Staatsanwaltschaft hatte eine dreimonatige Freiheitsstrafe ohne Bewährung gefordert.

Das Ehepaar unterrichtet bislang fünf seiner sieben Kinder zuhause. Ob sie ihre Kinder künftig in eine normale Schule schicken, wollen die Eltern noch beraten. Sie hätten gern eine eigene Heimschule gegründet.

Das Gericht machte aber klar, dass dies wohl nicht genehmigt werde. epd

Dieser Beitrag wurde am 25.11.2009 um 21.18 Uhr veröffentlicht.

Kommentare lesen
JensMK schrieb am 26.11.2009 08:28:

Die eigenen Eltern können ihren Kindern keine tatsächlich aussagekräftigen Zeugnisse ausstellen. Ohne Zeugniss keine Immatrikulation oder Berufsausbildung. Aber Mami und Papi können vor ihrem Gewissen vereinbaren, dass die Kinder keinerlei Chance auf dem Arbeitsmarkt haben. Diese Erziehung befähigt die Kinder in keiner Weise ein selbstständiges Leben zu führen und aus eigener Arbeitsleistung des Lebensunterhalt zu verdienen. Völlig unverantwortlich. Und - wie kann ein Richter unserer Replubik es ernsthaft erlauben, dass die Eltern sich besprechen und entscheiden ob sie ihren Kinder die Möglichkeit zu einem Leben in der Gesellschaft geben, anstatt am Rand der Armut.

gumma schrieb am 26.11.2009 09:09:

Wieso bist du dir da so sicher, JensMK, dass die zu Versagern werden?
Ich bin da hin- und hergerissen: Ich glaube einerseits, dass es manche Kinder zu Hause wirklich besser haben. Unsere Schulen sind wahrhaftig nicht der beste Ort für Bildung, weder im Sinne von Persönlichkeitsstärkung noch von Wissensvermittlung. Andererseits sehe ich schon die Gefahr, dass Kinder außerhalb der Gesellschaft aufwachsen und später Probleme damit bekommen, sich zurechtzufinden.
Aber: habe vor einigen Tagen eine Reportage über Schulverweigerer gesehen - da war ein Junge, der nur das letzte Jahr der Realschule an der Regelschule gelernt hat, den Rest zu Hause - er bekam den Abschluss als Schulbester mit 1,nochwas!

Schallblech schrieb am 26.11.2009 12:18:

Schulnoten sagen leider NICHTS über Lebenstüchtigkeit aus.

JensMK schrieb am 26.11.2009 14:21:

Hallo @all,

ich kann beides nicht so stehen lassen: ohne ein Zeugniss einer allgemeinbildenden Schule (egal welche Noten dort tatsächlich stehen oder wie dort die Entwicklung der Persönlichkeit dort unterstützt wird) gibt es in einer Gesellschaft in der (Schul-)Bildung massiv zu einer Elitesache gemacht wird keinerlei Überlebensmöglichkeit außerhalb von Harz4! Vielleicht ist die menschlich-persönliche Entwicklung dieser Kinder eine völlig andere Sache, vielleicht sind diese Kinder automatisch die besseren Menschen, aber was ist mit der gesamten Gesellschaft im Rest von Deutschland?
Beispiel: für einen Ausbildunsplatz in einem mir bekannten Textilhandelsgeschäft erwarten die Inhaber einen Abiturdurchschnitt nicht unter 3.0. Können Mama und Papa das tatsächlich leisten? Der Anteil der "einfachen/ungelernten" Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland ist nicht mehr wie 1950. Mit welchen Bildungsvorraussetzungen werden diese Kinder in ihre Umwelt gestoßen? Ich arbeite im Bereich der beruflichen Förderung benachteiligter Jugendlicher und sehe jeden Tag wie die Chancen von jungen Menschen mit Hauptschulabschluss ins Bodenlos stürzen. Auf welche Zukunft bereiten diese Eltern ihre Kinder vor? Nein, diese Haltung nimmt Schäden an der formalen Bildungsentwicklung der Kinder billigend in Kauf. Ich kann darin keinen Akt der Liebe zu den Kindern erkennen, sondern nur Machtmißbrauch.

JensMK schrieb am 27.11.2009 09:26:

Die Situation ist ja noch viel Schlimmer als ich am Vortag dachte. Diese Eltern lehnen Gesetzt unseres Staates - die Schulpflicht ist eine Gesetzt wie das Grundgesetzt oder das Jugendschutzgesetzt - ab, nehmen aber gerne die staatlichen Leistungen an mit denen sie eine Erwerbstätigkeit vermeiden können. Es werden also solidarische Leistungen angenommen aber selber keine Zahlungen in diese Kassen geleistet. Ist das die evangelikale Arbeitsmoral?? Luther, Calvin und Zwingli hätten zu diesen Herrschaften einiges zu sagen!
Hier muß konsequent das Sorgerecht und das Aufenthaltsbestimmungsrecht bis zum 18 Legensjahr entzogen werden! Hier wird der Glaube instrumentalisiert damit eine kleine Gruppe auf Kosten der Allgemeinheit leben kann.

gumma schrieb am 27.11.2009 09:35:

@JensMK - wenn es so ist, wie du schreibst, muss ich dir Recht geben: von Sozialleistungen leben, um die eigenen Kinder unterrichten zu können - da ist wirklich was schief.

Das mit dem Schulabschluss finde ich aber nicht schlüssig: Kann ja sein, dass nicht alle Eltern, die zu Hause unterrichten, ihre Kinder auf einen 2er-Schnitt bringen. Aber schafft das etwa die Schule? Die benachteiligten Jugendlichen, von denen du schreibst, sind doch genau die, die durch unser Schulsystem gelaufen sind. Und bei denen es den Eltern in vielen Fällen sch...egal ist, wie ihre Kinder klarkommen. Ich frage mich, ob es den Schulverweigerer-Kindern da nicht besser geht ... wenigstens kümmern sich die Eltern um sie.

JensMK schrieb am 27.11.2009 09:52:

@gumma - ich muß Dir Recht geben - besser Eltern die sich kümmern als solche denen ihre Kinder gleichgültig sind. Unser Schulsystem ist doch inzwischen so vielfältig: neben den staatlichen Schulen (da sind nicht alle schlecht;-)) gibt es doch auch viele Bekenntnisschulen - Katholische wie Evangelische - in denen der gelebte christliche Glaube die Basis der Unterrichtung ist. Da soll es keine Schule geben die einen passenden Unterricht anbietet?? Ach ja es gibt auch noch Montessori und Waldorf - also an Schulformen mit verschiedensten Unterrichtsformen sind wir doch nicht arm....
Ich denke auch an das Leben danach - wenn die Kinder 18 / 20 Jahre alt sind - wie werden die nun jungen Erwachsenen sich in Betriebe, in Universitäten oder anderen sozialen Punkten zurecht finden? Ich befürchte, dass sie zu Außenseitern gemacht werden, was aber doch nicht sinnvoll ist....

gumma schrieb am 27.11.2009 12:07:

Das mit der Schulvielfalt stimmt natürlich. Ich finde ja auch, dass gerade diesen religiösen Schulverweigerern etwas sektiererisches anhaftet ... zum Glück sind es ja nur wenige (bisher?)
Ich finde eine andere Entwicklung noch schlimmer: Dass die deutsche Mittel- und Oberschicht ihre Kinder aus "Problemschulen" einfach rausnimmt, begünstigt durch den Wegfall der Schulgrenzen in NRW. Wenn 90 Prozent der Kinder in einer Schule ausländischer Herkunft sind und/oder aus Hartz-IV-Familien stammen, gibts einfach keine Integration, sondern von klein auf sowas wie Rassentrennung.

Anke Beilharz-Wüster schrieb am 30.11.2009 16:28:

Unterricht zu Hause kann sehr erfolgreich sein- siehe USA. Wichtiger scheint mir aber der Ausschluß der Kinder aus der Gemeinschaft zu sein. Sie lernen nichts außer den elterlichen Ansichten kennen. Autorität, Absolutheit. Keine anderen religiösen Meinungen, kein eigenständiges Denken, debattieren kein Dialog. Also keine Religionsfreiheit, kein Recht auf Entfaltung einer eigenen Persönlichkeit. Oder kommt diese Familie etwa nicht aus einer evangelikalen, fundamentalistischen Sekte?

JensMK schrieb am 01.12.2009 12:05:

Welche Form von formaler Bildungsbescheinigung können Eltern ausstellen? Welche Universität, welcher Arbeitgebe akzeptieren Zeugnisse von Mama? Auch hier werden diese Kinder vor verschärfte Bedingungen gestellt. Für einen weiteren Bildungserwerb, durch eine Ausbildung oder ein Studium, werden die Kinder zu Einstufungstests oder Prüfungen "gezwungen". Wenn vorher kein Bildungsdruck bestand erlernen sie ihn dann. An welcher Stelle in der Bibel steht das?

engelchen84 schrieb am 02.12.2009 15:22:

Ich habe auch den Bericht über die Schulverweigerer gesehen, den gumma weiter oben schon angesprochen hat. Auch ich habe zunächst daran gezweifelt, dass aus diesen Kindern gut sozialisierte und auf dem Arbeitsmarkt anerkannte Persönlichkeiten werden könnten. Doch ist es nicht erstaunlich, dass der älteste Junge der Familie seinen Mitbewerbern um eine Tischlerlehre vorgezogen wurde? Er hat beim Vorstellungsgespräch überzeugt und den Einsetllungstest als bester absolviert. Soziale Kontakte wurden in Vereinen gepflegt (Fußballverein, Freiwillige Feuerwehr) und das alles mit dem vollen Zuspruch der Eltern. Klar haben die Zeugnisse der Eltern für den Arbeitsmarkt keinen Wert. Aber was mich beeindruckt hat, war der 10 Jahre alte Junge der Familie der in die Kamera grinste und sagte: Wir bekommen Werte vermittelt, gesellschaftliche Normen und zu Lernen macht mir Spaß. Mit gerade mal 10 Jahren!!! Fragen Sie dazu mal einen Gleichaltrigen: der kann mit viel Glück erklären was Normen sind.

JensMK schrieb am 11.12.2009 12:53:

Es bleibt tatsächlich eine Frage, ob dieser Junge die Werte und Normen versteht die seine Eltern ihn lehren. in spätestens 6 Jahren wird auch dieser Junge sein Interesse ab den Töchtern der Nachbarn entdecken. Mal sehn ob dieser Erziehungsstil nicht - wie in Amerika sehr häufig - zu einer Teenager Schwangerschaft führt. Es gibt gesellschaftliche Normen und Werte und es gibt die menschliche Entwicklung.

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