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Jesus-Freaks feiern auf dem »Freakstock«

»Du bist so derbe krass, Gott«

<b>Musik oder Gebrüll?</b> Irgendwie beides, je nachdem was dran ist und wer zuhört. Fotos: Jesusfreaks

Musik oder Gebrüll? Irgendwie beides, je nachdem was dran ist und wer zuhört. Fotos: Jesusfreaks

Die E-Gitarre rockt, der Sänger brüllt ins Mikro, so dass man die Worte kaum versteht.

Vor der Bühne wiegt sich versunken ein junger Mann mit Rastalocken und freiem Oberkörper im Takt der rockigen Musik. Beim Refrain streckt er die Arme wie zum Gebet in die Höhe und strahlt. »Du bist so derbe krass, Gott, so derbe krass«, schallt es von der Bühne, »deshalb bet' ich dich an«. Jesus, Gott und Rockmusik...

Bis Sonntag haben rund 3.000 »Jesus Freaks« aus dem gesamten Bundesgebiet im nordrhein-westfälischen Borgentreich ihr »Freakstock«-Festival gefeiert.

Etwas weiter hinten in den Reihen wippt ein junger Vater in schwarzem T-Shirt den Takt mit, sein Hut ist mit Stickern der »Jesus Freaks« übersät. »Das ist genau meine Musik«, strahlt der 29-jährige Klaus-Martin aus Siegen.

Er ist mit seiner Frau gekommen.

Zum ersten Mal ist jetzt auch der eineinhalbjährige Sohn Joshua-Elias dabei, der auf dem Rücken des Vaters vorsichtshalber mit grünen Ohrenschützern ausgestattet ist.

Das »Freakstock«-Festival ist für Klaus-Martin so etwas wie ein persönliches Geschenk Gottes.

In traditionellen Gottesdiensten habe er die Musik meistens langweilig gefunden - »wie auf einer Beerdigung«, erzählt er. »Ich habe Gott gesagt: Wenn du willst, dass ich regelmäßig in einen Gottesdienst komme, musst du mir eine Gemeinde zeigen, in der es rockt - und hier passiert das.«

Auch der 25-jährige Johannes aus Berlin schätzt die deutliche Sprache der Gottesdienste. Er brauche manchmal eine »richtige Arschtritt-Predigt«, die ihn aufrüttele. »Das habe ich hier gefunden«, erzählt der Diakon.

Die fünf Tage des des Festival seien friedlich, ruhig und positiv verlaufen, zieht Freakstock-Sprecher Martin C. Hünerhoff Bilanz.

Neben der Musik hätten sich viele Teilnehmer auch von den Seminaren berühren lassen. Unter dem Motto »Die Beine in die Hand nehmen« standen bis Sonntag mehr als 50 Bands, DJs und Einzelkünstler auf dem Programm.

Tagsüber wurden Seminare über Glaubensthemen angeboten, die Teilnehmer konnten aber auch in Workshops lernen, einen Song zu texten oder ein altes Auto zu reparieren. Auch verschiedene Gottesdienste fanden statt.

<b>Musik mit Hingabe</b> und umgekehrt: Das Publikum beim »Freakstock« ist bunt gemischt.

Musik mit Hingabe und umgekehrt: Das Publikum beim »Freakstock« ist bunt gemischt.

Die »Jesus Freaks« entwickelten sich aus der charismatischen »Jesus-People-Bewegung«, die in den 60er und 70er Jahren in den USA populär wurde.

Sie wenden sich besonders an »Kaputte« und »Gestrauchelte« der Gesellschaft. Bei ihren Treffen versuchen sie, traditionelle Gottesdienstformen wie Predigt, Taufe und Abendmahl in ihre Lebenswelt zu übersetzen - unter anderem über Rock-, Punk-, aber auch Pop- und Gospel-Musik.

In Deutschland kamen Anfang der 90er Jahre die ersten »Jesus Freaks« im Hamburger Schanzenviertel zusammen. Zunächst waren es vor allem junge Punks und Anarchos. Ihre Gottesdienste hießen »Jesus-Abhäng-Abende«.

Seit zwei Jahren ist das »Freakstock« im nordrhein-westfälischen Borgentreich zu Gast.

Davor wurde es lange Jahre im thüringischen Gotha gefeiert. Gastgeber ist die koptisch-orthodoxe Kirche in Deutschland, der das Festivalgelände in Borgentreich gehört.

»Der koptische Bischof ist total cool«, erzählt ein Jugendlicher. Selten seien die Freaks so herzlich empfangen worden. Auch im nächsten Jahr wollen die Freaks wieder dort zusammenkommen.

Nach anfänglicher Skepsis haben sich auch die umliegenden Kirchengemeinden mit den »Jesus Freaks« angefreundet.

»Wir können von euch lernen, dass es vielfältige Möglichkeiten gibt, zu glauben und diesen Glauben an Jesus Christus auszudrücken«, sagte der katholische Pfarrer Werner Lütkefend vom Pastoralverbund Borgentreicher Land am Eröffnungsabend.

Die evangelische Pfarrerin Almuth Reihs-Vetter sieht bei aller Verschiedenheit »unsere gemeinsame Mission«, sich von Gottes Liebe ansprechen zu lassen und sie unter die Leute zu bringen.

Auch der Gastgeber, der koptische Bischof Anba Damian, ist fasziniert: »Diese Offenheit der Herzen hat mich sehr begeistert.«

Es sei Aufgabe der Kirchen, auf die Menschen zuzugehen. Auch die Kirchen profitierten, indem sie mehr über die Anliegen der Jugendlichen lernen könnten. Der Generalbischof der Koptisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland hielt Samstagnachmittag auf dem Gelände einen koptischen Gottesdienst.

Für viele Besucher ist es diese Mischung, die den Reiz ausmacht: Musik erleben, tanzen und viele Menschen mit dem gleichen Interesse für Gott und Rockmusik zu treffen.

»Für uns ist das der Jahressommerurlaub«, strahlt der junge Vater Klaus-Martin. epd

Dieser Beitrag wurde am 2.8.2010 um 02.05 Uhr veröffentlicht.

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