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Finanzkrise

Schlummernde Monster

<b>Turbulente Adresse: </b>Die Wallstreet in New York, Sitz der einst wichtigsten Börde der Welt. Foto: fotopro

Turbulente Adresse: Die Wallstreet in New York, Sitz der einst wichtigsten Börde der Welt. Foto: fotopro

Die Weltwirtschaft erlebt eine ihrer größten Krisen. Fachleute fürchten, dass die schlimmsten Auswirkungen erst noch kommen. Anlass, über eine radikale Wende nachzudenken?

Brauchen wir eine neue Weltwirtschaftsordnung? Ein linksorientierter Theologe und ein konservativer Ökonom diskutieren mit UK: Ulrich Duchrow lehrt Systematische Theologie an der Universität Heidelberg; Gert G. Wagner ist Lehrstuhlinhaber für Empirische Wirtschaftsforschung und Wirtschaftspolitik an der Technischen Universität Berlin. Das Gespräch moderierte Karsten Huhn.


Die Kontrahenten:

Foto: TU Berlin

Foto: TU Berlin

Gert G. Wagner, Lehrstuhlinhaber für Empirische Wirtschaftsforschung und Wirtschaftspolitik an der Technischen Universität Berlin, ist Vorsitzender der Kammer für Soziale Ordnung der EKD und Mitautor der EKD-Denkschrift „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“.

Foto: idea/Nickig

Foto: idea/Nickig


Ulrich Duchrow, außerplanmäßiger Professor für Systematische Theologie an der Universität Heidelberg, zählt zu den Mitherausgebern des Buches, das diese Denkschrift kritisiert: „Frieden mit dem Kapital? Wider die Anpassung der evangelischen Kirche an die Macht der Wirtschaft“.




Börsencrash, Banken- und Autokrise – was ist schiefgelaufen?

Duchrow: Die Autokrise hängt weitgehend mit dem Ende der fossilen Brennstoffe zusammen. Es wurde versäumt, darüber nachzudenken, wie man radikal auf andere Mobilität umstellt – zum Beispiel auf öffentlichen Nahverkehr. Die Bankenkrise beruht auf grundsätzlichen Problemen des Weltwirtschaftssystems, die normalerweise gar nicht diskutiert werden. Die entscheidende Frage: Wie können wir eine Wirtschaft gestalten, die nicht auf Wachstum angewiesen ist?

Wagner: Eine Wirtschaft ohne Wachstum wäre eine Katastrophe! Es gibt Milliarden von Menschen, die viel schlechter leben als wir.

Duchrow: Sie meinen, dass alle den Wohlstand erreichen können, den wir haben? Dann geht die Erde kaputt.


Brauchen wir eine neue globale Wirtschaftsordnung?

Duchrow: Natürlich! Derzeit haben die Kapitalbesitzer die Macht. Sie sorgen nicht dafür, dass alle genug zu essen haben, sondern sorgen sich nur um ihren Profit. Zum Beispiel werden in Kolumbien die Bauern von ihrem Land von Paramilitärs vertrieben, damit Konzerne Ölpipelines und Monokulturen für Ölpalmen anlegen können. So ein Vorgehen muss durch eine neue Wirtschaftsordnung beendet werden.

Wagner: Es ist unbestritten, dass wir eine bessere Regulierung der Weltwirtschaft brauchen. Und diejenigen, die die großen Worte lieben, etwa Kapitalismuskritiker oder US-Präsidenten, nennen das auch gerne eine „neue Weltwirtschaftsordnung“. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hält die soziale Marktwirtschaft für die beste zur Zeit denkbare Wirtschaftsordnung. Die soziale Marktwirtschaft ist ein echtes Exportmodell.

Duchrow: Wir bauen die soziale Marktwirtschaft doch permanent ab!

Wagner: Das ist eine populäre Behauptung. Klar ist: Fehlerfreie Regierungen gibt es ebensowenig wie fehlerfreie Ökonomen oder fehlerfreie Kapitalismuskritiker. Ich hätte gerne Belege für den von Ihnen behaupteten permanenten Sozialabbau.

Duchrow: Würden Sie bestreiten, dass seit Thatcher, Reagan, Kohl und Schröder der Sozialstaat Schritt für Schritt abgebaut wurde? Noch immer gibt es in Deutschland keine Vermögenssteuer. Abgeschafft wurde hingegen die Steuer auf Veräußerungsgewinne bei Unternehmensverkäufen, was die Fusionitis und den Arbeitsplatzabbau beförderte.
Es gab keinerlei Versuche, die Spaltung zwischen Arm und Reich abzuschaffen. Ich mache auch keinen großen Unterschied zwischen einer rot-grünen Regierung und CDU/FDP. Insgesamt haben wir in Deutschland eine neoliberale Einheitspartei.

Wagner: Das sind doch nur Sprechblasen. Tatsächlich gibt es keinen Sozialabbau. Helmut Kohl hat nur ein bisschen neoliberal geredet, aber ansonsten nichts gemacht. Gerhard Schröder hat vergessen, seine arbeitsmarktpolitisch sinnvolle Agenda 2010 mit einer guten Konjunkturpolitik abzufedern und wurde deswegen abgewählt.

Und die neoliberale Groß-Rhetorikerin Angela Merkel handelt als Kanzlerin völlig anders, als sie es als Wahlkämpferin angekündigt hatte. Es ist doch historisch lächerlich, von einem Siegeszug des Neoliberalismus zu reden, nur weil einem einige Details der Hartz-IV-Reformen nicht gefallen. Das deutsche Sozialsystem verteilt jährlich dreistellige Milliardenbeträge um.


Die Finanzmärkte seien zu „Monstern“ geworden, beklagt selbst Bundespräsident Köhler.

Wagner: Sie können zu Monstern werden. Dagegen hilft nur eine ständige Anpassung der Gesetze an die Entwicklung auf den Märkten. Allerdings werden solche Regulierungen aufgrund von menschlicher Pfiffigkeit der Realität immer hinterherhinken.


Meinen Sie mit Pfiffigkeit Kriminalität?

Wagner: Nein. Das Problem ist doch, dass die Pfiffigen keine Gesetze brechen; sie nützen Lücken aus. Durch Individualethik – etwa durch die Zehn Gebote – kann man versuchen, das einzudämmen.

Duchrow: Die Zehn Gebote zielen wesentlich darauf ab, die Ausbeutung des Nächsten zu vermeiden. Mit dem Gebot „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ sollte vermieden werden, dass das Recht im Interesse der Mächtigen gebeugt wird.

Das klassische Beispiel für eine solche Komplizenschaft des Rechtswesens mit den Mächtigen findet sich bei der Zwangsenteignung von Nabots Weinberg in 1. Könige 21.

Wagner: Das ist aber eine spitzfindige Auslegung! Fast alle Kinder lernen – Gott sei Dank – das Gebot als „Du sollst nicht lügen“.

Duchrow: Dann sollte Ihr Pfarrer die Bibel genauer lesen. Im Übrigen ist Ihre Vorstellung, man könne durch christliche Moral Einzelner die Wirtschaft verbessern, unrealistisch. In einem grundfalschen System kann auch ein „ehrbarer Kaufmann“ nichts ausrichten.

Wagner: Ich bin froh, dass ich nicht bei Ihnen Konfirmanden-Unterricht hatte. Die EKD-Denkschrift „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“ führt übrigens im Detail aus, was an System-Regulierung geändert werden muss: Zum Beispiel brauchen wir eine weltweite Bankenaufsicht und die Banken brauchen eine höhere Eigenkapitalisierung. Die Individualethik des „ehrbaren Kaufmanns“ kommt erst da ins Spiel, wo solche Regulierungen nicht greifen, da Lücken ausgenutzt werden.


Es fällt auf, dass die EKD in der Unternehmerdenkschrift ihre zuvor eher kritische Haltung zum Unternehmertum geändert hat.

Wagner: Wenn ich höre, welches Zerrbild der sozialen Marktwirtschaft von etlichen Pfarrerinnen und Pfarrern gepredigt wird, war es für eine ausgewogene Denkschrift auch höchste Zeit.

Duchrow: Nicht nur viele deutsche Pfarrer, die weltweite Ökumene steht dem Kapitalismus kritisch gegenüber. Die EKD-Denkschrift rechtfertigt die gegenwärtigen Zustände und behauptet zu Unrecht, die soziale Marktwirtschaft sei noch das Leitbild der deutschen und europäischen Politik.

Ein weiterer Fehler: Die Denkschrift hat die gesamte hebräische Bibel – also Gesetz und die Propheten – vollständig unberücksichtigt gelassen.

Wagner: An der Denkschrift haben sowohl Ökonomen als auch Theologen mitgearbeitet und ich halte sie für gut begründet. Dass sie offensichtlich einem Großteil der Pfarrerschaft widerspricht, wundert mich allerdings nicht – eine Debatte dazu war überfällig.


Sie beide sagen, Krisen werde es im Kapitalismus immer wieder geben. Ist der Kapitalismus die schlechteste Wirtschaftsform – abgesehen von allen anderen?

Duchrow: Ich halte den Kapitalismus für nicht nachhaltig. Seine zentrale Logik ist die der Kapitalvermehrung, nicht die Orientierung an den Bedürfnissen der Menschen unter Berücksichtigung der begrenzten Ressourcen der Erde.

Wagner: Im Gegenteil! Gerade weil die soziale Marktwirtschaft sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert und sie besser befriedigt als alle anderen Wirtschaftsordnungen, brauchen wir sie.


Der britische Ökonom John Maynard Keynes schrieb: „Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden.“ Hat er recht?

Duchrow: Das Allgemeinwohl wird gerade nicht durch den Egoismus des Einzelnen gefördert. Die „unsichtbare Hand“ des Marktes, von der Ökonomen gerne reden, funktioniert nicht. Jesus sagt: „Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan.“ So entsteht das Wohl aller.

Wagner: Die Frage ist doch, ob es eine Wirtschaftsordnung gibt, die eine bessere Lösung bietet als die soziale Marktwirtschaft. Wenn Sie den Kapitalismus abschaffen, ändert sich das Verhalten der Menschen nicht.


Siehe auch Standpunkt »Rettungsschirme und Gehhilfen«

Dieser Beitrag wurde am 9.1.2009 um 09.32 Uhr veröffentlicht.

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