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Diskussion um Burka-Verbot in Frankreich

Leben durch den Sehschlitz

<b>Wird die Burka in Frankreich verboten?</b> Eine Kommission soll Ende des Monats dazu Stellung nehmen. Foto:  rotoGraphics

Wird die Burka in Frankreich verboten? Eine Kommission soll Ende des Monats dazu Stellung nehmen. Foto: rotoGraphics

In Frankreich wird zurzeit über ein Verbot der Burka (Vollschleier) diskutiert. Die politischen Lager sind uneins.

Zum Treffen im Vorortbahnhof von Cergy streckt Namissa zur Begrüßung ihre weiße Hand aus dem schwarzen Vollschleier. Sonst ist nichts von ihr zu sehen: Über einem Schleier mit ausgeschnittenen Augenschlitzen hängt zusätzlich noch ein schwarzes Tuch, das das Gesicht völlig verdeckt.

»Zuerst trug ich den Hijab-Schleier, der das Gesicht frei lässt«, erzählt die 20-jährige Französin. Dann habe sie die Kappe getragen mit Augenschlitzen. Seit ein paar Monaten ist sie mit der sogenannten Burka vollständig verschleiert: »Im heiligen Koran steht: Den Schleier zu tragen, ist eine Pflicht.«

Der afghanische Schleier mit einem Sichtfenster gab der parlamentarischen Kommission in Frankreich den Namen, die seit Juni vergangenen Jahres berät, ob diese Verhüllung per Gesetz verboten werden soll.

Als »ambulantes Gefängnis« hatte der kommunistische Abgeordnete André Gerin die Burka bezeichnet, als er gemeinsam mit 60 Parlamentariern aller Parteien den Einsatz einer Kommission forderte. Ende Januar will das Gremium seinen Bericht vorlegen.

Zählte der französische Verfassungsschutz im vergangenen Sommer noch etwa 400 Vollverschleierte im Land, so sprach Innenminister Brice Hortefeux vor der Burka-Kommission im Dezember von 1.900 meist jungen Frauen unter 30.

Zwei Drittel sind Französinnen, viele davon Konvertitinnen wie Namissa, die vor etwas mehr als einem Jahr zum Islam übergetreten ist und ihren bürgerlichen spanischen Vornamen abgelegt hat. Ihre Eltern, spanische katholische Einwanderer, hätten ihre Entscheidung akzeptiert, sagt Namissa.

»Mir gefällt alles am Islam«, sagt die junge Frau schwärmerisch: »Echte Solidarität, echte Brüderlichkeit, echte Freiheit und echte Chancengleichheit! Eine solche Brüderlichkeit finde ich nirgendwo anders.«

Dass die Schwestern für die Brüder als Hausfrauen und Mütter daheim zu Diensten sein sollen, tut Namissas Begeisterung keinen Abbruch: »Ich will keinen Beruf ergreifen«, ist sie sich sicher: »Die Religion lernen, eine Familie gründen, ein Haus haben, das alles ist bereits ein Beruf.«

Auf eigenes Geld legt Namissa keinen Wert: Geld mache nicht glücklich: »Das Geld unserer Ehemänner ist auch unser Geld«, meint sie. Vielleicht sei ihr Herz schon vergeben, rutscht es ihr heraus.

Sie betont, sich aus freien Stücken vollständig zu verhüllen. Doch wie in vielen muslimischen Ländern tragen auch in Frankreich immer mehr junge Frauen Kopftuch, Schleier oder Tschador, um als besonders tugendhaft zu gelten und so bessere Heiratschancen zu haben.

Die Vollverschleierung - als Import aus Saudi-Arabien und Afghanistan das Zeichen eines fundamentalistischen Islam - ist für den Präsidenten des Rates der französischen Muslime ein »marginales Phänomen«: Diese Frauen seien nicht auf dem richtigen Weg, erklärt Mohamed Moussaoui, der sich jedoch gegen ein Verbot ausspricht: »Wir können niemand zwingen, wenn er seine Religiosität mit diesem Kleidungsstück zeigen will.«

Namissa denkt anders: »Heutzutage gilt eine Frau im Minirock mehr als eine Frau, die sich mit einem Schleier schützt«, schimpft sie: »Das ist die völlige Dekadenz!«

Auf dem Platz vor dem Vorortbahnhof in Cergy spielt eine Reggae-Band vor einem bunt gemischten Publikum aller Hautfarben und jeden Alters. Namissa zieht als zierliche schwarze Gestalt erstaunte, meist aber ärgerliche und aggressive Blicke auf sich.

Mehrere konservative Politiker haben sich bereits für ein Burka-Verbot per Gesetz ausgesprochen.

Die Sozialisten sind gegen ein Gesetz, allerdings herrscht in beiden Lagern keine Einigkeit. Ohne den Abschlussbericht der mit allen Parteien besetzten parlamentarischen Kommission abzuwarten, hat der Fraktionssprecher der konservativen UMP, Jean-François Copé, einen Gesetzentwurf in den nächsten zwei Wochen angekündigt: Auf das Tragen der Burka sollen eine Strafe in Höhe von 750 Euro stehen, erklärt Copé in einem aktuellen Interview mit dem »Le Figaro Magazine«.

Wird ein Gesetz verabschiedet, würde sie gerne »dieses intolerante Land« verlassen, sagt Namissa und schwärmt von Deutschland, England, Italien, wo Frauen - anders als in Frankreich - sogar verschleiert arbeiten, wenn der Arbeitgeber es erlaubt.

In einem muslimischen Land ist Namissa in ihrem jungen Leben noch nicht gewesen. epd

Um das Kopftuch geht es auch im Blog »4. Stock links«: Männer verboten.

Dieser Beitrag wurde am 11.1.2010 um 10.06 Uhr veröffentlicht.

Kommentare lesen
gumma schrieb am 12.01.2010 09:24:

Also, ich weiß nicht ... ich finde das ja völlig schräg, sich als Frau so zu verschleiern und alle Bewegungsfreiheit aufzugeben. Aber ist ein Verbot wirklich der richtige Weg -grübel- ???

Pirol schrieb am 12.01.2010 09:30:

In Deutschland zumindest gibt es ja auch ein Vermummungsverbot. Der Schleier etc. wäre mal wieder eine Ausnahme aus religiösen Gründen. So kann man natürlich seine Gesetze immer weiter aufweichen.

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