USA: Gefängnis-Hospize
»Das ist ein kaltes Gefühl«

Synonym für unmenschlichen Strafvollzug in den USA: Die Gefängnisinsel Alcatraz in der Bucht von San Francisco. Heute ist das 1963 stillgelegte Verlies eine Touristenattraktion. Foto: Jgz
Etwa 3.000 Männer und Frauen sterben in den USA jedes Jahr im Gefängnis, hinter Gittern, Stacheldraht und Stahltüren.
Lebenslänglich bedeutet oft tatsächlich bis zum Ende des Lebens. Nur selten werden Schwerkranke vorzeitig entlassen. »Im Gefängnis zu sterben, das fürchten Häftlinge am meisten«, weiß der Palliativmediziner Ira Byock. Das Leben beenden, ohne noch einmal die Freiheit zu erleben, Orte der Kindheit zu besuchen, in Würde Abschied zu nehmen.
Etwa 70 US-Haftanstalten haben darum Hospiz-Programme organisiert.
Betreut werden die Sterbenden von Mithäftlingen, die sich freiwillig gemeldet haben. Und die kümmerten sich wirklich, sagt Gerontologe Jeffrey Levine. Er hat mit Hospizhelfern im Hochsicherheitsgefängnis von Angola im US-Bundesstaat Louisiana gesprochen.
»Ein Freiwilliger, verurteilt wegen Doppelmordes, hat bewegend von seiner Arbeit mit den Sterbenden erzählt, wie er ihnen Briefe geschrieben hat, wie er ihnen beim Essen hilft«, beschreibt Levine. »Es war schon außerordentlich zu sehen, wie die Erfahrung mit Sterbenden Menschen verwandelt.«
Er warnt jedoch vor romantischen Vorstellungen.
Ein Hospiz, das ist für viele gleichbedeutend mit lindernder Hilfe. Ein Ort, an dem Menschen mit Liebe beim Sterben begleitet werden, ohne große Schmerzen.
Doch Sterbebegleitung im Hochsicherheitsgefängnis Angola, einer Anlage für 5.000 Häftlinge, sieht anders aus.
Es gibt eine Krankenstation mit etwa 30 Betten und Einzelzellen. »Das ist ein kaltes Gefühl, es ist Gefängnis mit Stacheldraht und alles ist voller Beton und Stahl. Da fühlt man sich nicht geborgen«, sagt Medizinprofessor Levine.
Viele Gefangene leben seit Jahrzehnten dort.
Und mehr als die Hälfte wird in Angola sterben. Nirgendwo werden so viele Menschen so lange eingesperrt wie in den USA. 2,3 Millionen Männer und Frauen sind im Gefängnis. Wie die Tageszeitung »New York Times« kürzlich ermittelte, ist die Zahl der »Lebenslänglichen ohne Bewährungsmöglichkeit« zwischen 1992 und 2008 von rund 12.000 auf 41.000 gestiegen.
Viele sitzen wegen Mordes, aber lange nicht alle.
In Georgia, einem der wenigen Staaten mit genauen Daten, haben sich 40 Prozent der »Lebenslänglichen« Raub, Gewalt- und Sexualverbrechen sowie Drogenvergehen und Eigentumsdelikte zuschulden kommen lassen.
Selbst das »Amerikanische Institut für Recht«, ein Verband von Richtern und Juristen, kritisierte kürzlich, dass lebenslange Strafen würden zu häufig verhängt würden.
Und das Durchschnittsalter der Häftlinge wird immer höher.
Zwischen 1999 und 2008 hat sich nach Angaben des US-Justizministerium die Zahl der Gefängnisinsassen über 55 Jahre mehr als verdoppelt.
»Und 55 Jahre bedeutet im Gefängnis: alt«, sagt Ira Byock, der im Bundesstaat New Hampshire an der Dartmouth Medical School lehrt und in einem örtlichen Krankenhaus die Abteilung für palliative Medizin leitet.
Viele Täter kämen schon in schlechtem Zustand in Haft, oft mit Hepatitis oder HIV/Aids.
Byock, Autor des auf deutsch übersetzten Buchs »Sterben: Wachsen im Umgang mit dem Tod«, engagiert sich für Hospize in Haftanstalten. Jeder Mensch verdiene Menschenwürde, auch ein menschliches Sterben, sagt er.
In den USA haben Häftlinge ein Recht auf ärztliche Versorgung - Häftlinge seien die einzige Bevölkerungsgruppe, denen der Staat medizinische Versorgung garantieren müsse, sagt Byock.
Und dazu gehöre auch palliative Sterbebegleitung.
Nach Angaben des Gefängnishospizprogramms im Bundesstaat Connecticut bewerben sich so viele Häftlinge als freiwillige Helfer, dass lange nicht alle genommen werden. Die Arbeit lohne sich, sagt ein Freiwilliger aus dem MacDougall-Walker-Gefängnis in Suffield (Connecticut), der anonym bleiben will.
Einmal habe er einen verzweifelten Mithäftling versorgt.
»Er hatte diesen Ausdruck auf dem Gesicht, dass er sich einfach gefragt hat: Wie konnte das passieren? Hier bin ich in meinen 40ern, ich sterbe an Hepatitis C.«
In manchen Bundesstaaten werden Forderungen laut, Schwerstkranke doch zu entlassen.
Theoretisch wäre das in bestimmten Fällen jetzt schon möglich. Doch das Antragsverfahren sei zu langwierig, ergab eine Untersuchung, die das Fachmagazin »Annals of Internal Medicine« veröffentlichte: Bevor die Bürokratie entscheidet, ist der Häftling tot. epd
Dieser Beitrag wurde am 20.9.2011 um 07.08 Uhr veröffentlicht.
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