Kürzerer Ersatzdienst
Ohne Zivis droht vielen Bereichen der Kollaps

Ohne Zivis müsste auf viele Betreuungsangebote und Dienstleistungen im sozialen Bereich verzichtet werden. Foto: Franz Pfluegl
Die Verkürzung des Ersatzdienstes stellt viele soziale Unternehmen vor Probleme.
Zivildienstleistende pflegen Kranke, kümmern sich um Kinder, betreuen Behinderte, arbeiten als Techniker oder in der Verwaltung. So wie Dominik Ponnert, der in einem Krankenhaus seinen Dienst versieht. Noch sind soziale Hilfskräfte wie er Tag für Tag in ihrer Dienststelle. Doch das kann sich bald ändern.
Immer häufiger werden Forderungen aus der Politik laut, den verpflichtenden Wehrdienst aus Kostengründen oder im Sinne einer Professionalisierung der Soldaten auszusetzen oder abzuschaffen.
Zu den Stimmen, die eine Freiwilligenarmee beziehungsweise Berufsarmee fordern, zählen etwa Außenminister Guido Westerwelle (FDP) und der Parteivorsitzende der Grünen, Cem Özdemir. Doch mit einer Abschaffung der Wehrpflicht würde auch der Zivildienst wegfallen.
Seit dem 1. Juli müssen Einrichtungen bereits mit der Verkürzung des bislang neunmonatigen Zivildienstes auf sechs Monate klarkommen.
Nach Angaben des Kölner Bundesamtes waren Anfang Juli bundesweit noch 39.450 Zivildienstleistende im Dienst. Pro Jahr leisteten rund 90.000 junge Männer Zivildienst.
Dominik Ponnert beendet in ein paar Tagen seinen Zivildienst im Oberhausener St. Marien-Hospital. »Das war manchmal schon stressig, wenn das Krankenhaus voll belegt war und nur wenige Schwestern und ein Zivi da waren«, sagt Ponnert im Rückblick auf die hinter ihm liegenden neun Monate.
Ohne Zivis stünden viele soziale Versorgungsunternehmen vor dem Kollaps oder zumindest vor erheblichen Einschränkungen, befürchten viele Wohlfahrtsverbände.
Auch wenn beteuert wird, dass die Zivis nicht einfach als billige Arbeitskräfte eingesetzt werden dürfen - wer soll die einfachen Tätigkeiten verrichten und den Fachkräften den Rücken freihalten?
Ab Dezember haben Zivildienstleistende die Möglichkeit, ihren Dienst freiwillig um drei bis sechs Monate zu verlängern.
Das Bundesfamilienministerium rechnet damit, dass jeder dritte Zivi seinen Dienst freiwillig verlängern wird.
»Der Staat muss sich was einfallen lassen. Er muss die sozialen Dienste bezuschussen, sonst bricht der ganze Laden zusammen«, sagt der Geschäftsführer des Evangelischen Altenheims Haus Ruhrgarten in Mülheim, Peter Steinbach.
Bislang konnten die für die Einrichtungen günstigen Zivis die Kosten der sozialen Arbeit deutlich abfedern. War für viele soziale Träger bereits der neunmonatige Zivildienst zu kurz, ist für sie die Verkürzung auf jetzt sechs Monate noch weniger akzeptabel. »Wir brauchen drei Monate um die die Zivis arbeitsfähig zu machen«, sagt Steinbach.
Doch es gibt auch andere Stimmen wie etwa von der Diakonie in Rheinland-Westfalen-Lippe.
Wenn er auch nicht begeistert ist, so wirbt der evangelische Wohlfahrtsverband dennoch für den verkürzten Zivildienst. Auch in sechs Monaten könnten die jungen Männer wertvolle Erfahrungen an interessanten Einsatzorten machen, erklärt die Geschäftsbereichsleiterin Barbara Montag in Düsseldorf.
Einrichtungen müssten sich mit veränderten pädagogischen Konzepten auf die kürzere Verweildauer der Zivis einstellen.
Doch gerade bei Stellen, die einer besonderen Qualifikation bedürfen, sei eine Verkürzung der Zivildienstzeit problematisch, halten Kritiker dagegen und verweisen etwa auf den Bereich des Rettungswesens.
Sechs Monate Zivildienstzeit seien angesichts einer dreimonatigen Rettungsausbildung einfach zu kurz, erklärt der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB).
Einige lokale Träger wie der Arbeiter-Samariter-Bund Oberhausen/Duisburg bieten beschäftigen inzwischen keine Zivis mehr. Sie versuchen stattdessen, über das freiwillige soziale Jahr Leute (FSJ) zu gewinnen. Allerdings wird bislang ein FSJ-Platz geringer bezuschusst als ein Zivi-Platz.
Auch die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel stocken die Plätze des freiwilligen sozialen Jahres von derzeit 220 auf 280 Plätze auf, wie Alexander Pollhans, Leiter der Abteilung Freiwilligenagentur und Zivildienst in Bethel erklärt.
Zivildienststellen werde es zwar auch weiterhin geben, durchschnittlich kommen pro Jahr rund 80 Zivis nach Bethel.
Sie würden jedoch zunehmend eher in Fahrdiensten oder technischen Bereichen eingesetzt. In der Begleitung oder Pflege lohne sich bei einem verkürzten Zivildienst die Anlernzeit kaum noch. epd
Dieser Beitrag wurde am 21.7.2010 um 08.07 Uhr veröffentlicht.
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