Gewerkschaft erhöht den Druck
Abweichler in der Kirche heizt Tarifstreit an

Sollen kirchliche Arbeitnehmer streiken dürfen oder nicht? Ein diakonischer Arbeitgeber hat sich jetzt vom »dritten Weg« abgewendet. Foto: Markus Bormann
Der Streit um das kirchliche Arbeitsrecht gewinnt an Schärfe.
Nachdem sich nun ein diakonischer Arbeitgeber in Niedersachsen vom kirchlichen Sonderweg mit Streikverbot abwendet, erhöht die Gewerkschaft ver.di den Druck. Rund hundert Diakonie-Beschäftigte haben in Hannover für Tarifverträge und ein Ende des kirchlichen Arbeitsrechtes demonstriert. Unterstützt von der Gewerkschaft zogen sie mit Trommeln, Rasseln, Trillerpfeifen und Laternen um das Diakonie-Krankenhaus Henriettenstiftung.
»Tarifvertrag - das haben wir verdi-ent« stand auf einem Transparent.
In der niedersächsischen Diakonie sind rund 40.000 Mitarbeiter beschäftigt - in Krankenhäusern, Altenheimen oder Behinderten-Einrichtungen.
Das kirchliche Arbeitsrecht habe in den aktuellen Entgeltverhandlungen keine Ergebnisse gebracht, sagte ver.di-Sekretärin Annette Klausing dem epd.
»Der Wunsch, dass es im Konsens zu guten Ergebnissen kommt, entspricht nicht der Wirklichkeit.« Die Beschäftigten warteten weiter auf höhere Entgelte. Deshalb wolle ver.di künftig mitverhandeln.
Beim kirchlichen Sonderweg, dem sogenannten »Dritten Weg«, werden die Entgelte in einer Kommission mit Arbeitgebern und Arbeitnehmern ausgehandelt.
Gewerkschaften sind dabei in der Regel nicht beteiligt, Streiks sind nicht erlaubt.
Die Diakonie-Verantwortlichen wollen jedoch trotz der Proteste und einem Abweichler in den eigenen Reihen an dem Sonderweg festhalten. Der »Dritte Weg« bleibe der einzig sinnvolle, sagte Verhandlungschef Hans-Peter Hoppe dem epd.
Die Gespräche in der Kommission wurden im Frühjahr ergebnislos abgebrochen.
Am Wochenende hatte das Evangelische Krankenhaus Oldenburg als erste Einrichtung in Niedersachsen angekündigt, den »Dritten Weg« zu verlassen. Es wolle künftig mit den Gewerkschaften einen Tarif aushandeln.
Ver.di-Sekretärin Klausing kritisierte, viele diakonische Einrichtungen hielten sich nicht an die ausgehandelten Entgelt-Vereinbarungen, sondern versuchten, sie zu umgehen: »Die Diakonie-Vertreter zeichnen das Bild einer heilen Welt.«
Das Ziel der Gewerkschaft sei ein Tarifvertrag mit der Diakonie und langfristig ein Flächentarifvertrag für die gesamte Sozialbranche, an den sich dann auch die schlechter zahlenden privaten Anbieter halten müssten.
Den möglichen Ausstieg des Oldenburger Krankenhauses begrüßte ver.di als »lang erwarteten Dammbruch«.
Arbeitgeber-Vertreter Hoppe wies das zurück: »Das ist kein Dammbruch, sondern ein Dammriss, den wir wieder reparieren können.«
Gleichwohl habe sich das kirchliche Arbeitsrecht über Jahrzehnte bewährt.
Das sei schon an den Gehältern abzulesen, die in der Diakonie deutlich über dem Durchschnitt lägen. Der Sonderweg gründet im grundgesetzlich garantierten Selbstbestimmungsrecht der Kirchen.
Der hannoversche Diakonie-Direktor Christoph Künkel kritisierte, ver.di zersplittere die Tariflandschaft.
Die Gewerkschaft habe zahlreiche unterschiedliche Tarifverträge in Niedersachsen abgeschlossen. »Das ist weit entfernt von dem geforderten Flächentarifvertrag.«
»Wo ver.di am Verhandlungstisch sitzt, werden niedrigere Löhne gezahlt, und die Mitarbeiter müssen zusätzlich noch Gewerkschaftsbeiträge zahlen.«
Nirgendwo sei die Verweildauer der Beschäftigten in Betrieben so lang wie in Diakonie und Caritas, betonte Künkel. epd
Dieser Beitrag wurde am 2.12.2011 um 12.06 Uhr veröffentlicht.
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