Ambulante Pflege
»Abrechnen kann man das nicht«

Waschen und Pflegen kann man abrechnen - für die soziale Betreuung bekommen Pflegekräfte nichts. Foto: Andrejs Pidjass
In der ambulanten Pflege gibt es wenig zu verdienen und viel zu tun.
Es ist kurz nach sechs Uhr morgens, Uwe Thiele ist auf dem Weg zu seinem ersten Patienten in einer Seniorenwohnanlage im Berliner Bezirk Wedding. Am Kiosk kauft der Hauspfleger für Herrn J. die Zeitung und wird sie neben die Frühstücksstulle legen, die er ihm schmiert. Mittags geht er ein zweites Mal hin, dann ist Herr J. aufgestanden und wird Thiele vor die Frage stellen, ob er sich waschen lässt.
Das Waschen rechnen die Sozialstationen als Grundpflege ab - den täglichen Kampf darum kann Thiele nirgendwo abrechnen.
Da sind Geduld und Freundlichkeit gefragt. Herr J. ist ein schwieriger Patient. Thiele hat viele solcher Patienten.
Seit 18 Jahren arbeitet er als Hauspfleger bei der Sozialstation Biedermann im Wedding, und weil der 50-Jährige, der gerade noch einmal Vater geworden ist, körperlich und psychisch belastbar ist, versorgt er viele schwierige Fälle.
Es sind vor allem alleinstehende Männer, die der Alkohol kaputtgemacht hat.
Männer um die 50 sind dabei, die kaum noch denken und nicht mehr laufen können. »Wir haben immer mehr von dieser Klientel«, sagt Thiele. »Natürlich muss eine Gesellschaft darüber reden, wie das finanziert werden soll.« Aber nicht so, wie FDP-Chef Guido Westerwelle das vorgeführt habe, meint er.
Er selbst habe von Westerwelle und dessen »Leistungsgerechtigkeit« ohnehin nichts zu erwarten: Die FDP sei gegen Mindestlöhne, wie sie gerade in der Pflegemindestlohn-Kommission verhandelt werden.
Thiele hält 9,50 Euro für angemessen »für die Verantwortung, die wir haben«. Er selbst verdient einen Grundlohn von 8,50 Euro in der Stunde, den er durch Zuschläge für Mehrleistungen aufbessern kann.
Im Umland von Berlin sind die Stundenlöhne niedriger, Zuschläge gebe es in der Regel nicht, sagt Michael Biedermann, Thieles Chef.
Thieles Arbeit umfasst alles, was in der ambulanten Pflege jenseits der medizinischen Pflegeleistungen notwendig ist. Er wäscht die Patienten, fragt sie, wie es ihnen geht, muntert sie auf und zieht sie um. Er kauft ein, putzt und macht die Wäsche.
Er lässt sich anschreien, wenn einer einen schlechten Tag hat. Er macht Termine bei Friseur und Fußpflege. Er hält Kontakt zu den gesetzlichen Betreuern der Patienten, und er verwaltet das Haushaltsgeld.
Er weiß, was das Duschgel für Herrn J. kosten darf und welche Buletten Herr P. am liebsten isst.
Jetzt ruft Thiele Herrn P. vom Handy aus an, damit er ihm die Tür öffnet. Er könnte auch einfach anklopfen und aufschließen. Aber so arbeitet Thiele nicht: »Der Mann muss aus seinem Sessel aufstehen«, sagt er. »Der kann noch stehen und etwas laufen.«
Bevor er wieder geht, sagt er: »Herr P. lassen Sie mich raus, bitte?« Wenn die Zeit reicht, geht er mit Herrn P. am Rollator durch die Grünanlage vor dem Wohnkomplex.
Heute hilft Thiele Herrn P. beim Waschen und cremt ihm die trockene Haut an den Füßen ein. Er redet mit dem Mann, der wieder in seinen Sessel zurückgesunken ist, über den Platz in der Tagesstätte.
Herr P. war einmal zur Probe da und erinnert sich, dass man dort Karten spielen kann. Ansonsten zeigt er keine Regung.
Thiele macht den Abwasch und räumt den Einkauf ein, den er mitgebracht hat. Herr P. sitzt im Sessel und sagt: »Ich habe kein Vertrauen mehr zu Menschen.«
Der 63-jährige Mann ist völlig vereinsamt.
Neulich hat es geklingelt, da ist er nicht zur Wohnungstür, sondern zur Balkontür gegangen. Aber da war niemand. Das hat er Thiele dann erzählt.
Herr P. hat dunkles Haar und lange Koteletten. Thiele findet, es könnte mal wieder geschnitten werden. Herrn P. ist das egal. Aber er fährt sich über den Kopf und stimmt zu. »Ich rufe Sie heute Mittag noch mal an«, verspricht Thiele. Auf den Abrechnungsbögen heißt das »soziale Betreuung«.
Thiele will den Job noch bis zur Rente schaffen.
Er lastet die geringe Bezahlung nicht seinem Arbeitgeber an, sondern den Bedingungen in der ambulanten Pflege. Ihm hilft, dass er seine Arbeit mag.
Er ist gelernter Kaufmann, doch er wusste schon früh, dass er »was mit Fürsorge« machen wollte. Nach der Wende sattelte er um.
Seitdem ist der Arbeitsdruck stetig gestiegen.
An Thieles Einstellung hat das nichts geändert. Heute früh, noch vor Dienstbeginn, war er schnell bei Henry, einem Trinker, der in einer Schrebergartenhütte wohnt. »Ich hatte ihn drei Tage nicht gesehen und hab' mir Sorgen gemacht.«
Henry war da, Thiele war zufrieden. »Aber abrechnen kann man das nirgendwo«, sagt er. epd
Dieser Beitrag wurde am 2.3.2010 um 12.44 Uhr veröffentlicht.
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