Eltern lernen Ego-Shooter
Wenn im Kinderzimmer das Gemetzel beginnt

Übungsstunde für das nächste Amok-Gemetzel? - Diese Gefahr ist nach Expeertenansicht eher gering - die Gefahr der Abhängigkeit dagegen nicht. Foto: TimTolia
Etwas unsicher visiert Katja Gühlert den feindlichen Soldaten mit der Maschinenpistole an - und drückt ab. »Prima, das war deine erste Leiche«, sagt ihr Nachbar am PC nebenan.
Die Mutter eines 13-Jährigen sitzt zum ersten Mal an einem sogenannten Ego-Shooter am Computer, also mit der Perspektive über Kimme und Korn. Die Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen hat Eltern zum gemeinsamen Spiel mit untereinander vernetzten Computer zu einer LAN-Party in die Schule nach Ganderkesee bei Delmenhorst eingeladen. »Um Eltern zu warnen - aber auch, um sie zu beruhigen«, sagt Jugendschutz-Expertin Mareike van 't Zet vom Landkreis Oldenburg.
Die Einführung ist knapp: »Laufen mit den Tasten W, A, S und D, mit 1 und 2 Waffen wechseln und mit der linken Maustaste feuern. Alles klar?« Nichts ist klar für Katja Gühlert. Aber sie will es probieren.
»Ich will wissen, was mein Sohn am PC macht und warum er nicht davon wegkommt, wenn ich ihn rufe«, sagt sie, ohne den Blick vom Monitor zu wenden.
So wie ihr geht es fast allen Eltern bei der LAN-Party. Zehn Minuten später hat sie etliche Gegner »ausgeschaltet« und ist auch selbst bereits mehrfach wieder von den Toten auferstanden: »Ich bin völlig fertig«, sagt sie aufgekratzt. »Und das spielen die Kids stundenlang?«
Mareike van 't Zet weiß um die Ängste der Eltern.
»Sie wissen nicht mehr, was ihre Kinder machen. Die einen fürchten, dass ihr Sohn zum Attentäter wird und das Gemetzel im Kinderzimmer schon einmal übt. Die anderen haben Angst davor, dass ihr Kind onlinesüchtig wird und keinerlei Kontakte mehr zur realen Welt hat.«
Tatsächlich geht sie davon aus, dass etwa drei Prozent aller 15-Jährigen abhängige Spieler sind.
Tamara Weiss von der Landesstelle Jugendschutz in Hannover rät zu einer offensiven Herangehensweise. »Diese Spiele existieren, und wir müssen uns damit auseinandersetzen. Und ebenso müssen es die Eltern tun.«
Nicht das Töten stehe im Vordergrund der Spiele, sondern das gemeinsame strategische Vorgehen in der Gruppe, erläutert sie. Das wichtigste sei, mit dem Kind über die Spiele zu reden.
»Dass bedeutet auch zu akzeptieren: Mein Kind spielt diese Spiele, mein Kind hat Spaß daran.« In einem zweiten Schritt könne gemeinsam mit dem Kind überlegt werden, wo es problematische Punkte im Spiel gibt.
Was viele Eltern pubertierender Jugendlicher erstaunt: Die Kids halten sich streng an die vorgegebenen Regeln des Spiels. Was im realen Leben in der Familie oft nicht mehr funktioniert, klappt beim Spiel im Internet ohne Probleme.
»Aber gerade darin kann auch eine Gefahr liegen«, sagt Oliver Jathe von der Firma Game Session, die LAN-Parties organisiert.
Bis vor zwei Jahren hat er das weltweit erfolgreichste Spiel im Internet, »World of Warcraft«, exzessiv gespielt. Das Rollenspiel »WoW«, wie es unter den Spielern heißt, verbindet rund um die Uhr weltweit 16 Millionen Spieler.
Das Spiel entwickelt sich fortlaufend weiter und endet nie.
Die Spieler nehmen eine virtuelle Gestalt mit bestimmten Fähigkeiten an und bemühen sich, ihre Figur durch das Lösen von Aufgaben immer weiter zu verbessern. Viele dieser »Quest's« lassen sich nur in einer Gemeinschaft, den sogenannten Gilden, lösen.
»Und da können die Probleme beginnen«, sagt Jathe: Um die Aufgaben zu lösen, müssen sich die Gilden verbindlich verabreden, um zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort in der virtuellen Welt zu sein. Und das kann dauern, weil sich die Figuren nur in Echtzeit bewegen.
»Im Zweifelsfall warten dann 19 Mitspieler auf einen und können die Aufgabe nicht lösen.« Das fördere einerseits den Teamgeist, baue aber andererseits einen ungeheuren sozialen Druck auf. Familie, Schule, Schlaf, selbst Essen werden dann zur lästigen Nebensache.
Der Reiz, dabei zu bleiben wächst ins Unwiderstehliche, weil sich das Spiel nicht unterbrechen lässt. »Wenn ich den Computer ausschalte, geht das Spiel weiter - aber eben ohne mich.«
Tamara Weiss warnt davor, den Jugendlichen diese Spiele einfach zu verbieten. »Der Reiz des Verbotenen ist sehr verlockend.«
Eltern sollten mit ihrem Kind klare Regeln und Zeitbudgets vereinbaren.
»Lassen Sie Ihre Tochter oder Ihren Sohn nicht allein in der virtuellen Welt. Halten Sie den Kontakt«, so ihr Appell.
Katja Gühlert hat zum Ende des Abends etliche Spiele ausprobiert. »Ich war im Weltraum, im Zweiten Weltkrieg, in WoW und bin im Geländewagen durch den Dschungel gebrettert.«
Den Reiz der Spiele habe sie erkannt. »Und ich weiß auch, dass mein Sohn nicht gleich zum Amokläufer wird, wenn er diese Spiele spielt.«
Außerdem hat sie von Oliver Jathe gehört, dass die Jugendlichen mit zunehmenden Alter die Lust an diesen Spielen verlieren. »Mit 20 gehört man da zum alten Eisen. Wie tröstlich.« epd
Internet: www.jugendschutz-niedersachsen.de, www.juuuport.de
Dieser Beitrag wurde am 10.3.2010 um 15.04 Uhr veröffentlicht.
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