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Bundesregierung drängt auf Konsequenzen

»Nichts darf verheimlicht werden«

<b>Will konkrete Maßnahmen </b>zur Vorbeugung beraten: Bundesbildungsministerin Annette Schavan, Foto: annette-schavan.de

Will konkrete Maßnahmen zur Vorbeugung beraten: Bundesbildungsministerin Annette Schavan, Foto: annette-schavan.de

Nach dem Bekanntwerden immer weiterer Missbrauchsfälle an Schulen und Internaten dringt die Bundesregierung auf Konsequenzen.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) kündigte Gespräche mit dem Präsidenten der Kultusministerkonferenz und den Vorsitzenden der Lehrerverbände in den kommenden Tagen an. Dabei solle über konkrete Maßnahmen beraten werden, um weiteren Fällen vorzubeugen und den Opfern zu helfen.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) tritt weiterhin für die Einrichtung eines Runden Tisches zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle ein. Auch der Vatikan fordert eine Aufklärung der Fälle.

Vor allem an katholischen Schulen sind jüngst zahlreiche Missbrauchsfälle bekannt geworden, die zum Teil Jahrzehnte zurückliegen.

Laut einem Bericht der Zeitung »Bild am Sonntag« sollen Kirchenleute in 20 von 27 deutschen Bistümern ihnen anvertraute Kinder missbraucht haben. Auch an der privaten Odenwaldschule in Südhessen sollen in den 70er und 80er Jahren regelmäßig Schüler missbraucht worden sein, wie am Wochenende bekannt wurde.

Es sei erschütternd, dass täglich neue Missbrauchsfälle bekannt würden, sagte Leutheusser-Schnarrenberger der Zeitung »Welt am Sonntag«. Sie bekräftigte ihre Forderung nach Einrichtung eines Runden Tisches.

»Ein Runder Tisch ist kein Pranger, sondern kann die gesellschaftliche Aufarbeitung befördern«, unterstrich die Justizministerin.

Besonders in den Fällen, in denen die rechtliche Aufarbeitung nicht mehr möglich sei, könne ein Runder Tisch den Dialog über die berechtigen Anliegen der Opfer eröffnen. Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, hatte diesen Vorschlag unlängst zurückgewiesen.

Bundesbildungsministerin Schavan sagte der Zeitung »Bild am Sonntag«, Eltern müssten sich darauf verlassen können, dass ihre Kinder vor Gewalt und Missbrauch in pädagogischen Einrichtungen geschützt seien.

Wo immer in Schulen und Internaten der Verdacht auf Gewalt und Missbrauch bestehe, müsse vollständige Aufklärung erfolgen. »Nichts darf verheimlicht werden«, hier müsse es »null Toleranz« geben, forderte die CDU-Politikerin.

Die katholische Kirche müsse jetzt ein klares Signal geben, dass ihr der Schutz der Opfer und das Mitgefühl mit den Kindern »wirklich das Wichtigste ist«, forderte auch die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU).

Dafür müsse die Kirche »ganz konsequent« mit den Staatsanwaltschaften zusammenarbeiten und Verdachtsmomente weitergeben.

Sie forderte zugleich längere Verjährungsfristen für sexuellen Missbrauch, das »Mindeste« seien 30 Jahre. Sexueller Missbrauch sei wegen der Traumatisierung der Opfer nicht vergleichbar mit anderen Straftaten, sagte Merk..

Der Präsident des päpstlichen Einheitsrats, Kardinal Walter Kasper, äußerte unterdessen »tiefe Enttäuschung, Schmerz und sehr großen Zorn« über die Missbrauchsfälle in katholischen Institutionen in Deutschland.

Die Kirche müsse »Klarheit schaffen«, die Verantwortlichen müssten verurteilt und die Opfer entschädigt werden, forderte der deutsche Kurienkardinal.

Es handele sich um verabscheuungswürdige Verbrechen, die mit absoluter Entschlossenheit verfolgt werden müssten, sagte der ehemalige Bischof von Rottenburg-Stuttgart. »Wir müssen unsere Kirche ernsthaft reinigen«, so Kasper.

Der Vatikan fordert auch eine Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe bei den »Regensburger Domspatzen«.

»Der Heilige Stuhl unterstützt die Diözese Regensburg in ihrer Bereitschaft, die schmerzliche Frage entschieden und offen gemäß den Richtlinien der Deutschen Bischofskonferenz zu analysieren«, hieß es am Sonntag in der Vatikanzeitung »Osservatore Romano«.

Das Bistum Regensburg hatte am Freitag zwei Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs in den Reihen des berühmten Knabenchors bestätigt. Diese reichten in die frühen 60er Jahre zurück. epd

Dieser Beitrag wurde am 8.3.2010 um 07.47 Uhr veröffentlicht.

Kommentare lesen
Schallblech schrieb am 08.03.2010 08:24:

Gut, daß diese Lawine endlich losgetreten wurde. Hoffentlich sensibilisiert es Kollegen und Chefs von Tätern, besser hinzuschauen, und Eltern, mehr auf Alarmsignale zu achten. Vielleicht finden nun auch aktuelle Mißbrauchsopfer den Mut, ihre Peiniger anzuzeigen.

Kurt Mittag schrieb am 08.03.2010 23:11:

In der gegenwärtigen öffentlichen Diskussion über die Misshandlungs- und Missbrauchsfälle, die zu einem sehr großen Teil in den 50er und 60er Jahren stattgefunden haben, scheint es mir so zu sein, dass sehr viele, die sich zu Wort melden, sich nicht einmal im Ansatz darüber Gedanken machen, in welchem gesellschaftlichen Kontext diese Dinge geschehen sind.

Die Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland war in den 50er und 60er Jahren noch weithin von den Nachwirkungen des Nazi-Faschismus geprägt. Ich würde diese Zeit heute als spät-faschistoide Zeit bezeichnen wollen. Der Krieg war zwar verloren, aber fast eineinhalb Jahrzehnte gewaltverherrlichender und menschenverachtender Indoktrination in den prägenden Kinder- und Jugendjahren wirkten in der Generation des damals jungen Erwachsenen, die Familien gründeten, fort.

Man muss sich dazu einfach einmal vor Augen führen, dass nach dem 8. Mai 1945, an dem die Nazi-Wehrmacht endlich kapitulierte, Millionen von Soldaten zum Teil sofort, zum Teil nach mehr oder weniger langer Kriegsgefangenschaft zurückkehrten. Für diese Ex-Soldaten stand kein Millionenheer von Psychologen und Therapeuten bereit, welches in aber-millionenfachen Gesprächs- und Therapiesitzungen oder durch die Begleitung von zehntausenden von Selbsthilfegruppen bereit und in der Lage gewesen wäre, die völlig entwurzelten Menschen, die über eineinhalb Jahrzehnte hinweg sich ständig bis über die Unsäglichkeit hinaus steigernde Gewalterfahrungen gemacht hatten, wieder langsam in ein geordnetes Leben zurück zu führen. Diese unbewältigt gebliebene Schuld der Verantwortlichen und dieses unbewältigt gebliebene Trauma der Opfer hat in den 50er und 60er Jahren – meiner Überzeugung nach - zu unsäglichen, nach heutigen Maßstäben kriminellen Verhältnissen in der Erziehung geführt.

Aus meiner Kindheit (in bin 1952 geboren) kann ich mich sehr gut daran zurück erinnern, in welch ausgeprägtem Maße die Erziehung in den Familien und in den Institutionen von Gewalt geprägt war, absolut kein Tabu war – und der überwältigenden, gesellschaftlichen Mehrheitsmeinung entsprach.

In der Nachbarschaft, in der ich als Kind wohnte und aufwuchs, gab es in vielen Familien vorbereitete „Folterwerkzeuge“, die zur Mißhandlung der eigenen Kinder regelmäßig eingesetzt wurden. Es handelte sich dabei z.B. um Gummiknüppel, um armierte Schlauchstücke, um breite Lederriemen mit Nieten, um mit Gummi oder Kunststoff überzogene Knüppel oder sogar um Fahrradketten. Diese „Folterwerkzeuge“ wurden vorzugsweise in den Familien an der Garderobe oder hängend an einem Schrank im Korridor in der Nähe des Zugangs zu der Wohnung aufbewahrt, so dass die potentiellen Opfer tagtäglich daran vorbei mussten und die „Folterwerkzeuge“ stets schnell zur Hand waren.

Die „Züchtigungspraktiken“ in den Familien waren unterschiedlich. Zum Teil wurde so verfahren, dass ganz spontan bei einem vermeindlichen Anlaß zugeschlagen wurde. Zum Teil war es auch so, dass der Spruch galt „Warte bis der Vater nach Hause kommt !“. In diesen Familien wurde die Prügelstrafe von der Mutter angedroht und dann nach Stunden von dem Vater, wenn dieser von der Arbeit nach Hause kam, auf Weisung der Mutter „vollstreckt“.

In einigen Familien wurde dieses Ritual noch dahin erweitert, dass sich die Kinder zur „Vollstreckung“ der Strafe nackt ausziehen mussten – und dann nackte Jungen und Mädchen von ihrem Vater im Beisein der Mutter mit dem in der Familie üblichen „Folterwerkzeug“ mißhandelt wurden.

Der Schritt zum Mißbrauch war dann nicht mehr weit. Ich habe im Laufe der Jahre erfahren, dass es in der Nachbarschaft gleich mehrere Fälle gab, in denen der Vater und der Opa die gleiche Person waren ....

Das, was an Mißhandlungs- und Mißbrauchsvorwürfen aus den 50er und 60er Jahren heute vor allen Dingen bezogen auf die katholische Kirche ans Licht kommt, ist nichts anderes als ein Spiegel der gesellschaftlichen Situation jener Zeit, die bis etwa zum Ende der 60er Jahre weitgehend ungebrochen fortbestand.

Was soll mit dieser unseligen Vergangenheit geschehen ?
Sollen wir vielleicht die Generation der über 75-Jährigen unter Generalverdacht stellen und die Altenheime zu Gefängnissen umbauen ?

Das alt-testamentliche Wort „Ich werde die Sünde der Väter heimsuchen an den Kindern ...“ scheint einmal mehr in schrecklicher Art und Weise als historische Erfahrung bestätigt zu werden.

Schallblech schrieb am 09.03.2010 07:48:

Ich weiß nicht, Kurt Mittag - das mit dem Gewaltklima in den Familien, das ist sicher richtig, aber bestimmt nicht der einzge Grund für die Häufung der Fälle in dieser Zeit. Mißbrauch ist zu allen Zeiten vorgekommen - bei den alten Griechen und Römern war es sogar üblich und gesellschaftsfähig, sich Knaben zu halten...
Heute ist es ja nicht vorbei, nur wird es nicht mehr totgeschwiegen. Daß jetzt so viel auf einmal "rauskommt", liegt einfach daran, daß Kinder damals keine Chance hatten, gehört zu werden und deshalb geschwiegen haben. Ich hoffe, daß noch viel mehr Menschen den Mut finden, ihre damaligen Qualen auszusprechen und endlich zu verarbeiten.

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