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»Wulff-Anruf bei Bild tiefer hängen«

Medienethiker mahnt zu differenziertem Blick

<b>»Tiefer hängen:«</b> Beschwerden von Politikern bei Journalisten seien das Normalste vond er Welt, sagt der frühere »Spiegel«-Chefredakteur Hans-Werner Kilz. Foto: Gernot Krautberger

»Tiefer hängen:« Beschwerden von Politikern bei Journalisten seien das Normalste vond er Welt, sagt der frühere »Spiegel«-Chefredakteur Hans-Werner Kilz. Foto: Gernot Krautberger

In der Medienaffäre um Bundespräsident Christian Wulff rät der frühere Chefredakteur von »Spiegel« und »Süddeutscher Zeitung«, Hans Werner Kilz, zu mehr Gelassenheit.

Verärgerte Anrufe von Spitzenpolitikern bei Chefredakteuren seien »das Normalste von der Welt«, sagte Kilz dem »Kölner Stadt-Anzeiger«. Er verstehe zwar, »dass die Journalistenverbände jetzt Zeter und Mordio schreien müssen, weil angeblich die Pressefreiheit in Gefahr sei.«

Einen »Machtkampf« zwischen Wulff und den Medien gibt es Kilz zufolge aber nicht.

Kilz betrachtet Wulffs Anruf beim Chefredakteur der »Bild«-Zeitung weniger als eine Gefahr denn als »einzigartige Dummheit«. »Ein so törichtes Vorgehen habe ich noch bei keinem Spitzenpolitiker erlebt. Spätestens als Diekmanns Mailbox ansprang, hätte er auflegen müssen«, sagte der Journalist.

Stattdessen habe Wulff mit der Nachricht auf der Mailbox ein Tondokument geliefert, mit dem er sich jetzt vorführen lassen muss. »Das schadet dem Amt und gibt den Amtsinhaber der Lächerlichkeit preis.«

Der Münsteraner Medienethiker Alexander Filipovic mahnte in der »Wulff-Affäre« einen sorgfältigen und kritisch-differenzierten Qualitätsjournalismus an.

Wichtig sei es zu unterscheiden, worüber geurteilt wird, sagte der Experte vom Institut für Christliche Sozialwissenschaften der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster am Freitagabend.

Wie ein Bundespräsident mit seiner Hausfinanzierung umgehe, sei in der Sache ethisch nicht problematisch, sagte der promovierte Theologe.

Wie ein Bundespräsident aber im persönlichen Kontakt versuche, die Berichterstattung zu beeinflussen, »das ist verheerend«. Auch die Rolle der Boulevardmedien sieht der Kommunikationswissenschaftler skeptisch. »Der Bundespräsident, das deutsche Staatsoberhaupt, wird als 'Celebrity' behandelt und nach den Regeln des Unterhaltungsjournalismus in die Mangel genommen«.

Bei dem Anruf Wulffs ging es um die Recherchen der »Bild«-Zeitung zum umstrittenen Privatkredit von 500.000 Euro, den Wulff 2008 als niedersächsischer Ministerpräsident von dem befreundeten Unternehmerpaar Egon und Edith Geerkens erhalten hatte.

Während Wulff sagt, er habe lediglich einen Aufschub der Berichterstattung erbeten, weil er sich zum Zeitpunkt der geplanten Veröffentlichung im Ausland befand, hatte die Mailbox-Nachricht nach Darstellung der »Bild«-Zeitung das Ziel, die Berichterstattung gänzlich zu unterbinden. epd

Medien zitieren aus Mailbox-Nachricht

Dieser Beitrag wurde am 8.1.2012 um 10.03 Uhr veröffentlicht.

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