Marktwirtschaft verliert an Vertrauen
Kirchenvertreter fordern solidarische Wirtschaft

Explodierende Managergehälter, wachsender Niedriglohnsektor: Immer mehr Menschen misstrauen der Marktwirtschaft. Foto: Joachim B. Albers
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, hat Wirtschaft und Unternehmen an ihre dienende Funktion erinnert.
»Alle Wirtschaftssysteme und alle Finanzpolitik müssen vom Menschen her gedacht und um des Menschen willen gemacht werden«, sagte der Theologe in Mainz. Nach Ansicht des evangelischen Sozialethikers Gerhard Wegner verliert die soziale Marktwirtschaft in Deutschland an Vertrauen, weil die Schwachen zu wenig profitieren.
Schneider warnte vor einem »Totalitätsanspruch des Ökonomischen«.
Zugleich unterstrich der rheinische Präses bei einem Spitzengespräch mit der Landesvereinigung Unternehmerverbände Rheinland-Pfalz, dass die Kirche gewinnorientiertes Unternehmertum und materiellen Reichtum nicht verteufeln wolle.
Wirtschaftssysteme und Finanzpolitik müssten sich indes daran messen lassen, »ob und inwieweit sie dem egoistischen Gewinnstreben Einzelner oder einer unsolidarischen Lobby- und Klientelpolitik Widerstand leisten«.
Bei einer Tagung in Berlin warnte der Sozialethiker Wegner vor einem Vertrauensverlust der Wirtschaft. Es gebe hierzulande eine große Akzeptanz von Leistungsgerechtigkeit, sagte der Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
Derzeit erlebten die Menschen aber, wie das System zum Ungerechten erodiere.
So gebe es explodierende Gehälter auf Managerseite, während der Niedriglohnsektor wachse und Menschen verarmten. »Diese Gerechtigkeitslücken müssen dringend geschlossen werden«, forderte Wegner auf der Konferenz des Bundeswirtschaftsministeriums und des Wittenberg-Zentrums für globale Ethik über die soziale Marktwirtschaft.
Christliche Ethik in der Wirtschaft zeigt sich laut Wegner in einem fairen Wettbewerb und einer solidarischen Verteilung von Gütern und Vorteilen.
Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) rief bei der Konferenz in Berlin dazu auf, der sozialen Marktwirtschaft zu mehr Vertrauen zu verhelfen. Zudem befürwortete er eine Regulierung der Finanzmärkte.
Neue Regeln müssten aber über die aktuelle Diskussion über eine Finanztransaktionssteuer hinausgehen.
Der Gewerkschafter Michael Vassiliadis appellierte an die Politik, mit entsprechenden Gesetzen nicht mehr lange zu warten.
Im Moment feilschten alle Beteiligten um den eigenen Vorteil und trügen damit zum Glaubwürdigkeitsverlust des Wirtschaftssystems bei, sagte der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie. epd
Dieser Beitrag wurde am 8.2.2012 um 12.37 Uhr veröffentlicht.
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