Orden gesteht Versagen
Jesuiten-Missbrauchsbeauftragte zählt bislang 115 Fälle

Pater Stefan Dartmann
Mindestens 115 Opfer sollen an Schulen des Jesuitenordens in Deutschland seit den 50er Jahren missbraucht worden sein.
Die sexuellen Übergriffe seien nicht nur vereinzelt, sondern systematisch begangen worden, sagte die Missbrauchsbeauftragte des Jesuitenordens, Ursula Raue, bei der Vorstellung ihres Zwischenberichts in Berlin. »Was über uns hereingebrochen ist, hat eine Dimension, die nicht abzusehen war.«
Der Chef der deutschen Jesuiten, Stefan Dartmann, räumte Versagen der früheren Ordensleitung ein und versprach, die weitere Aufklärung zu unterstützen.
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, will sich zu Beginn der Frühjahrstagung der katholischen Bischöfe am Montag in Freiburg zu dem Bericht äußern.
Der Dresdner Bischof Joachim Reinelt bezeichnete die Missbrauchsfälle als ein gesamtgesellschaftliches und kein rein katholisches Problem. Die Theologin Uta Ranke-Heinemann warf der katholischen Kirche im Gespräch mit »Focus Online« Vertuschung vor.
Allein vom Berliner Canisius-Kolleg, das als Elitegymnasium gilt, hätten sich bis zu 50 Opfer gemeldet, erklärte Raue. Darüber hinaus hätten sich Vorfälle in Hamburg, Hannover, Göttingen, Bonn und St. Blasien ereignet.
Insgesamt sprach die Berliner Rechtsanwältin von zwölf Jesuiten-Patres als Täter.
Zudem gebe es neun Beschuldigungen gegen Lehrer an anderen katholischen Schulen, sagte Raue. Vereinzelt seien unter den Tätern auch Frauen. Auch ein Hinweis zu einem Missbrauch in der evangelischen Kirche sei ihr mitgeteilt worden.
In einer schriftlich von der Münchner Ordensleitung verbreiteten Erklärung bezeichnete Jesuitenprovinzial Dartmann die zu Tage getretenen Vergehen als »Schande«. Mit »Scham« erfülle ihn die klar benannte, »wenn auch noch ungenügend aufgeklärte Tatsache, dass Täter von einer Station der Jugendarbeit in die andere« geschickt wurden.
»Was hier menschliches Versagen von Leitungspersonen im Einzelfall war, und was hier strukturell falsch lief, wird in einem weiteren Schritt zu klären sein.«
Der Chef der Jesuitenprovinz sagte der Missbrauchsbeauftragten zu, dass sie ihren Arbeitsstab für die weiteren Ermittlungen »entsprechend ihrem Bedarf« aufstocken könne.
Zudem werde der Orden den Vorschlag Raues prüfen, in den drei Jesuitenschulen in Berlin, Bonn und St. Blasien lokale Arbeitsstäbe einzurichten sowie Ombudspersonen als Ansprechpartner für Lehrer und Schüler zu berufen. Weitere personelle Konsequenzen schließt Dartmann zum gegenwärtigen Zeitpunkt aus.
Raue hat nach eigenen Angaben seit Bekanntwerden der ersten Missbrauchsvorwürfe am Berliner Canisius-Kolleg Ende Januar zahlreiche Gespräche mit Missbrauchsopfern aus den 50er bis 80er Jahren geführt.
Zudem habe sie in den Akten über die beiden beschuldigten Patres Wolfgang S. und Peter R. recherchiert.
Dort habe sie Notizen gefunden, wonach die Schulleitung des Canisius-Kollegs spätestens seit Mai 1981 von Übergriffen im Fall Peter R. wusste. Allerdings würden die Vergehen nur am Rande angesprochen.
Im Fall des Paters Wolfgang S. habe sich unter anderem ein Schreiben aus dem Jahr 1967 gefunden, in dem er berichtete, dass ihm »mehrfach die Hand ausgerutscht« sei, »auch dort, wo es nicht unbedingt notwendig gewesen wäre«.
Die Vorwürfe gegen S. beziehen sich nach Angaben Raues auf körperliche Gewalt. Er soll Schüler in bekleidetem oder unbekleidetem Zustand geschlagen haben.
Die »sexuell-sadistische Komponente« dieser Bestrafungen sei vielen Opfern damals nicht bewusst gewesen, sagte Raue.
Es sei aus den Akten nicht erkennbar, weshalb Wolfgang S., der sich mehreren Therapien unterzog, immer wieder als Lehrer, insbesondere als Sportlehrer eingesetzt wurde, so Raue.
»Es kann nur vermutet werden, dass man der Ansicht war, die Therapien würden die Probleme des Wolfgang S. lösen.«
An den Jesuitenschulen habe es sich bei den Übergriffen bisher nicht um Fälle schwerer Gewalt oder brutaler Vergewaltigung gehandelt, sondern um »Anfassen, Streicheln oder Selbstbefriedigung«. Schwere Übergriffe mit schwerer Gewalt habe es aber an anderen katholischen Schulen gegeben.
Raue sprach sich bei der Vorlage ihres Zwischenberichts für die zügige Aufklärung von aktuellen Missständen aus. Zudem müssten Modelle entwickelt und institutionalisiert werden, mit denen Missbrauch in Zukunft verhindert werden könne. epd
Bislang 25 Missbrauchs-Opfer bekannt
Verdacht auch an Jesuiten-Schule in St. Blasien
Patres missbrauchten mindestens sieben Schüler
Dieser Beitrag wurde am 19.2.2010 um 08.11 Uhr veröffentlicht.
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