26.000 Ehrenamtler
Holpriger »Bufdi«-Start ist längst vergessen
Der neue Freiwilligendienst hatte beim Start im Sommer reichlich Sand im Getriebe. Doch das ist vergessen.
Heute schließen über 26.000 Ehrenamtler die Lücke, die das Aus des Zivildienstes riss. Der Zulauf scheint ungebrochen. Einer von ihnen ist Tim Blumenstein: Um ein Haar wäre er noch ein »Zivi« geworden. Doch die Politik machte dem jungen Mann einen Strich durch die Rechnung. Sie setzte zum 1. Juli die Wehrpflicht und damit auch den Zivildienst aus.
Jetzt ist Tim Absolvent des Bundesfreiwilligendienstes (BFD).
Seit dem 1. August hilft er im Mobilen Dienst der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Gießen und ist dort einer von rund 15 BFD'lern. Koordinatorin Kornelia Steller-Nass ist voll des Lobes über ihre neuen Mitstreiter.
»Ich finde es wichtig, mich für bedürftige Menschen einzusetzen und meine Hilfe anzubieten«, berichtet Tim im Internet.
Der gebürtige Kasseler besorgt Rezepte, fährt zu Apotheken, erledige Einkäufe und begleitet Senioren zum Arzt.» Auch besucht er Senioren und bringt vertreibt kurzzeitig die Einsamkeit aus deren Alltag.
Tim sieht den auf ein Jahr befristeten Dienst als eine wertvolle Erfahrung an.
Kornelia Steller-Nass war über 35 Jahre lang bei der AWO Zivildienstbeauftragte, heute nennt sie sich Freiwilligenkoordinatorin - und hat sehr viel zu tun, seit die BFD'ler Einzug gehalten haben, um die rund 400 hauptamtlichen Kräfte der AWO Stadtkreis Gießen zu unterstützen: «Wir haben auch noch in fast allen Einrichtungen andere ehrenamtliche Helfer, die wollen auch betreut werden.»
«Wir haben guten Zulauf zum Bundesfreiwilligendienst», berichtet die Koordinatorin.
«Alte und junge Helfer sind vertreten, Frauen und Männer, und auch mehrere Arbeitslose.» Noch habe sie keine Interessenten abweisen müssen, «doch das wird bald so weit sein».
Auch andernorts scheint das anfängliche «Fremdeln» mit dem BFD nachgelassen zu haben.
An die Szenarien, Teile sozialer Dienstleistungen stünden ohne die Zivis vor dem sicheren Kollaps, will heute niemand mehr erinnern werden.
Das Interesse am weitgehend unbekannten Dienst war zunächst erschreckend gering.
Freiwillige wurden händeringend gesucht. Sozialverbände und das für den BFD zuständige Bundesfamilienministerium beharkten sich gegenseitig mit Schuldzuweisungen für den holprigen Start.
Der Grund: Im etablierten und inhaltlich nahezu identischen Freiweilligen Sozialen Jahr standen die Bewerber Schlange, während vom BFD kaum jemand etwas wissen wollte.
Doch das ist Schnee von gestern.
Anfang Dezember waren nach Angaben des Ministeriums 26.000 BFD'ler unter Vertrag. Geplant sind jährlich 35.000 Stellen. »Wir sind sehr zufrieden«, sagte der Bundesbeauftragte für den Zivildienst, Jens Kreuter, Anfang November dem epd.
Seine Zwischenbilanz vier Monate nach dem Start des BFD falle sehr positiv aus: »Es ist kein Krankenwagen in der Garage geblieben, unsere soziale Infrastruktur funktioniert weiterhin.«
»Die Zahl der BFD-Teilnehmer hat sich erfreulich gut entwickelt«, urteilt Rainer Hub, Referent für freiwilliges Engagement und Zivildienst im Bundesverband der Diakonie. Es gebe bereits mehr Freiwillige als dafür Gelder im Bundeshaushalt vorgesehen seien.
Diakonie und Evangelische Jugendverbände haben laut Hub derzeit rund 3.800 BFD'ler im Einsatz.
Von einzelnen regionalen Unterschieden abgesehen, sei die Lage durchweg entspannt. Allerdings beklagten viele Sozialträger, die Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, der für den BFD verantwortlichen Behörde, als bürokratisch und »nach wie vor schwierig«.
Anfangs sei jede Menge Sand im Getriebe gewesen.
Für Hub liegt der Grund dafür hauptsächlich im enormen Tempo, mit dem die Politik seinerzeit den Ausstieg aus dem Zivildienst vollzog und dadurch Zeit für saubere Planung und umfassende Beteiligung der Sozialverbände fehlte.
Die Folge: »Wir reparieren heute am laufenden Motor«, sagt Hub.
Korrekturen in der Organisation wünscht sich auch AWO-Koordinatorin Steller-Nass. Die für BFD'ler bindend vorgeschriebenen 25 Seminartage empfänden manche Teilnehmer als zu starres Reglement.
Zudem müssten ältere Freiwillige mindestens 20 Wochenstunden ableisten: »Das ist für viele Senioren eine hohe Hürde.«
Steller-Nass wünscht sich mehr Flexibilität beim zeitlichen Einsatz, um den Helfern so weit es geht entgegenkommen zu können: »Die Leute sind doch alle freiwillig hier.« epd
Dieser Beitrag wurde am 29.12.2011 um 11.28 Uhr veröffentlicht.
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