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Strategien für mehr Lebensfreude

Die Last mit dem Glück

Warum sind manche Menschen glücklicher als andere? – Psychologen haben dieses Phänomen unter die Lupe genommen. Ein Fazit: Geld allein ist kein Garant fürs Glücklichsein. Foto: drubig-photo

Warum sind manche Menschen glücklicher als andere? – Psychologen haben dieses Phänomen unter die Lupe genommen. Ein Fazit: Geld allein ist kein Garant fürs Glücklichsein. Foto: drubig-photo

Angst vor Schlangen, Spinnen oder großer Höhe kann man nachvollziehen. Aber gibt es eine Angst vor dem Glück? Psychologen sind diesem Phänomen auf der Spur – und bieten zugleich Wege und Strategien für mehr Lebensfreude an.

Nicht alle öffnen freudig ihre Tür, wenn das Glück anklopft. Manche Menschen scheinen regelrecht nach Misserfolg und Unzufriedenheit im Leben zu suchen - sie fürchten sich davor, dass es ihnen zu gut geht und dämpfen Freudengefühle.

»Fear of Happiness« (Angst vor dem Glücklichsein) nennen Forscher das seelische Phänomen.

Die Angst vor dem Glück stehe in engem Zusammenhang mit einer Depression, fand der Psychiater Paul Gilbert vom britischen Kingsway Hospital 2012 heraus. Wie die US-Fachzeitschrift »Scientific American« über das Phänomen berichtet, setzen einige Menschen Glücklichsein zudem mit einer gewissen Form von Faulheit gleich: Für sie ist Glück unmoralisch.

Andere fühlten sich unwohl, wenn sie sich nicht ständig um etwas Sorgen machten. Wieder andere fürchteten, wenn sie sich über etwas sehr freuten, werde es ihnen wieder weggenommen.

Die Furcht vor Freude am Leben sei mit dem Aberglauben verknüpft, »dass ein Mensch, der glücklich ist, mit etwas Negativem rechnen muss - quasi mit einer Bestrafung für das Glück«, weiß der Salzburger Psychiater und Neurologe Manfred Stelzig: »Das kann ein Schicksalsschlag oder eine Krankheit sein, etwas, das unausweichlich Menschen, die gerade noch glücklich waren, im nächsten Moment auf eine harte Probe stellt.«

Warum sind die einen glücklicher als andere?

Studien zeigen, dass die Fähigkeit zum Glücklichsein zum großen Teil angeboren ist. Aber: Glücklicher zu werden kann man lernen, sind sich viele Psychologen sicher.

Sie sei immer erstaunt gewesen, dass einige Menschen selbst im Angesicht von Stress, seelischen Schocks oder Elend bemerkenswert gelassen und fröhlich blieben, erklärt die kalifornische Psychologie-Professorin Sonja Lyubomirsky.

Sie habe herausgefunden, dass wirklich glückliche Menschen mit ihrer Grundeinstellung zum Leben ihr Glücklichsein verstärken (»happy habits«).

Bei unglücklichen Menschen läuft der Mechanismus genau andersherum. Kurz: Glückskinder reagieren positiver auf das Leben.

Wobei die meisten Menschen mit Glück ein optimales Wohlbefinden meinen, das das Herz wärmt, wie der Münchner Psychologe Stephan Lermer formuliert.

Ein Zustand, in dem »Denken, Fühlen und Handeln eins sind. Wo man das Gefühl hat, angekommen zu sein, richtig zu sein«.

Die Angst vor dem Glück könne man mit kleinen Schritten überwinden, erklärt der US-amerikanische Psychologe und Autor Peter Lambrou. Es gehe darum, allmählich kleinere positive Emotionen zuzulassen und sich in diesen auch behaglich zu fühlen.

Beispiele seien die Genugtuung beim Lösen einer schwierigen Aufgabe oder die Freude an einem sonnigen Tag.

Man müsse sich erst langsam daran gewöhnen, dass auf Vergnügen und Wohlgefühl in den meisten Fällen keine Katastrophe folge, schreibt Lambrou im US-amerikanischen Magazin »Psychology Today«.

»Man kann erreichen, dass mehr Glücksmomente im eigenen Leben auftauchen«, sagt auch der Psychologe Lermer.

Die Forschung kenne »sieben Quellen des Glücks«.

Dazu gehörten Selbsterkenntnis und Dankbarkeit. Man sollte sich vorstellen, was man erreichen möchte und dies dann aktiv umsetzen. Glücklicher wird auch, wer aus sich herausgeht, Netzwerke aufbaut und offen für das Neue ist. Lermer: »Die sechste wichtige Quelle ist die Freundschaft und die siebte Liebe und Partnerschaft«.

Der Königsweg zum Glück aber liege darin, »andere glücklich zu machen.«

»Glücklich wird nur, wer lernt, wie man glücklich ist«, betont der Hamburger Psychologe und klinische Psychotherapeut Rainer Tschechne (»Die Angst vor dem Glück - Warum wir uns selbst im Weg stehen«).

Man müsse nach Glücksmomenten in den gegenwärtigen Lebensumständen suchen.

Tschechne: »Nur wenn wir unseren Blick schärfen für die Glücksbausteine, die bereits jetzt in unserem Leben zu finden sind, können wir Wege finden, in der Zukunft von Tag zu Tag etwas glücklicher zu werden.«

»Glücks-Coach« Lermer bekräftigt: »Es kann einem nicht zu gut gehen, nach oben ist die Skala offen«.

Für Glück als Unterrichtsfach in der Schule plädiert der österreichische Medizin-Professor Stelzig.

So wie der Mensch des 20. Jahrhunderts gelernt habe, dass er nach einem ganzen Tag im Büro regelmäßig etwas für seinen Körper tun müsse, so werde der Mensch des 21. Jahrhunderts lernen müssen, dass es ohne eine regelmäßige Pflege der Seele nicht mehr gehen werde. Stelzig: »Glücklichsein heißt, sich in seiner eigenen Haut wohlzufühlen.«

Wer will, nimmt sich Gustav Gans zum Vorbild.

Das Motto des Glückspilzes aus Entenhausen und Erz-Rivalen von Donald Duck lautet: »Das Glück liegt auf der Straße, man braucht es nur aufzuheben!« epd

Dieser Beitrag wurde am 31.8.2015 um 14.28 Uhr veröffentlicht.

Kommentare lesen
Schallblech schrieb am 01.09.2015 08:15:

Daß die Fähigkeit zum Glücklichsein angeboren ist, kann ich bestätigen. Meine Mutter war so eine Art "Stehaufmännchen". Schon aus den Erzählungen aus der Nachkriegszeit, die ich nicht selbst mitbekommen habe, wird es deutlich wie sie trotz schlimmsten Hungers und Sorgen immer positiv dachte. In meiner Erinnerung singt sie den ganzen Tag. Zuletzt, schwer dement und bettlägerig, sagte sie in hellen Momenten immer mal wieder "Ich habe doch ein so schönes Leben gehabt". In den letzten Tagen ihres Lebens äußerte sie mehrfach den Wunsch: "...einschlafen und nicht mehr aufwachen". Das war ihr vergönnt. So einen Menschen kann man gut gehen lassen.
Von ihrer positiven Art habe ich viel geerbt. Ich brauchte keinen Glückscoach als unser blinder Sohn geboren wurde, unsere Tochter und schließlich ich selbst an Krebs erkrankten. Ich bin in Gottes Hand - hier oder dort. Was kann es Besseres geben.
Es geht uns übrigens allen gut.

Atlantica schrieb am 02.09.2015 08:08:

Es gibt ein diessetiges Glück: alles zu haben und dann nicht wissen, was damit tun. Je mehr nämlich man hat, desto mehr muss man am Ende lassen. Paradox finde ich, dass man nach Glück strebt und dann nicht glücklich ist. Aus Bildern von seligen Toten schließe ich, dass nach dem Tod das Ewige wartet. Es gibt im Leben wie im Glück eine Grenze. Die Grenze des Glückes ist nicht absolut, Glück kommt und geht. Der Philosoph Wilhem Schmid sagt: Glück ist nicht wesentlich. Mit fällt es schwer, das zu leben. Für mich ist Glück essentiell.

Atlantica schrieb am 02.09.2015 10:38:

In puncto Glück gehe ich mit Dorothee Sölle konform (in vielem anderen nicht): Glück ist für mich ein Grundgefühl. Grundsätzlich bin ich von Natur aus schon ein Glückskind; da muss ich Schallbelch recht geben. Tue ich gern. Dass Menschen "masochistisch" veranlagt sind und nicht allzu viel Glück an sich heranlassen, so verstehe ich den Beitrag, kann ich mir schon denken. Doch ist das eine sehr unkluge Haltung, denn Glück ist etwas unendlich Wertvolles. :-)

Erika Moers schrieb am 02.09.2015 19:18:

Das ist so eine Sache mit dem Glück und mit dem Glücklich-Sein.
Wir sprechen von „glücklichem Naturell“, das ein Mensch besitzt, wenn er versteht, unbehagliche Dinge des Lebens mit Gelassenheit und Gottvertrauen zu nehmen. Ein Anderer hingegen traut sich nicht glücklich zu sein, weil da ja unter Umständen doch noch ein Haken oder eine Öse dran sein könnte.
Glück erleben ist für mich wie eine Sternstunde, die gar nicht so oft vorkommt und gar nicht lange währt, aber sie hinterlässt etwas Kostbares in mir: Ein Wohlbefinden und dieses „Eins-mit-mir-sein“, wie es der Psychologe formuliert. Der Glücksmoment ist vorüber - aber das Wohlbefinden bleibt.
Wenn man nur aufmerksam beobachten würde, entdeckte man um sich herum viele kleine GlücksSplitter, die ebenfalls dieses Wohlbefinden auslösen würden.
Es kommt nur auf meine Bereitschaft dazu an. Und letztendlich ist Glück ein Geschenk. Und Reichtum und Besitz sind scheinbar nicht Wurzeln des Glücks.
„Glück ist wie ein Sonnenblick, niemand kann’s erjagen“ sagt der Dichter.
Ich wünsche uns hier und da solch einen Sonnenblick.

Atlantica schrieb am 02.09.2015 21:22:

Ich finde Ihren Artikel schön. Das Thema des Beitrags leuchtet mir irgendwie nicht so recht ein. Glück ist doch bekanntlich ein biochemischer Prozess im Gehirn, im gesamten Körper. Solange dieser nicht durch Substanzen hervorgerufen wird, ist er doch immer erstrebenswert? Kann man nicht glücklich sein wollen?

Ich habe neulich einmal einen Fastentag eingelegt und ich hatte zwar zwischendurch immer ein bisschen Hunger, am Abend hatte ich wunderbare Visionen, sehr, sehr beglückend. Was schöneres als Glück kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe dann aber doch noch abends etwas gegessen. So ein radikaler Glücks-Jäger bin ich nun auch wieder nicht.

Atlantica schrieb am 03.09.2015 18:49:

Nun ja, ich denke, ich habe den Artikel jetzt verstanden. Ja, ganz interessant. - Jede Wissenschaft versucht, ihre Erkenntnisse zum allgemeinen Maßstab der Erkenntnis zu überhöhen. Die Psychologie sieht in den individuellen Gefühlen Letztes, die Soziologie in Prozessen, die Gruppen betreffen, Interaktion von Individuen, Verhältnis Gruppe/Einzelner. Die Neurobiologie verbindet biologische Bedingungen mit psycho-sozialen. So ist der Mensch gleichzeitig ich, wir und Unbewusstes. Die Psychologie stellt mir persönlich zu stark auf das individuelle Erleben ab. Aber interessant ist sie.

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