1. Kirchentag Mensch und Tier
Der Gott der Hühner

Schlag ein, Kumpel: Beim 1. Kirchentag Mensch und Tier will der Mensch das Tier nicht mehr nur als Sache und Lebensmittel, sondern als gleichwertigen Teil der Schöpfung Gottes sehen. Foto: Sandra Zuerlein
Deutschland-Premiere: In Dortmund findet vom 27. bis 29. August der erste ökumenische Kirchentag Mensch und Tier statt. Die Veranstalter erwarten rund 10.000 Besucher
Die Altersbeschwerden machen Sandy zu schaffen. Seit einem Bandscheibenvorfall vor zwei Jahren hat sie sich nicht erholt, ihre Hinterläufe lahmen. Mit wohligem Grunzen genießt sie deshalb die wöchentlichen Massagen bei Hundephysiotherapeutin Claudia Werning, die der 15 Jahre alten Golden-Retriever-Dame mit tiefen Ausstreichungen die Rückenverspannungen löst. Sie stoße oft auf Unverständnis, wenn sie Sandy zur Massage bringe, sagt Hundebesitzerin Marianne Heibrok. Sie wolle ihr Tier nicht vermenschlichen, aber dessen Leiden lindern, ohne sie einschläfern zu müssen.
Gleichzeitig meldet der Deutsche Tierschutzbund zunehmend überlastete Tierheime, weil viele Hunde- und Katzenbesitzer ihre Haustiere wegen eines anstehenden Urlaubs oder zu hoher Kosten als Ballast empfinden. Zudem schockieren Berichte über Tierquälerei wie das neue Buch des US-Bestsellerautors Jonathan Safran Foer »Tiere essen«.
Das ambivalente Verhältnis zwischen Mensch und Tier steht im Mittelpunkt des ersten ökumenischen Kirchentages Mensch und Tier vom 27. bis 29. August in Dortmund. Nach dem Vorbild der großen Kirchentage gebe es über 50 Veranstaltungen von Bibelarbeiten über Podien und Konzerten bis zum großen Abschlussgottesdienst unter dem Motto »Gesegnet sind Mensch und Tier!«, kündigt der Dortmunder evangelische Pfarrer und Mitinitiator Friedrich Laker vom Bundesvorstand «Aktion Kirche und Tiere« (AKUT) an. (Zum Schlussgottesdienst siehe weiter unten.)
Politisches Ziel sei eine gemeinsame Erklärung von Menschen verschiedener Religionen und gesellschaftlicher Gruppen gegen jede Form der Massentierhaltung. Auch planten Grünen-Politiker eine Initiative für ein neues Tierschutzgesetz.
Es sei höchste Zeit, dass aus der Kirche heraus ein gesellschaftspolitisches Signal zu mehr Verantwortung im Umgang mit Tieren gegeben werde, sagt der katholische Theologe Rainer Hagencord. Der Leiter des bundesweit ersten Instituts für Theologische Zoologie an der Universität Münster ist neben dem Journalisten Franz Alt sowie den Theologen Klaus-Peter Jörns und Eugen Drewermann Referent des Kirchentages.
Bislang werde das Thema Tiere ausgeblendet, kritisiert Hagencord. »Für viele sind Puten und Hühner nur Rohlinge der Nahrungsindustrie, Billigfleisch für den Grill!« Doch sie seien ebenso Teil der Schöpfung wie der Pudel oder Kanarienvogel. »Wir wollen aber keine Moralpredigten halten, sondern den Blick weiten«, betont Pfarrer Laker, der sich selbst nicht als »verbissenen Tierrechtsaktivisten« sieht.
Auch innerhalb der Kirche will AKUT einen Bewusstseinswandel zu einer theologischen Würdigung des Tieres herbeiführen. Das Thema Mensch und Tier tauche weder bei den großen Kirchentagen noch in der theologischen Ausbildung auf, beklagt Laker. «Zu vielen ethischen Themen wie Sterbehilfe gibt es Stellungnahmen, aber nicht zur Massentierhaltung, obwohl es ein globales Problem ist, das Klimaschädigung nach sich zieht.» Der immer größer werdende Fleischkonsum sei mit ein Grund für die Abholzung der Regenwälder in Brasilien, wo dann Soja als Tierfutter für Europa angebaut werde.
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) erklärt dagegen, dass sie sich oft zu Fragen des Tierschutzes geäußert habe. »Im Verhältnis zu den Tieren geht es nicht allein um Barmherzigkeit und Humanität, sondern auch um Gerechtigkeit«, heißt es in einem EKD-Grundlagentext von 1991. Gerechtigkeit ziele dabei nicht darauf ab, Tiere wie Menschen, sondern »sie tiergerecht, insbesondere artgerecht zu behandeln«. Zur Tierrechtsinitiative AKUT, die etwa ein striktes Verbot von Tierversuchen und Jagd fordert, gebe es jedoch keine Berührungspunkte, erklärt EKD-Sprecher Reinhard Mawick.
Nach Ansicht des streitbaren Berliner Theologen Klaus-Peter Jörns, der sich in seinem Buch »Notwendige Abschiede« gegen die Gottebenbildlichkeit des Menschen und damit die Herabwürdigung anderer Geschöpfe wendet, hat sich in der Kirche hier nichts bewegt. Der biblische Herrschaftsauftrag aus der Schöpfungsgeschichte »Macht euch die Erde untertan« werde missbraucht, kritisiert er. Tiere seien keine seelenlose Geschöpfe. Der Kirchentag Mensch und Tier sei ein Signal für die Amtskirche, »dass es eine breite gesellschaftliche Bewegung gibt, die bislang abgekanzelt wurde«, erklärte Jörns.
Das Thema Tierschutz beinhalte für die Kirche auch eine missionarische Chance, ergänzt Pfarrer Laker, der seit 1990 einmal im Jahr zum Gottesdienst für Mensch und Tier in Dortmund einlädt. Die Resonanz auf den Kirchentag sei zum Teil »enthusiastisch«. Aufgrund der sehr hohen Nachfrage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz rechnet AKUT mit 10.000 Kirchentagsbesuchern. Der Kirchentag werde allein aus Spenden finanziert und ehrenamtlich organisiert, betont Laker. Es gebe keine Zuschüsse von der Kirche.
Artikel wurde geschrieben von Katrin Nordwald
Internet: www.kirchentagmenschundtier.de
_________________________________________________________
Text zum Schlussgottesdienst Kirchentag am 29.08.2010
Du Ursprung allen Lebens
Bariton
Du Ursprung allen Lebens
erforschest, kennest mich.
Ich gehe oder liege,
Du bist um mich.
Du hältst deine Hand über mir.
Von allen Seiten umgibst du mich,
und findest mich.
Will hören den stillen Ton,
auch Wale singen, springen dir.
Sie ziehen weit,
ziehn weiter ihre Bahn.
Sprecher: Lied des Wals
Himmel und Erde singt Tag und Nacht,
dir Lebensquell.
Will hören den stillen Ton,
du schwingend Kosmos Schöpfer Gott.
Das Meer, die Wüste, sie alle loben Dich.
Gertrud Hanefeld
____________________________
Lied des Wals (kleines geistliches Lied nach Psalm 139)
Gott
du erforschst
und kennst mich
Ich schwimme
oder springe nach Luft
so weißt du es
Du hörst mein Singen
von ferne
Ich tauche
oder stehe still unter der Sonne
so bist du um mich
und siehst alle meine Bahnen
Wohin soll ich schwimmen
und wohin tauchen
vor deinem Licht
Springe ich zu den Wolken
so bist du da
strande ich
taub gestört
du bist in meinem Sterben
Nähme ich Flügel der Morgenröte
durchs Wasser zum äußersten Meer
du bist schon dort
Von allen Seiten umgibst du mich
auch in Meerestiefe
Du
Vater des Lichts
und die Nacht leuchtet wie der Tag
Wunderbar
hast du mich geschaffen
in meiner Mutter Leib
Es bewegt mich
Froh
blase ich meinen Atem
in dein Licht
tauche
springe
und schwimme weiter meine Bahn
Nach Psalm 139
Gertrud Hanefeld
Dieser Beitrag wurde am 19.8.2010 um 10.19 Uhr veröffentlicht.
| Die Autorin der Texte im Schlussgottesdienst |
|---|
Gertrud Hanefeld Ihre Themen: Liebe, Lob und Klage der Schöpfung Veröffentlichungen: Aufführungen: Preis für Gottespoetinnen des Frauen-Kirchen-Kalenders 2003 Alle Kompositionen im Archiv „Internationaler Arbeitskreis Gertrud Hanefeld |
| Kommentare lesen |
|---|
| Eigenen Kommentar schreiben |
|---|
| Sie müssen eingeloggt sein, um Kommentare verfassen zu können. Loggen Sie sich hier ein, falls Sie schon einen Account haben Melden Sie sich hier kostenlos an |
| Evangelisch in Westfalen und Lippe |
|---|
| Informationen aus den Kirchenkreisen der EKvW und aus der Lippischen Landeskirche auf den jeweiligen Seiten (klicken Sie auf den gewünschten Bereich). |
|










