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Das Revolutionsjahr 1989

Das Ende der SED-Herrschaft

<b>Deutsch-deutsches Schicksalsjahr</b>: Die Herrschaft der SED unter der DDR-Flagge geht zu Ende.

Deutsch-deutsches Schicksalsjahr: Die Herrschaft der SED unter der DDR-Flagge geht zu Ende.

Der 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution in der DDR steht im kommenden Jahr bundesweit im Mittelpunkt zahlloser Veranstaltungen.

Die folgende Jahreschronik dokumentiert die wichtigsten Geschehnisse, die zum Ende der SED-Herrschaft führten.

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JANUAR

15.1. Rund 500 Personen nehmen in Leipzig zum Gedenktag für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg an einer nicht genehmigten Demonstration für Reformen in der DDR teil. Als sich der Zug in Bewegung setzt, lösen Sicherheitskräfte die Versammlung auf und nehmen 53 Demonstranten für mehrere Tage fest. Am Abend sowie in den Tagen danach finden in Leipzig und mehreren anderen DDR-Städten Fürbittandachten und ein Schweigemarsch für die Inhaftierten statt.

19.1. DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker versichert, die Mauer werde »in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind«.

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FEBRUAR

11.2. Die kommunistische Partei in Ungarn beschließt den Abbau des Stacheldrahtzauns zu Österreich sowie den Verzicht auf das Jahrzehnte beanspruchte Machtmonopol.

23.2. 21 DDR-Oppositionsgruppen sowie später auch das PEN-Zentrum der DDR fordern in einem Brief die Freilassung des kurz zuvor wegen »Rowdytums« verurteilten tschechischen Bürgerrechtlers Václav Havel.

28.2. In Halle protestieren 40 Menschen gegen die Schüsse an der Berliner Mauer.

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MÄRZ

13.3. Im Anschluss an das wöchentliche Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche kommt es zu einer Demonstration von rund 600 Ausreisewilligen auf dem Nikolaikirchhof. Wie schon zuvor andere Leipziger, die für ihren Ausreisewunsch öffentlich eingetreten waren, können sie kurz darauf die DDR verlassen.

19.3. Die mecklenburgische Landessynode beklagt die unvermindert hohe Zahl ausreisewilliger DDR-Bürger. Landesbischof Christoph Stier mahnt mehr Offenheit in der DDR-Gesellschaft an.

29.3. Die Thüringer Regionalgruppe des Arbeitskreises Solidarische Kirche kündigt den Boykott der für den 7. Mai geplanten DDR-Kommunalwahlen an. Später schließen sich 48 Oppositionelle dem Aufruf an. Zwei Monate vorher hatten bereits mehrere DDR-Oppositionsgruppen die Aufstellung eigener Kandidaten angekündigt.

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APRIL

8.4. Am Berliner Grenzübergang Chausseestraße beendet der letzte bekanntgewordene Schusswaffengebrauch an der Berliner Mauer den Fluchtversuch von zwei Jugendlichen.

17.4. Die polnische Gewerkschaft »Solidarnosc« wird legalisiert.

30.4. Zum Abschluss der Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung regen die christlichen Kirchen in der DDR einen breiten Dialog über politische und gesellschaftliche Reformen im Land an.

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MAI

7.5. Bei den Kommunalwahlen in der DDR beteiligen sich Mitglieder zahlreicher Basisgruppen zum ersten Mal an flächendeckenden Kontrollen bei den öffentlichen Auszählungen. Dabei weisen sie erhebliche Wahlfälschungen nach und machen sie publik. In Leipzig werden mehr als 100 Teilnehmer spontaner Proteste gegen die Fälschungen vorübergehend festgenommen.

9.5. Der mit Berufsverbot belegte Anwalt Rolf Henrich beklagt auf einer Veranstaltung in Ost-Berlin Machtmissbrauch und fehlende Rechtssicherheit in der DDR. SED-Chefideologe Kurt Hager betont, dass Reformen nach sowjetischem Vorbild in der DDR nicht infrage kommen.

25.5. In der UdSSR wird Parteichef Michail Gorbatschow zum Staatspräsidenten mit besonderen Vollmachten gewählt.

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JUNI

3.6. In einer in Ost-Berlin verabschiedeten Erklärung appelliert die Leitung des evangelischen Kirchenbundes an die SED-Führung, registrierte Unstimmigkeiten bei den Kommunalwahlen korrekt und schnell aufzuklären. »Wir verstehen die Empörung, die manche ergriffen hat.«

4.6. In Peking richtet das chinesische Militär ein Blutbad unter Studenten an, die seit Wochen auf dem Platz des Himmlischen Friedens für mehr Demokratie demonstrieren. Die Angaben über die Zahl der Toten schwanken zwischen 2.500 und 7.000 Menschen. In Polen sind zu den Parlamentswahlen erstmals Oppositionsparteien zugelassen. Die Gewerkschaft »Solidarnosc« erhält 99 der 100 Senatssitze.

6.6. Bei dem Versuch, Protestbriefe gegen das gewaltsame Vorgehen der chinesischen Polizei gegen die Demokratiebewegung in Chinas Ost-Berliner Botschaft abzugeben, werden über 20 Menschen festgenommen. Weitere Proteste folgen. In der DDR-Bevölkerung wächst die Angst vor der gewaltsamen Niederschlagung friedlicher Proteste.

7.6. In Ost-Berlin demonstrieren rund 300 Oppositionelle gegen die Fälschung der Kommunalwahlen vom 7. Mai. Bei der Auflösung der Ansammlung vor der Sophienkirche werden zahlreiche Teilnehmer durch die DDR-Staatssicherheit festgenommen.

8.6. In der Ost-Berliner Gethsemanekirche verurteilen rund 1.500 Teilnehmer eines Gottesdienstes das Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Demonstration am Vortag als »massiv, brutal und unangemessen«. Die DDR-Volkskammer wertet unterdessen das Massaker in Peking als »Niederschlagung einer Konterrevolution« und zeigt Verständnis für den Militäreinsatz.

27.6. In einem symbolischen Akt zerschneiden Ungarns Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Kollege Alois Mock bei Sopron den Stacheldrahtzaun an der gemeinsamen Grenze.

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JULI

1.7. DDR-Bürger dürfen ab sofort staatliche Entscheidungen zu Reiseanträgen gerichtlich überprüfen lassen. Nach offiziellen Angaben haben im ersten Halbjahr 1989 rund 39.000 Menschen die DDR mit staatlicher Genehmigung und über 5.000 ohne Genehmigung verlassen.

7.7. Der sowjetische Staats- und Parteichef Gorbatschow gesteht jedem sozialistischen Staat seine eigene Entwicklung zu. Damit verliert die sogenannte Breschnew-Doktrin vom November 1968 ihre Gültigkeit.

9.7. Bei der Abschlussveranstaltung eines Kirchentages in Leipzig, an der rund 40.000 Menschen auf der Pferderennbahn der Messestadt teilnehmen, demonstrieren Vertreter kirchlicher Basisgruppen gegen Wahlbetrug in der DDR und gegen die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung in China. Kritische Initiativen, die von dem viertägigen Christentreffen ausgeschlossen waren, hatten aus Protest dagegen zu einem »Statt-Kirchentag« eingeladen.

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AUGUST

5.8. Die DDR-Führung nimmt erstmals im DDR-Fernsehen zu den Botschaftsflüchtlingen Stellung und räumt Probleme ein.

8.8. Die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin stellt wegen Überfüllung den Besucherverkehr ein. Über 130 DDR-Bürger halten sich in der Vertretung auf, um ihre Ausreise zu erzwingen.
14.8. Staats- und SED-Parteichef Erich Honecker verkündet: »Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.«

19.8. In Sopron/Ungarn kommt es zur größten Massenflucht von DDR-Bürgern seit dem Mauerbau. Etwa 900 Menschen nutzen das »Paneuropäische Picknick« zur Flucht über die »grüne« ungarisch-österreichische Grenze.

22.8. Die Botschaft der Bundesrepublik in Prag wird wegen Überfüllung geschlossen. Rund 140 Bürger der DDR wollen von dort aus in den Westen übersiedeln.

23.8. Zwei Millionen Menschen demonstrieren mit einer Kette zwischen Vilnius und Talinn für die Unabhängigkeit der baltischen Staaten.

24.8. In Budapest erhalten 108 Botschaftsflüchtlinge die Ausreiseerlaubnis in den Westen. In Polen wird Tadeusz Mazowiecki zum ersten nichtkommunistischen Regierungschef eines Warschauer-Pakt-Staates gewählt.

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SEPTEMBER

10.9. In Ost-Berlin wird der Gründungsaufruf der Initiative »Neues Forum« veröffentlicht. Er ist von 30 Bürgerrechtlern aus der ganzen DDR unterzeichnet. Ungarn öffnet ohne vorherige Absprache mit der DDR-Führung den DDR-Ausreisewilligen die Grenzen nach Westen. Bis Ende September kommen etwa 30.000 Übersiedler auf diesem Weg in die Bundesrepublik.

11.9. Am Leipziger Friedensgebet nehmen rund 1.300 Menschen teil. Während des Gebets riegeln Polizeiketten das Gebiet um die Nikolaikirche hermetisch ab. Es kommt zu Festnahmen.

17.9. In der Ost-Berliner Gethsemanekirche findet die erste Fürbittandacht für die in Leipzig inhaftierten Demonstranten statt. Es folgen täglich weitere auch in anderen Städten.

19.9. Das »Neue Forum« beantragt als erste Oppositionsgruppe in der DDR eine Zulassung als politische Vereinigung. Die Synode des DDR-Kirchenbundes mahnt in Eisenach grundlegende Reformen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft an. Die Bonner Botschaft in Warschau, in der sich mehr als 120 DDR-Bürger aufhalten, wird geschlossen.

21.9. In Leipzig werden vier der Demonstranten vom 11. September wegen »Zusammenrottung« zu vier bis sechs Monaten Haft verurteilt. Das SED-Zentralorgan »Neues Deutschland« weist in einer bissigen Polemik die kirchlichen Forderungen nach demokratischen Reformen zurück. Die DDR-Führung lehnt die Zulassung des »Neuen Forums« als politische Vereinigung ab.

30.9. In der Prager Botschaft eröffnet Außenminister Hans-Dietrich Genscher den fast 7.000 Flüchtlingen, dass ihnen die SED-Führung die Ausreise in die Bundesrepublik zugesagt habe. Auch die rund 800 Flüchtlinge in Warschau können mit einem Zug nach Westen ausreisen.

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OKTOBER

1.10. Die ersten Sonderzüge aus Warschau und Prag mit etwa 6.800 DDR-Flüchtlingen durchqueren die DDR. Ausreisewillige Bürger versuchen, auf die Züge aufzuspringen. Unterdessen versammeln sich vor der Bonner Botschaft in Prag erneut rund 7.600 Menschen. Die DDR-Nachrichtenagentur ADN empfiehlt, den Botschaftsflüchtlingen »keine Träne« nachzuweinen.

2.10. An der Demonstration im Anschluss an das wöchentliche Leipziger Friedensgebet beteiligen sich rund 20.000 Menschen. Polizei, Stasi-Sondereinheiten und Kampfgruppen gehen mit großer Brutalität dagegen vor. Gewandhauskapellmeister Kurt Masur erklärt zum Vorgehen: »Ich schäme mich.«

4.10. In Prag beginnt die Ausreise von etwa 7.600 DDR-Bürgern in Sonderzügen über das DDR-Gebiet. Am Dresdner Hauptbahnhof versuchen rund 5.000 Menschen, sich Zugang zu den Zügen zu verschaffen. Die Sicherheitskräfte gehen mit Schlagstöcken und Wasserwerfern vor. Aus dem gewaltsamen Widerstand entwickelt sich eine Straßenschlacht, bei der sämtliche Scheiben des Bahnhofs zu Bruch gehen sowie zahlreiche Fahrzeuge in den angrenzenden Straßen demoliert werden. Zwischen Bahnhof und Altstadt unterstreichen zahlreiche Menschen bei friedlichen Demonstrationen ihren Willen zur Gewaltlosigkeit.

7.10. In Ost-Berlin begeht die SED-Führung mit Militärparaden und Aufmärschen das 40-jährige Bestehen der DDR. Unter den Staats- und Parteigästen befindet sich auch der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow, der zur Notwendigkeit von Reformen betont: »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben«. Am frühen Abend versammeln sich zahlreiche junge Leute auf dem Alexanderplatz, um wie auch in anderen DDR-Städten gegen die Fälschung der Kommunalwahlen vom Mai friedlich zu protestieren. Die Polizei geht mit brutaler Gewalt gegen die Demonstranten vor. Im evangelischen Pfarrhaus von Schwante bei Berlin wird die »Sozialdemokratische Partei in der DDR« (SDP) gegründet.

9.10. Im Anschluss an das Montagsgebet in der Nikolaikirche und vier weiteren Leipziger Kirchen demonstrieren erstmals mehr als 70.000 Menschen für politische Reformen. Sie werden von einem erheblichen Aufgebot an Sicherheitskräften begleitet, die aber entgegen ursprünglicher Befürchtungen die Demonstration nicht behindern. Wiederholt skandiert wird dabei »Wir sind das Volk« und Keine Gewalt». In der überfüllten Gethsemanekirche in Ost-Berlin fordert Bischof Gottfried Forck «glaubwürdige Schritte» hin zu einem demokratischen und sozialen Rechtsstaat. In Dresden führt Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer erstmals mit Vertretern der Kirchen und Reformgruppen ein Gespräch über die angespannte Situation in der Stadt.

10.10. Die SED-Führung signalisiert erstmals Bereitschaft zu einem Dialog und betont, dass es sie nicht «gleichgültig» lasse, «wenn sich Menschen, die hier arbeiteten und lebten, von unserer Deutschen Demokratischen Republik losgesagt haben».

16.10. An der bislang größten Demonstration in der DDR seit dem Aufstand vom 17. Juni 1953 beteiligen sich im Anschluss an das Montagsgebet in der Leipziger Nikolaikirche mehr als 120.000 Menschen. ADN meldet erstmals den friedlichen Verlauf. Friedliche Demonstrationen für demokratische Reformen werden an diesem Tag auch aus Ost-Berlin, Dresden, Halle, Magdeburg und Plauen gemeldet.

18.10. Erich Honecker wird vom SED-Zentralkomitee »auf eigenen Wunsch« von allen Ämtern entbunden. Nachfolger wird Egon Krenz, der einräumt, dass die SED in den letzten Monaten die reale Lage verkannt habe. Die Partei habe aber eine »Wende eingeleitet« und strebe einen »ernstgemeinten innenpolitischen Dialog« an.

23.10. In Leipzig gehen am Abend 300.000 Menschen für eine demokratische Umgestaltung der DDR auf die Straße. In Dresden protestieren über 50.000 Menschen gegen die geplante Wahl von Egon Krenz zum Staatsratsvorsitzenden.

24.10. Die Volkskammer wählt Krenz zum Staatsratsvorsitzenden. Die sächsische Landessynode fordert die Freilassung aller »Republikflüchtlinge« und die Einstellung aller laufenden Verfahren nach missglückten Fluchtversuchen. Der Ost-Berliner Bischof Gottfried Forck stellt in einem Fernseh-Interview den Führungsanspruch der SED infrage. Zuvor hatte er bereits die Partei aufgerufen, sich für die Wahlfälschungen im Mai zu entschuldigen.

25.10. In Ost-Berlin weist Stasi-Minister Erich Mielke erhöhte Kampfbereitschaft und das Tragen der Schusswaffe an.

30.10. Mehr als 200.000 Menschen beteiligen sich in Leipzig an der wöchentlichen Montagsdemonstration. Das DDR-Fernsehen berichtet erstmals in einer Live-Sendung darüber. Am selben Tag gehen in Cottbus 20.000, in Halle 50.000, in Karl-Marx-Stadt 20.000, in Pößneck 5.000 und in Schwerin 40.000 Menschen auf die Straße.

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NOVEMBER

1.11. Nach einem dreistündigen Gespräch mit Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow äußert Staatsratsvorsitzender Krenz die Ansicht, dass die Gründe für die Errichtung der Mauer weiter bestünden. Ihre Öffnung sei ein unrealistischer Gedanke.

4.11. Die Ost-Berliner Innenstadt erlebt die größte nicht-staatliche Demonstration in der DDR-Geschichte mit nahezu einer Million Teilnehmern. Unter den Rednern befinden sich die Schriftsteller Christa Wolf, Christoph Hein, Stefan Heym sowie als Vertreter der neuen oppositionellen Vereinigungen Jens Reich und Friedrich Schorlemmer. Das Fernsehen überträgt die Veranstaltungen direkt und ohne vorherige Ankündigung.

6.11. Die DDR-Medien veröffentlichen den Entwurf eines Reisegesetzes. Danach kann jeder Bürger der DDR für maximal 30 Tage pro Jahr ins Ausland reisen, sofern er dies beantragt und eine Genehmigung erhält. Der zuständige Volkskammerausschuss verwirft nach heftiger öffentlicher Kritik die Vorlage bereits am nächsten Tag. Am Abend kommt es zur bislang größten Protestwelle im Land. In mehr als 70 Orten gehen die Menschen auf die Straßen.

7.11. Nach harscher Kritik am Reisegesetz tritt der DDR-Ministerrat unter Willi Stoph geschlossen zurück. Vor dem Gebäude des SED-Zentralkomitees kommt es zu einer ersten Demonstration von SED-Genossen. Sie kritisieren den Wahlbetrug vom 7. Mai und fordern den Rücktritt der Parteiführung.

8.11. Das Politbüro tritt geschlossen zurück. Vor dem Gebäude des SED-Zentralkomitees demonstrieren 15.000 Parteimitglieder. Egon Krenz wird erneut zum Generalsekretär gewählt. Noch immer verlassen täglich etwa 10.000 Menschen das Land. Das »Neue Forum« wird als Vereinigung zugelassen.

9.11. Der Sprecher des SED-Zentralkomitees, Günter Schabowski, teilt auf einer Pressekonferenz mit, dass der Ministerrat eine Reiseregelung zur kurzfristigen Erteilung von Visa ohne Voraussetzungen beschlossen habe. Noch am selben Abend strömen Tausende in Ost-Berlin zu den Grenzübergängen. Kurz vor Mitternacht geben die Grenzbehörden dem Druck nach und lassen die Menschen in beide Richtungen unbehelligt passieren.

10.11. In West-Berlin feiern Hunderttausende den Fall der Mauer. Auch an Grenzübergängen nach Westdeutschland stauen sich die Schlangen. An mehreren Stellen der Mauer werden Durchbrüche geschaffen. Es kommt zu überschwänglichen Freudenszenen. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) bricht seinen Polen-Besuch ab, um am Abend vor dem Schöneberger Rathaus in West-Berlin zu sprechen. Der SPD-Ehrenvorsitzende Willy Brandt prägt dort den Satz »Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört«.

11.11. An der West-Grenze der DDR strömen Hunderttausende mit Fahrzeugen Richtung Bundesrepublik. Es entstehen Staus von über 50 Kilometern Länge. Auf westlicher Seite werden die Besucher in volksfestartiger Weise begrüßt. Die Leitung des evangelischen Kirchenbundes mahnt zur Besonnenheit und unterstreicht die Forderung nach freien und geheimen Wahlen sowie »Wahrhaftigkeit in der Information«.

13.11. Nach Abberufung des amtierenden Ministerrates wählt die Volkskammer den »Reformkommunisten« Hans Modrow zum neuen Ministerpräsidenten. Die DDR hebt die Sperrzonen entlang der Berliner Mauer, der innerdeutschen Grenze und in den Küstengewässern auf. In zahlreichen ostdeutschen Orten gehen die Montagsdemonstrationen trotz Maueröffnung weiter. In Leipzig nehmen am wöchentlichen Marsch über den Innenstadtring rund 200.000 Menschen teil.

17.11. Ministerpräsident Hans Modrow (SED) erteilt Spekulationen über eine Wiedervereinigung eine Absage.

18.11. Hunderttausende DDR-Bürger starten am zweiten Wochenende mit offener Grenze zu Kurzbesuchen nach Westdeutschland und West-Berlin. Trotz zügiger Abfertigung kommt es zu kilometerlangen Staus an den Grenzübergängen. Die DDR-Volkskammer beruft einen Ausschuss zur Überprüfung von Amtsmissbrauch und Korruption. DDR-Generalstaatsanwalt Günter Wendland berichtet, dass bei den gewalttätigen Übergriffen der Sicherheitskräfte Anfang Oktober 3.456 Personen »zugeführt« und gegen 630 Ermittlungsverfahren eingeleitet worden seien. In Ost-Berlin, Dresden und Leipzig demonstrieren weit über 150.000 Menschen gegen den Führungsanspruch der SED und für freie Wahlen.

20.11. Kanzleramtsminister Rudolf Seiters (CDU) nennt bei einer Begegnung mit Ministerpräsident Hans Modrow (SED) in Ost-Berlin als Vorbedingung für wirtschaftliche Hilfe aus Bonn: freie Wahlen, Zulassung oppositioneller Parteien, Verzicht auf den SED-Führungsanspruch, Einführung marktwirtschaftlicher Mechanismen sowie Reiseerleichterungen mit Devisenfonds und Abschaffung des Zwangsumtausches für Bundesbürger.

An der Leipziger Montagsdemonstration beteiligen sich rund 250.000 Menschen. In Halle fordern 50.000 Menschen freie Wahlen und gesellschaftliche Erneuerung. Immer häufiger werden zudem die Auflösung der DDR-Staatssicherheit und der Zugang zu ihren Akten gefordert. Rumäniens Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu lehnt auf dem Parteikongress der KP jegliche Reformen ab.

26.11. Namhafte Persönlichkeiten der DDR und Angehörige von Basisgruppen veröffentlichen den Aufruf »Für unser Land«. Darin plädieren sie für eine eigenständige DDR, in der eine solidarische Gesellschaft entwickelt wird sowie Frieden und soziale Gerechtigkeit, Freiheit des Einzelnen, Freizügigkeit aller und die Bewahrung der Umwelt gewährleitet sind. Zu den Erstunterzeichnern gehören die Schriftsteller Christa Wolf, Volker Braun und Stefan Heym sowie der Theologe Friedrich Schorlemmer.

28.11. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) schlägt in Bonn in einem Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der deutschen Teilung die Bildung einer deutsch-deutschen Konföderation vor.

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DEZEMBER

1.12. Die DDR-Volkskammer streicht die »führende Rolle« der SED aus der Verfassung der DDR. In einem weiteren Beschluss entschuldigt sie sich die Volkskammer beim Volk der Tschechoslowakei für die Teilnahme der DDR am Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag 1968.

3.12. Politbüro und Zentralkomitee der SED erklären nach Protesten tausender Parteimitglieder und nach einem Bericht der DDR-Volkskammer über Korruption in der Parteispitze ihren Rücktritt. Erich Honecker, Willi Stoph, Erich Mielke und zahlreiche andere ehemalige SED-Spitzenfunktionäre werden aus der Partei ausgeschlossen.
Der Leiter des Bereichs Kommerzielle Koordinierung, Alexander Schalck-Golodkowski, flüchtet über West-Berlin in den Westen. Die ehemaligen Politbüromitglieder Günter Mittag und Harry Tisch werden wegen schwerer Schädigung des Volkseigentums und der Volkswirtschaft verhaftet. Mit einer Menschenkette von Saßnitz auf der Insel Rügen bis nach Zittau an der Grenze zur Tschechoslowakei bekräftigen Tausende DDR-Bürger ihren Willen zur gesellschaftlichen Erneuerung.

4.12. In Erfurt dringen erstmals Bürger in die ehemalige Dienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit ein, um zu verhindern, dass weiterhin Stasi-Akten als Beweismaterial vernichtet werden. Die Nachricht über die Besetzung breitet sich in der gesamten DDR aus und führt am Abend zu weiteren Besetzungen. Knapp sechs Wochen später wird mit der Besetzung der Berliner Stasi-Zentrale auch die Grundlage für die spätere Offenlegung der Akten geschaffen.

6.12. Egon Krenz tritt als Staatsratsvorsitzender zurück. In rund 20 überwiegend kleineren Orten der DDR kommt es am Abend wieder zu Demonstrationen, die sich vor allem gegen die Machenschaften der Staatssicherheit richten.

7.12. Im Ost-Berliner Dietrich-Bonhoeffer-Haus tritt der zentrale Runde Tisc der DDR zu seiner ersten Sitzung zusammen und beschließt, sofort mit der Arbeit an einer neuen Verfassung zu beginnen. Die eigene Arbeit soll nach dem Willen der vorerst 32 Mitglieder des Runden Tisches bis zu den ersten freien, demokratischen und geheimen Wahlen in der DDR fortgesetzt werden. Gefordert wird unter anderem die sofortige Auflösung des aus dem Stasi-Ministerium hervorgegangenen Amtes für Nationale Sicherheit. Beschlossen wird zudem, am 6. Mai 1990 die ersten freien Wahlen abzuhalten.

8.12. Auf ihrem zweitägigen Sonderparteitag in Ost-Berlin wählen die SED-Delegierten Rechtsanwalt Gregor Gysi zum neuen Parteivorsitzenden.

11.12. Bei den mittlerweile traditionellen Montagsdemonstrationen in der DDR wird wiederholt der Ruf nach Wiedervereinigung erhoben.

19.12. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) trifft zu Gesprächen mit Ministerpräsident Hans Modrow (SED-PDS) in Dresden zusammen. Beide Regierungschefs vereinbaren Verhandlungen über eine deutsch-deutsche Vertragsgemeinschaft. Kohl wird bei seiner Ansprache vor der Ruine der Frauenkirche von der Bevölkerung umjubelt.

21.12. In der DDR wird der Schießbefehl offiziell aufgehoben.

24.12. Erstmals können Bundesbürger und West-Berliner zu Weihnachten ohne Visum und Zwangsumtausch in die DDR reisen.

25.12. In Rumänien wird der kurz zuvor verhaftete Diktator Nicolae Ceausescu mit seiner Frau von einem Militärtribunal zum Tode verurteilt und sofort hingerichtet.

29.12. Der Schriftsteller Vaclav Havel wird einstimmig zum neuen Staatspräsidenten der Tschechoslowakei gewählt. epd

Siehe auch »Friedliche Revolution« und nicht »Wende«

Dieser Beitrag wurde am 31.12.2008 um 11.55 Uhr veröffentlicht.

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