Präsidentenwahl
Wulff oder Gauck?
Die Nutzer auf www.unserekirche.de haben sich bereits entschieden: Wenn sie in der Bundesversammlung am 30. Juni mit stimmen dürften, wurden mehr als 58 Prozent Joachim Gauck zum Bundespräsidenten wählen.
Nur 18 Prozent gäben Christian Wulff ihre Stimme. Im Rekordtempo hat es der ehemalige Rostocker Pfarrer und Bürgerrechtler zum „Kandidaten der Herzen“ gebracht. Selbst die Bild am Sonntag sprach sich für ihn aus: „Yes, we Gauck“.
Doch weil es keine Direktwahl gibt, wird es - von der Kräfteverteilung her gesehen - so wohl nicht kommen.
Zwar ist die Wahl Wulffs noch nicht gelaufen, auch könnte es am Schluss noch ziemlich eng werden. Doch sehr wahrscheinlich ist es nicht, dass Union und FDP die Kanzlerin derart düpieren werden. Sie nämlich hatte Wulff vorgeschlagen.
Und zweifellos wäre er auch ein guter Kandidat.
Was für ihn spricht, ist vor allem, dass er eine sehr detaillierte Kenntnis des politischen Apparats hat und in Berlin und den Ländern in alle Richtungen vernetzt ist. Auch will die Kanzlerin nicht noch einmal einen, der außerhalb des Politikbetriebs steht. Einen, der unabhängig ist.
Und damit auch nicht so gut berechenbar.
Genau das ist es, was man in Berlin wohl dem zurückgetretenen Horst Köhler vorwirft. Zwar war er bei den Bürgern sehr beliebt, wozu sein intensiver Einsatz für Behinderte und Arme – vor allem in Afrika – erheblich beigetragen haben dürfte. Aber er sprach von „den Politikern“, hielt Abstand von ihnen, kritisierte sie zuweilen auch heftig.
Gauck wäre ähnlich unabhängig, in manchem sicherlich noch standfester als Köhler.
Seine ganze Biografie zeigt, dass er immer klar bei seinen christlichen und demokratischen Grundüberzeugungen geblieben ist. Als Pfarrer in der DDR hat er der Anpassung widerstanden. Und auch als Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde ging er keine Kompromisse ein.
Gut hätte der „linke, liberale Konservative“, wie Gauck sich selber nennt, der gemeinsame Kandidat beider Lager sein können. Steht er den Christdemokraten doch ebenso nahe wie SPD und Grünen.
Die Kanzlerin weiß das genau.
Schließlich hielt sie bei seinem 70. Geburtstag eine lange Eloge auf all seine Verdienste.
Dass sie sich letztlich nicht dazu durchringen konnte, einem gemeinsamen Wahlvorschlag zuzustimmen, ist sehr bedauerlich, geradezu tragisch. Denn das Angebot lag vor.
Offenbar verkennt Angela Merkel, wie groß der Wunsch vieler Menschen nach überparteilicher Orientierung ist.
Vor allem nach Glaubwürdigkeit sehnen sich viele, nach Klarheit und Unabhängigkeit. Der 30. Juni wäre eigentlich eine große Chance, dies über alle Parteigrenzen hinweg zu demonstrieren.
Wolfgang Riewe
Dieser Beitrag wurde am 25.6.2010 um 14.41 Uhr veröffentlicht.
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