Rechte Gewalt vor der Haustür
Wer kümmert sich um Opfer?
Die Zahl der Todesopfer rechtsextremistischer Gewalt ist offenbar weit größer als bisher bekannt. Während offizielle Statistiken von 47 Todesopfern im Zeitraum von 1990 bis 2009 ausgingen, kommen neuere Nachforschungen zu dem Schluss, dass es mehr als 180 Menschen sein könnten, die zwischen 1990 und 2011 durch Neonazi-Morde ums Leben kamen.
Unter Hochdruck durchforsten die Landeskriminalämter derzeit ungeklärte Altfälle. Dabei wird deutlich, dass eine ganze Reihe von Mord- und Totschlagsfällen der letzten zwanzig Jahre völlig neu bewertet werden müssen. So hat das kürzlich aufgeflogene Thüringer Terror-Trio seit 2000 vermutlich auch in Nordrhein-Westfalen mehrere Morde begangen.
Erwiesen ist zum Beispiel, dass sie es waren, die am 4.April 2006 den Dortmunder Kiosk-Besitzer Mehmet K. ermordeten.
Mit fünf Kopfschüssen töteten sie den dreifachen Familienvater. Als wäre dieser Mord für die Familie nicht schon schlimm genug, vermutete die Polizei damals, Mehmet K. sei das Opfer von Schutzgelderpressern geworden oder habe Verbindungen ins Drogenmilieu gehabt.
Boulevardmedien nahmen diese Gerüchte bereitwillig auf und verbreiteten sie.
Elif K., die Ehefrau des Ermordeten, wagte es lange Zeit nicht mehr, das Haus zu verlassen. Auch die Kinder waren verstört. Weil Mehmet K. nie von Angst vor Schutzgelderpressern oder der Drogenmafia gesprochen hatte, vermutete die Familie bald, dass Rechtsextremisten die Täter sein könnten.
Sie ziehen häufig durch die Dortmunder Nordstadt und überziehen Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund mit Hasstiraden.
Doch die Polizei glaubte Frau K. und ihren Kindern nicht. Weiterhin sprach sie von den „Döner-Morden“: Opfer der Attentate waren nämlich kurz hintereinander drei Inhaber von Dönerläden, zwei Gemüsehändler, ein Blumenhändler, ein Änderungsschneider, ein Mitinhaber eines Schlüsseldienstes gewesen - und Mehmet K., der in der Dortmunder Mallinckrodtsraße seinen Kiosk betrieb.
Polizei und Staatsanwaltschaft vermuteten, dass es sich um Auseinandersetzungen innerhalb türkischer Gruppierungen handelte.
Als sich nichts Genaueres herausfinden ließ, schlossen sie die Akten.
Zusammenhänge mit dem wachsenden Rechtsextremismus wurden damals schlicht ignoriert.
Dabei gab es schon seit längerem Anzeichen für zunehmende Gewaltbereitschaft rechtsextremer Gruppen. So häuften sich Überfälle brauner Schlägertrupps, die aus dem Hinterhalt wehrlose Menschen angriffen und auf sie einprügelten. Viele starben dabei.
Heute – fünf Jahre später - ist es dringend an der Zeit, dass all diese Fälle neu aufgerollt und bewertet werden.
Neben den Linksextremen und Islamisten müssen sich die Verfassungsschützer stärker als bisher auch rechtsextremen Gewalttätern widmen. Und ihnen das Handwerk legen.
Doch selbst wenn jetzt hier ein Umdenken einsetzt - wer kümmert sich eigentlich um die Angehörigen von Opfern wie Mehmet K.?
Bisher wurden sie mit ihrem tiefen Schmerz allein gelassen.
Sie blieben im Ungewissen und konnten sich nicht aussprechen. Jetzt muss ihnen dringend psychologische und seelsorgerliche Hilfe zuteil werden, auf die sie schon längst Anspruch gehabt hätten. Auch eine finanzielle Entschädigung müssen sie erhalten.
Es ist beschämend, dass Menschen wie Mehmet K. ohne nähere Prüfung Geschäfte mit Drogenhändlern angedichtet wurden.
Und dass man ihre Fälle so schnell beiseite legte, ohne Zusammenhängen mit rechtsextremem Ausländerhass nachzugehen. Vertreter von Polizei und Behörden, denen diese Fehleinschätzung passiert ist, sollten wenigstens nachträglich die Angehörigen der Opfer um Entschuldigung bitten.
Angemessen reagiert hat bereits Bundespräsident Christian Wulff.
Er lud die Angehörigen der Opfer ins Schloss Bellevue nach Berlin ein. Ihren Schmerz wird diese Begegnung mit dem Staatsoberhaupt zwar kaum lindern. Dennoch ist es eine gute Geste und könnte der Anfang zu einer Versöhnung des Staates mit Opfern rechtsextremer Gewalt werden.
Denen, die jahrelang unter falschen Verdächtigungen gelitten haben, muss endlich Recht widerfahren.
Wolfgang Riewe
Dieser Beitrag wurde am 21.11.2011 um 08.44 Uhr veröffentlicht.
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