Käßmann auf dem Kirchentag
Umjubelt und gefeiert
Kalt und nass war’s diesmal am „Roten Sofa“. Immer wieder setzte Nieselregen ein, und die Besucher verzogen sich in die beheizten Hallen. Doch dann kam sie – und die Massen strömten herbei.
Margot Käßmann war neben Angela Merkel und Nina Hagen der unbestrittene „Star“ des Ökumenischen Kirchentags. Umjubelt und gefeiert wurde sie, mit stehenden Ovationen bedacht. München war der Ort ihrer Wiederkehr. Dabei sind erst drei Monate vergangen, nachdem die ehemalige Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende wegen einer nächtlichen Autofahrt unter Alkoholeinfluss alle ihre Ämter niedergelegt hatte.
Von einem Tag auf den anderen hatte sie sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.
Doch weil sie ihr Fehlverhalten zugab und sofort zurücktrat, hat man ihr verziehen und begegnet ihr nun mit neuem Respekt.
Die Menschen, die vor dem „Roten Sofa“ im Regen ausharren, klatschen Beifall, als sie gemeinsam mit ihrem Nachfolger, dem rheinischen Präses Nikolaus Schneider, auf die Bühne kommt und auf dem „Roten Sofa“ Platz nimmt. Immer wieder vom Beifall unterbrochen, beantwortet sie offen und souverän meine Fragen. Danach schreibt sie Autogramme in ihr neues Buch.
Bis zum Ende des Kirchentages geht das so weiter.
Bei allen elf Auftritten klatschen die Leute, rufen ihr Grüße zu, bitten sie ums Autogramm. Eckhard Nagel, der evangelische Kirchentagspräsident, bringt auf den Punkt, was die meisten von ihnen denken: Margot Käßmann sei ein „Vorbild für viele und ein Bild für Vertrauen.“
Es ist offensichtlich: Für die Kirchentagsbesucher verkörpert Margot Käßmann das, was sich die meisten Christen an der Basis von Menschen im Leitungsamt ihrer Kirche wünschen: Verständlichkeit, Klarheit, Authentizität.
Margot Käßmann stand zu ihren Fehlern (Autofahrt), Niederlagen (Scheidung) und Leiden (Brustkrebs). Und sie war zu schmerzhaften Konsequenzen bereit. Darum konnte man ihr verzeihen.
Nun ist sie populärer denn je. Auch ohne hohes Amt. Von Herzen sei ihr dies gegönnt.
Doch ganz unproblematisch ist es nicht. In München nahm die Verehrung ihrer Person teilweise skurile Züge an: Wie ein Star wurde sie sofort überall umringt. Ihre Fans beklatschten fast alle ihre Äußerungen, auch wenn es nur Randbemerkungen waren.
Und einige setzten alles daran, noch näher an sie heranzukommen, um sie nur einmal mit der Hand berühren zu können.
So viel Verehrung ist nicht gut für einen Menschen.
Zu hoffen ist daher, dass all diese Ovationen Margot Käßmann nicht zu Kopfe steigen. Und sie bleibt, wie wir sie eigentlich kennen: Natürlich, geradlinig, bescheiden. Zur Selbstkritik fähig.
Nach den vier Monaten ihres USA-Aufenthalts wird die Käßmann-Euphorie sicher etwas abgeebbt sein. Und sie selbst wird genügend Zeit gehabt haben, darüber nachzudenken, wie sie weitermachen will.
Die Rolle der freiberuflichen Heilsprophetin wird sie sicher nicht spielen können.
Doch wünschen sich viele, dass sie wieder eine öffentliche Rolle im Protestantismus einnehmen sollte. An welcher Stelle – das zu entscheiden, ist ihre Sache. Und die des Rates der EKD.
Wolfgang Riewe
Dieser Beitrag wurde am 19.5.2010 um 20.43 Uhr veröffentlicht.
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