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Gespaltene Bevölkerung

Stuttgart 21: Wut gegen »die da oben«

Es geht um mehr als nur um einen Bahnhof und ein paar Bäume. Der anhaltende Protest gegen das Bahnprojekt „Stuttgart 21“ zeigt, wie gespalten die Bevölkerung bei solchen Großprojekten inzwischen ist - und wie sehr inzwischen viele Menschen „denen da oben“ misstrauen.

Noch immer ist der Konflikt um „Stuttgart 21“ nicht gelöst. Unversöhnlich stehen sich nach wie vor Befürworter und Gegner des Bahnhofsbaus gegenüber. Nachdem der als Schlichter gerufene Heiner Geißler während der Schlichtungsgespräche einen Baustopp angekündigt hatte, nahm Ministerpräsident Stefan Mappus dieses sofort wieder zurück. Der Streit geht also in die nächste Runde.

Noch immer ist die Empörung groß über den rabiaten Polizeieinsatz, bei dem Beamte gegen demonstrierende Schüler und Umweltaktivisten mit Wasserwerfern und Prügeln losgingen, als handele es sich um gewaltbereite Kriminelle.

Der Polizeipräsident rechtfertigte dies anschließend damit, dass er angab, die Demonstranten hätten die Polizisten mit Pfefferspray und Steinen angegriffen. Die Wut der Demonstranten besänftigte diese Erklärung nicht.

Was ist eigentlich los, wenn Schüler, Rentner, Hausfrauen, junge Leute in Jeans und Anzugträger mit Designer-Brille tagsüber und auch abends in die Innenstadt ziehen und lautstark ihrem Unmut Luft verschaffen?

63.000 waren es allein am vergangenen Samstag. Der Bahnhofsumbau allein kann solche Reaktionen wohl nicht auslösen. Er erscheint – zumindest mit etwas Abstand betrachtet – sogar ziemlich vernünftig zu sein.

Die Argumente für „Stuttgart 21“ sind: Das Projekt ermöglicht den Lückenschluss in der europäischen Magistrale Paris – Budapest. Die Fahrzeit zwischen Stuttgart und Ulm wird halbiert. Flughafen und Messe werden angebunden.

Die riesigen Gleisanlagen verschwinden aus der Stadt und es entsteht mitten im Zentrum ein großes Areal mit Wohn- und Arbeitsraum.

Nicht zuletzt schafft das Projekt rund 4000 neue Arbeitsplätze.

Seit 17 Jahren ist das „Stuttgart 21“ in Planung. Alle demokratischen Gremien haben zugestimmt, Gerichte haben es bestätigt. Doch jetzt, wo alles beschlossen ist, laufen die Gegner des Projekts Sturm und versuchen es in letzter Minute doch noch zu verhindern. Sie treibt vor allem die Sorge um die Sicherheit des neuen Tunnelsystems.

Außerdem sehen sie „Stuttgart 21“ als „gigantische Verschwendung von Steuergeldern.“

Die Befürworter dagegen haben Sorge um die Zukunft der Verkehrswege und den Wirtschaftsstandort Stuttgart. Sie sehen die Sicherheit durch das Tunnelsystem nicht gefährdet. Vor allem aber pochen sie darauf, dass das Projekt von den verschiedenen demokratischen Ebenen genehmigt worden ist und dem Bauherrn, der Deutschen Bahn, die Baugenehmigung nicht wieder entzogen werden kann.

Doch mit rein sachlichen Argumenten sind die Massen, die zu den Demonstrationen strömen, nicht zu überzeugen. Die Wurzeln der Wut liegen tiefer.

An Großprojekten wie „Stuttgart 21“ macht sich offensichtlich ein allgemeines Unbehagen fest, das schon länger unter der Oberfläche schwelt. Es ist das Unbehagen gegenüber den Technokraten in Politik und Wirtschaft, die schwer durchschaubare Großprojekte planen und durchpeitschen wollen. Die meinen, sie müssten sich nicht groß Mühe machen, sie genauer zu erklären.

Wie etwa beim St. Gotthard-Tunnel in der Schweiz hätte man den Tiefbahnhof in Stuttgart den Menschen anhand von Modellen im Detail erläutern müssen, damit sie sich genauere Vorstellungen hätten machen können. Gegenargumente hätte man einbeziehen oder entkräften müssen.

Aber nun ist es dafür zu spät.

Zu sehr ist die Debatte inzwischen von Emotionen bestimmt. Was die Gemüter besänftigen könnte, wäre vielleicht ein befristeter Baustopp, zumindest für die Zeit der Vermittlungsgespräche. Das Projekt einfach mit Gewalt durchzusetzen, ist bei dieser Stimmungslage kaum ratsam.

Die Demokratie würde weiter schweren Schaden nehmen.

Wolfgang Riewe

Dieser Beitrag wurde am 10.10.2010 um 09.34 Uhr veröffentlicht.

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