EKD-Jahresempfang
Sommerabend in Berlin
Ein lauer Sommerabend in Berlin. Trotz der Wärme fast ausnahmslos dunkel gewandete Damen und Herren eilen über den Gendarmenmarkt. Passieren die Sicherheitskontrollen und schreiten die Stufen zur Französischen Friedrichstadtkirche hinauf.
Hierher lädt einmal im Jahr die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zum traditionellen Johannisempfang. Zahlreiche Spitzenpolitiker sowie sämtliche Bischöfe und Präsides der evangelischen Landeskirchen sind anwesend. Als der mit Lutherrock und Amtskreuz auftretende EKD-Bevollmächtigte Bernhard Felmberg die Kanzlerin begrüßt, kommt freundlicher Applaus auf. Ebenso, als er dem neu gewählten, doch nicht anwesenden Bundespräsidenten Wulff gratuliert und ihm für sein Wirken Gottes Segen wünscht.
Der Applaus schwillt merklich an, als der Bevollmächtigte des Rates der EKD den Wahlverlierer willkommen heißt, der bescheiden in Reihe vier sitzt: Joachim Gauck.
Deutlich hörbar wird, wem die Sympathien der hier versammelten Kirchenvertreter gehören.
Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik haben sich Vertreter der Evangelischen Kirche so stark für einen Bundespräsidenten-Kandidaten ausgesprochen. Dabei spielte wohl nicht nur die Tatsache eine Rolle, dass Gauck im Gegensatz zu Wulff evangelisch ist und sie den früheren Rostocker Pfarrer als einen der ihren zählen.
Denn auch Christian Wulff ist unter Protestanten gut angesehen, in Niedersachsen sogar sehr beliebt.
Was vor allem eine Rolle spielte ist, dass der eigentlich eher bürgerlich-konservative Kandidat der Roten und Grünen eher als Wulff für sie versprach, über die verminten Grenzen der Parteien hinweg Brücken zu bauen.
Nun aber ist Christian Wulff der neue Bundespräsident geworden.
Und auch er sieht sich als Brückenbauer. Bei seiner Vereidigung sagte er am Freitag sogar wörtlich, dass er sich „als Brückenbauer zwischen Jung und Alt, Ost und West, Einheimischen und Einwanderern, Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Arbeitslosen sowie Menschen mit und ohne Behinderung“ versteht.
Besonders will Wulff sich für ein besseres Miteinander der Kulturen engagieren.
Die Deutschen müssten offen sein für die Zusammenarbeit mit anderen Teilen der Welt, sagte er.
Das lässt aufhorchen!
Auch dass der jüngste Bundespräsident aller Zeiten das Schloss Bellevue demnächst zu einer Art „Denkfabrik’“ umgestalten, lässt auf eine gute, produktive Amtszeit hoffen.
Wulff will nicht das einsame „Schlossgespenst“ – ein Vorwurf gegen Köhler - spielen, sondern nach Bellevue viele unabhängige Geister einladen.
Vielleicht entwickeln sich daraus ähnlich aufregende Gedanken wie einst zu Zeiten Friedrichs des Großen, der mit Voltaire und anderen Großen zu Tische saß.
Dem matten Berliner Politikbetrieb könnte solch ein Diskussionszirkel von Schriftstellern, Künstlern und Wissenschaftlern frisches Leben einhauchen.
Notwendig wäre das allemal.
Wolfgang Riewe
Dieser Beitrag wurde am 2.7.2010 um 18.17 Uhr veröffentlicht.
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